Meine liebste Oma…

…und warum ich sie nachts um zwei im Krankenhaus besuchte.

Das ist meine liebste Oma. Genau so, wie man sich eine Oma wünscht…

Meine Oma war eine Oma, wie man sich eine solche immer wünscht! Ihr ganz großes und stets offenes Herz beschreibt sie für mich am allerbesten.

Brauchten wir Kinder jemanden, der uns tröstet, dann suchten wir immer gleich mal Oma auf. Hatten wir Mist gebaut, dann war Oma genau die Richtige, um das wieder gerade zu rücken. Und wenn wir uns als Jugendliche um 1 Uhr nachts noch Spaghetti wünschten — dann gab es nur eine Person, die uns diesen Wunsch eventuell noch erfüllte: Oma.

Auch alle meine Freunde und Freundinnen liebten Oma sehr! Im ganzen Ort war sie bekannt — immer bereit zu einem kleinen Schwätzchen, stets überaus großzügig und auch immer so voller Freude. Oma lächelte immer! Und richtig böse kannte ich sie einfach nicht. Nicht nur wir nannten sie Oma — sie war bei so vielen anderen auch einfach nur “die Oma”.


Meine Oma und ich hatten schon immer ein ganz besonders inniges Verhältnis. Naja, es war selbstverständlich nicht immer alles immer im Lot zwischen uns. Doch unsere Begegnungen waren stets ehrlich. Für mich ist das viel wichtiger und zeugt für mich von einer Begegnung auf Augenhöhe. Ab und zu hat es mal heftig geknallt, zum Beispiel dann, wenn sie sich mal wieder über meinen Kleidungsstil aufregte. Hier prallten zwei Universen aufeinander. Meine Harems-Hosen fand sie “fürchterlich” und musste mir das natürlich auch immer ganz direkt mitteilen. Und da ich schon immer gerne provozierte, kam ich eine Zeit lang nur noch in solchen Hosen zu ihr. Doch irgendwie tat das unserer Liebe keinen Abbruch, im Gegenteil, es verstärkte unseren gegenseitigen Respekt.


Inzwischen ging sie sogar schon etwas auf dei 90 zu und sie schien irgendwie “unsterblich” für mich. Da mein Papa schon so lange ein Pflegefall war, übernahm sie ganz selbstverständlich und ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren so vieles in unserer Familie. Sie wurde niemals müde, alle Menschen um sie herum zu unterstützen. Meine Mama bei der Pflege, mich bei all meinen großen und kleinen Problemchen, meinen Bruder und irgendwie alle, die irgendetwas nicht alleine schafften… Gab es Streit, war meine Oma immer als Friedensstifterin unterwegs.


Meine Oma und ich am Königssee in Berchtesgaden. Immer top frisiert und mit einem Lächeln.

Es war August 2010. Ich war gerade in Basel bei Malcolm, um wieder für zwei Tage seine Heilbehandlungen zu übersetzen. Am Dienstag abend machte ich mich wie immer auf den Weg nach Hause. Ich sah, meine Mama hatte angerufen und mich um Rückruf gebeten. Das war eher etwas ungewöhnlich und ich rief auch gleich zurück. “Oma ist ins Krankenhaus gekommen. Aber es scheint nicht schlimm zu sein.” Ich solle mir keine Sorgen machen, es wird schon. So die Worte meiner Mama.

Kennt man die Strecke Basel-Nürnberg, dann weiß man, dass man da fast fünf Stunden auf der Autobahn fährt. Ich richtete es mir gemütlich ein, eine schöne Musik (bei mir ist das dann Richard Wagner oder Puccini oder so), um ohne Stress zurück fahren. Klar, meine Oma war mir von Anfang an sehr im Sinn — doch wie gesagt: Für mich war sie ja unsterblich.


Inzwischen war es fast zwei Uhr nachts und ich war so gut wie daheim angekommen. Da fuhr ich an der Ausfahrt “Neuendettelsau” vorbei. Nanu, dort ist das Krankenhaus, in welchem Oma liegt?! Und da wurde mir auch schlagartig bewusst, dass meine Oma mir die letzen zwei Stunden ganz präsent gewesen war. Was hat das zu bedeuten? Ich musste nur ganz kurz überlegen, um dann zu entscheiden: Ich fahre jetzt sofort zum Krankenhaus, um Oma zu besuchen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, sie ruft nach mir!


Nachts um zwei stand ich nun also vor der verschossenen Krankenhaustüre und ich klingelte mutig. “Ja, hallo?” — meldete sich eine Stimme durch die Sprechanlage.

“Hallo, hier ist Andrea Grillenberger und ich möchte gerne meine Oma besuchen.”

Etwas anderes ist mir spontan einfach nicht eingefallen und ich dachte mir, die Wahrheit ist immer gut. Dieser Satz schien mir sehr ehrlich und leicht verständlich zu sein… Auch war das freundliche Hallo die einzig stimmige Begrüßung, welche mir einfiel. Für ein guten Abend war es wohl in der Tat schon viel zu spät und für ein Guten Morgen noch zu früh.

Ich hörte, wie der Person am anderen Ende der Sprechanlage kurzzeitig die Luft wegblieb — und sie dann ganz tief Luft holte. Noch immer Stille (und diese schien nichts Gutes zu bedeuten).

“Sind sie verrückt?? Es ist zwei Uhr mitten in der Nacht!!!!! Was fällt ihnen ein? Wir sind ein Krankenhaus und haben unsere Besuchszeiten!!!!”

