Gut oder ganz…? Und das Intermezzo aus “Carmen”.

Entscheide dich weise.

Gut oder ganz…? Wofür entscheidest du dich?

Naja, wenn ich jetzt ehrlich bin, war es lange Zeit mein Bestreben, gut zu sein. Richtig gut. Eventuell mag es von der Tatsache herrühren, dass ich einen Bruder habe und ich einfach mehr Aufmerksamkeit bekam, wenn ich eben GUT war. War ich GANZ, gab´s dagegen öfter mal Stress zuhause…

Ich arrangierte mich recht schnell: Gut sein. Angepasst sein. Lebte also gut und angepasst vor mich hin.

Das alles wurde mir zur Falle. Ziemlich hinterhältig, wie ich finde. Denn ich entschied mich irgendwann ziemlich klar, dass ich Dirigentin sein werde.

Dirigentin! Das will ich sein.

Musik liebe ich. Ganz besonders die klassische Musik. Und die selbstgemachte. Auch Klarinettistin oder Saxophonistin wären durchaus ne Alternative gewesen. Doch da ich in den Orchestern wegen der einheitlichen Kleiderordnung schon öfters Ärger hatte, dachte ich mir: “Machste Dirigentin, dann kannst du anziehen, was du willst. Und auch die Stücke auswählen, die dir gefallen…” Der Hauptgrund dieser Entscheidung war allerdings die Musik. Ich liebe es, die Musik zu fühlen — überall in mir drin. In jeder einzelnen Zelle meines Körpers. Und als Dirigent bis du ja stets umschlossen von der Musik. Du formst sie quasi und erschaffst ihren Raum…

Es lief am Anfang erstaunlich gut. Ich dirigierte ein Jugendorchester. Dreißig Kinder. Und mit Kindern kann ich gut, das liegt mir. Und da ich ja “gut” sein wollte, machte ich auch gleich die staatliche Anerkennung als Dirigentin. Technik ist wichtig beim Dirigieren, das fühlte ich schnell. Diese Ausbildung lief auch noch recht gut dahin. Die Klavierstücke für die Prüfung zum Beispiel lernte ich damals einfach auswendig —also genau das was verlangt wurde — und ergatterte damit auch noch eine 1,0. Ohne wirklich Klavier spielen zu können. Angepasst halt. Ich lieferte das, was von mir erwartet wurde. Das war ich aus der Schule schon gewohnt. Und ich wollte ja schließlich auch nur gut sein.

Bald wollte ich dann “noch mehr gut” sein! Die Arbeit mit Orchestern liebte ich immer mehr, so dass ich einfach dafür brannte, jetzt noch viel mehr zu lernen. Die staatliche Anerkennung reichte mir nicht mehr. Der B-Schein sollte her. Puh, das ist schon ne Hausnummer. Doch mutig war ich schon immer. Und entschlossen. Und eben “gut”.


Meine Zeit in Leipzig. Der Wendepunkt.

Vor fast zwanzig Jahren fahre ich nach Leipzig. Zwei Jahre dauert die Ausbildung als Dirigentin (für symphonische Blasorchester) dort. Zu Beginn sind wir vierzehn Männer und zwei Frauen; am Ende der Ausbildung merklich weniger. Ich bin bis zum Ende dabei. Viele Partituren im Gepäck. Und wisst ihr, was ich da noch im Gepäck hatte: Mein “gut sein”. Und mein “angepasst sein.” Scheiße…


DAS GEHT HIER NICHT!

Irgendwie scheint unser Lehrer im Dirigieren so gar nicht angepasst. Ich vergleiche ihn mit einem Torero — genau so könnt ihr ihn euch denken. Mit funkelnden Augen und wilder Frisur. Er scheint das auch tatsächlich zu fühlen, was er dirigiert. Weißt du, wie man das nennt: Authentizität.

Und ich — was habe ich zu bieten? Naja, immerhin bin ich gut und angepasst.

„Der Barbier von Sevilla“ — das liegt heute auf. Neues Stück, niemand von uns hat es bisher dirigiert. Und im Saal sitzt das Rundfunkblasorchester Leipzig. “Wer will als erster dirigieren?” Frage des Chefs.

„…Andrea, pass jetzt bloß auf. Nicht aufschauen… Jetzt gilt es einfach mal recht beschäftigt in der Tasche zu kramen oder so… Am Ende könnte ein Blickkontakt wirken, als wolltest du als erste ran… Willst ja wohl nicht gleich die erste sein…”

Monkey-Mind is calling.

Schritte. Der Chef kommt mit dem Taktstock in der Hand direkt auf mich zu und sagt recht laut: „Wenn dieses Stück jemand dirigieren kann, dann du, Andrea. Denn du siehst heute absolut Spanisch aus!“

WTF!! Vermutlich war das als Kompliment gedacht — an diesem Abend hatte ich meine ziemlich dunklen langen Haare zu Zöpfen geflochten. Ich selbst habe mir in diesem Augenblick von ganzem Herzen gewünscht, eventuell etwas mehr norwegisch oder finnisch auszusehen — blond oder zumindest hell. Denn Grieg stand heute nicht auf dem Plan…

Augen zu und durch. Und es wäre ja auch nicht schwierig gewesen — das Stück ist komplett neu und Fehler sind da durchaus willkommen. Man will ja auch etwas lernen. Nur dieser blöde Glaubenssatz von mir: Ich bin gut! — steht mir vollkommen im Wege! Wie eine unüberwindbare Wand steht da dieser bescheuerte Glaubenssatz vor mir.

Die halbe Stunde Probezeit überstehe ich irgendwie— wobei ich wirklich krampfhaft versuche, gut zu sein. So ne kleine Karajan-Kopie halt. Oder Simon Rattle, den find ich richtig genial. Hä — das hat doch niemand von mir verlangt??? Authentisch sein wäre klar die bessere Wahl gewesen. Offen zu sein. Sich einfach mal meiner Un-Perfektheit zu öffnen. Ich bin einfach zu schwach dafür…

Denn von dieser Öffnung bin ich meilenweit entfernt… Rosina und Graf Almaviva haben sich bestimmt kurz gefragt, was ich da vorne eigentlich grad so will.

Ich stolpere mich durch meine Ausbildung in Leipzig. Immer wieder mit dem Rundfunkblasorchester arbeitend. Oben auf dem Podest. Stets den perfekten Schein wahrend. „Willst du gut sein oder willst du ganz sein?“ Gut, selbstverständlich. Noch immer keine Frage.

Irgendwann kommt die „Carmen-Suite“ dran. Carmen, diese rassige Zigeunerin. Ich liebe diese Oper! An diesem Tag zieht jeder die Stelle, die er dirigieren soll. Als ich das Intermezzo aus dem 3. Satz ziehe, denke ich mir: „Das passt perfekt — diesen introvertierten Flöten-Teil liebe ich ganz besonders. Das kann ich richtig gut!“

Tataaaaa — da war es auch schon wieder: Mein “gut”.

Vorbereitet habe ich mich selbstverständlich top. Ganz so, wie ich es von mir selbst auch erwarte. Auftakte und Einsätze sitzen, Taktwechsel sind keine dabei. Immer wieder mal ein bisschen rubato und auf die Phrasierungen achten. Ach ja, a bissl verklärt schauen, das schaffe ich auch gut. Übe das sogar vor dem Spiegel. Da kann ich jetzt zeigen, dass ich die perfekte Dirigentin bin!

Wisst ihr was? Ich bin wie erfroren dort oben auf dem Dirigenten-Pult — erstarrt. Zumindest innerlich. Vor mir das Rundfunkblasorchester. Alle sehen mich erwartungsvoll an und der erste Einsatz klappt auch hervorragend. Mechanisch eben. Technisch gibt es sicher nichts auszusetzen daran.