Rumms, das war jetzt auch sehr ehrlich und verständlich. Und hätte ich inzwischen nicht wirklich das dumpfe Gefühl gehabt, dass es meiner Oma nicht so gut geht, glaubt mir, ich hätte mich leise getrollt und mir gewünscht, sie hätten keine Kamera am Eingang, sodass ich wieder unerkannt entkommen konnte…

Doch meine Oma braucht mich, das war mir inzwischen glasklar. Ich fühlte ihre Hilflosigkeit und ich schien ihren Hilferuf fast schon zu hören.

“Ich bitte sie vielmals um Entschuldigung. Ich weiß, dass es mitten in der Nacht ist. Doch ich habe irgendwie das Gefühl, meine Oma braucht mich gerade dringend. Bitte fragen Sie doch mal in der Station nach. Und wenn sie schläft, fahre ich selbstverständlich weiter. Wenn sie wach ist, darf ich vielleicht ausnahmsweise doch rein…”

Stille. Warten. Dann kratze es wieder in der Sprechanlage und ich hörte — sehr kurz und bündig: “Sie können rein.”


Seid ihr schon mal nachts um zwei durch ein Krankenhaus gelaufen? Uuuuaaaah! Sehr gespenstisch, kann ich euch sagen. Am Flur stehen die abgedeckten Betten— und irgenwie weiß man da ja nicht, ob da vielleicht jemand drunter liegt. Ich peilte also schnurstracks das Zimmer meiner Oma an und klopfte an der Türe.

Und wißt ihr was? Meine Oma saß am Bettrand. Ganz in sich zusammen gesunken. Nichts war mehr übrig von dieser starken, jedem helfenden Oma. Sie saß da, die Nachtschwester neben ihr und meine Oma musste sich immer wieder übergeben. Wollt ihr wissen, an was ich mich immer erinnern werde? An das Strahlen und die Dankbarkeit, welche über ihr Gesicht huschten, als sie mich hereinkommen sah!!!

“Meine Andrea ist da! Ja, wo kommst du denn her, mitten in der Nacht?”

So war ihre Begrüßung. Sie ließ meine Hand gar nicht mehr los. Ich nickte der Krankenschwester nur zu und ließ sie wissen, dass ich jetzt für meine Oma da bin. Auch die Krankenschwester schien sehr dankbar dafür.

Meine Oma sagte glücklich zu mir: “Ich habe mir die ganze Zeit gewünscht, dass du vorbei kommst, Andrea. Weil du mir immer gesagt hast, man muss sich etwas nur ganz fest wünschen und dann geht es in Erfüllung…”

Bis fünf Uhr morgens blieb ich bei meiner Oma am Bett sitzen. Rückblickend empfinde ich das als das größte Geschenk, das ich mit meiner Oma geschenkt bekam: Diese drei Stunden, um uns ganz nahe zu sein. Wir haben in dieser Nacht nicht viel gesprochen. Doch sie lag da, sie entspannte sich und ich hielt einfach nur ihre Hand. Ihre Augen waren geschlossen und ich dachte, sie schläft tief und fest. Da sagte ich ganz leise: “Oma, ich liebe dich.” In diesem Augenblick hat sie kurz ihre Augen geöffnet und mich angeschaut…

Ich erzähle euch diese Geschichte, weil es eine Botschaft für jeden sein soll:

Schiebt nie etwas auf, was euch wichtig ist! Ein Impuls könnte ein unendlich großes Geschenk des Lebens sein. Achtet immer euer Gefühl — und wenn es noch so ungewöhnlich scheint.

Meine Oma wurde am nächsten Tag operiert — und ich habe alle meine Freunde angerufen, die Fernheilung praktizieren. Ein paar Monate wurden mir mit meiner Oma tatsächlich noch geschenkt. Wohl wollte ihre Seele damals im August schon gehen — doch ich konnte sie nicht loslassen. Immer wieder besuchte ich sie und legte meine Hand bei ihr auf. Sie hatte mich darum gebeten und sagte immer, dass ihr das so gut tut.

Eines abends im Dezember kam sie erneut ins Krankenhaus. Es war die Nacht, in der es bei uns so viel schneite und der ganze Verkehr zum Erliegen kam. Wir konnten nicht zu ihr fahren, da nicht einmal die Streufahrzeuge fahren konnten. Wohl hat sich ihre Seele das diesesmal so eingericht. In dieser Nacht ist sie gegangen. Ich hatte von Anfang an ein seltsames Gefühl und sah um zwei Uhr nachts plötzlich einen orangenen hellen Flash in meinem Schlafzimmer. Das war ihr ganz persönlicher Abschied von mir.

Das war an dem Morgen, als sie gegangen ist. Danke, Simone, für diese wunderschöne Aufmahme.

Als morgens mein Telefon klingelte, wusste ich, dass Oma in der Nacht gegangen ist. Es war irgendwie auch nicht wirklich schlimm. Denn ich wusste, sie ist jetzt nur auf der anderen Seite des Vorhangs.

“Oma, ich liebe dich. Wo auch immer du gerade bist.”
Deine Andrea.

Noch eine kleine Geschichte zum Schluss: Am Tag ihrer Beerdigung bat ich meine Oma um ein Zeichen, dass alles gut ist. Ich fuhr abends wieder zurück in meine Wohnung und stoppte an einer Tankstelle, um mir spontan eine Zeitschrift zu kaufen. Ihr müsst wissen, dass ich mir wirklich nie Zeitschriften kaufe. Als ich zuhause diese Zeitschrift öffnete, fiel eine “Zeitschrift in der Zeitschift” auf den Boden. Auf dieser stand groß in schwarz-weiß geschrieben:
ALLES IST GUT.

Ich freue mich sehr, wenn du auch künftig meine Blogs lesen willst und mir hier folgst…