Musik (Leben) — eingesperrt in dieses scheiß “gut sein” wollen…??!!
Gut sein??

Das ist so was von bescheuert. Erbärmlich. Das ist “NICHT-LEBEN”. Toter sein als es überhaupt möglich ist. In diesem Augenblick wird mir das bewusst. Da ist eine wunderschöne Musik zum FÜHLEN. Zum SEIN. Und ich mache da gerade etwas absolut Totes daraus?? Ich sperre alles ein mit meinem “Gut sein”?? Allem voran meine Gefühle??

Alter Falter…

Weshalb ist es mir einfach nicht möglich, meine Gefühle authentisch zu zeigen? Aus dem Herzen zu dirigieren? Überhaupt etwas zu fühlen? Ist es nicht gerade das, was uns an anderen Menschen berührt? Wenn jemand Gefühle zeigt? Ich bin wie erstarrt, lediglich mein Arm schlägt den Takt.

1–2–3–4, 1–2–3–4, 1–2–3–4…

Und an diesem Tag treffe ich eine Entscheidung — mein restliches Leben betreffend: Ich werde nicht mehr perfekt sein! Ich werde nicht mehr gut sein! Und ich werde nie mehr „Nicht-Ich“ sein.

ICH WERDE ENDLICH GANZ SEIN! Im Leben und als Dirigentin.
Willst du eine Gruppe kraftvoll führen, dann wird dies nur authentisch möglich sein. Nichts anders entspricht der Wahrheit. Und alles andere ist ein armseliger Abklatsch deines wahren SEINS.

Eine lange Reise beginnt. Es ist die Reise zu mir selbst. Ich bin sowas von entschlossen. Will lernen. Will forschen. Will wissen.

Was ist “Authentizität”? Wie bin ich überhaupt “authentisch”? Welche Masken trage ich so den ganzen Tag über? Welche Masken trage ich abseits des Dirigenten-Pultes? Und schaffe ich es nicht, mich echt zu zeigen, was genau hält mich davon ab? Alles will ich jetzt lernen und erfahren. Und zwar von den besten Lehrern, die es gibt. Dazu bin ich fest entschlossen!

Und wisst ihr was? Ab dieser Entscheidung kreuzen Lehrer mein Leben. Einer nach dem anderen. Es ist damals, als wäre ich jetzt endlich bereit dafür, ganz tief in mein Bewusstsein einzusteigen. In mein Innerstes. Furchtlos zu forschen. Zu erkennen. Und zu verändern.

AUTHENTIZITÄT… BEWUSSTSEIN… MINDSET… ENERGIEN… RESONANZ… IDENTITÄTEN… MASKEN… GLAUBENSSÄTZE…

Endlich mache ich mich auf die Reise! Auf die Reise zu mir selbst. Noch bin ich nicht angekommen — und doch führe ich jetzt Gruppen und Orchester viel reiner, klarer und authentischer. Ich verbiege mich nicht mehr. Ich bin, wie ich bin. Auch wenn es mich den Job kosten mag. Schon gekostet hat. Damit lebe ich gut. Fühle mich lebendig dabei. Und bin ich selbst lebendig, dann lebt das Orchester. Lebe ich, dann lebt die Musik. Gefühle stehen ganz oben. Sie stehen neben mir auf dem Dirigenten-Pult. Wir halten uns an der Hand.

Und du so…? Wie fühlst du dich auf dem Dirigenten-Pult deines Lebens?

Herzlich, dein Freigeist Andrea.

Authentisch SEIN. Authentisch FÜHREN.

Wenn du mir künftig auf medium folgen magst, freue ich mich sehr. Meine Datenschutzhinweise findest du auf meiner Seite:

www.andreagrillenberger.com/datenschutzerklaerung

www.andreagrillenberger.com/impressum