… und dann ist er gegangen.

Einfach so. Mein Papa wechselte auf die andere Seite des Vorhangs.

Diese Tür führt nur auf die andere Seite. Mehr nicht.

Es war an einem Dienstag. Vier Tage vor Weihnachten. Ich saß in der Arbeit und wollte mich gerade ganz entspannt auf den Feierabend vorbereiten (in der Sparkasse war das damals noch möglich…).

Das Telefon klingelte — puuuh, meine Mutter, was die denn noch so kurz vor Feierabend von mir will? Ich habe jetzt echt keine Zeit — habe noch eine Verabredung…


Naja, dieser Anruf hat so ziemlich vieles in meinem Leben verändert. Denn von da an durfte ich sehr Vieles und auch sehr Tiefgreifendes erfahren. Ich durfte Vieles lernen. Und ich durfte wachsen. Naja, auf der einen Seite war das alles sehr traurig und in meinen Augen auch überhaut nicht fair — auf der anderen Seite war es ein Geschenk für mich. Das Geschenk, durch dieses Erleben so viele Dinge anders betrachten zu können…


Mein Papa hatte einen Herzinfarkt. Einfach so. In der Arbeit. Da er als Kfz-Mechaniker arbeitete, fand man ihn auch nicht gleich. Und so wurde er erst einige Zeit später vom Notarzt reanimiert. Ein Schock für unsere ganze Familie.

Eine wahrliche Herausforderung, ihn so hilflos liegen zu sehen. Zwei Monate zuvor hatte ich mit ihm noch die Göll-Überquerung in Berchtesgaden gemacht. Und er hat sich noch so gefreut, dass er offensichtlich der fitteste von uns allen ist (ja, ja, ich gebe es zu: Meine Fitness ist nicht unbedingt top — bei mir ist es eher der eiserne Wille, der mich Gipfel erklimmen lässt…).

Göll-Überquerung: Kehlstein — Hoher Göll — Hohes Brett — Jenner.

Jetzt lag er da. Mit einem Herzen, das zu stark war, um aufzhören. Und mit einem Körper, der zu schwach war, um ganz normal weiterleben zu können. Es begann ein langer Pfad der Erfahrung für uns alle. Ganz sicher auch für meinen Papa! Und im Nachhinein weiß ich, wir durften alle etwas lernen.


Ganz genau auf den Tag 20 Jahre und 11 Monate war mein Papa ein Pflegefall. Und genau am 20.11 ist er auch gegangen.

Zu-Fall? Nein. Das Universum erschafft keine Zufälle.

Es war heute vor einem Jahr. Ein Freitag. Ich hatte in der Nacht einen sehr seltsamen Traum. Mein Papa spielte darin die Hauptrolle. Und irgendwie spürte ich, dass es eine Botschaft war. Nur welche…? Um mal abzuchecken, ob alles in Ordnung bei ihm war, rief ich meine Mama an. Ich hatte mich auch schon einige Zeit nicht mehr gemeldet, also ein guter Zeitpunkt…

“Ist alles in Ordnung bei euch?” — “Ja, klar.” — “Und bei Papa, auch alles ok?” — “Alles wie immer. Heute morgen hatte er Krankengymnasik, jetzt schläft er gerade.” Na, das klang doch schon mal sehr beruhigend, wie ich fand! Ich war gerade auf dem Weg zu meinen Schülern. Wie gesagt, es war Freitag…

Und wisst ihr was? Genau eine Viertelstunde, nachdem ich mit meiner Mutter telefoniert hatte, klingelte mein Handy. Meine Mutter war dran:

“Andrea, komm heim. Dein Papa ist eben gestorben.”

Wie jetzt??? Ich hatte doch vor 15 Minuten noch mit ihr telefoniert und alles war vollkommen in Ordnung!!?? Das kann nicht sein. Und doch wusste ich, es stimmt. Mein Traum der vergangenen Nacht…

Puuuh, mein Herz schlug bis zum Hals. Und kurz spürte ich auch Panik, als ich auf dem Weg nach Hause war. Mein Papa sollte einfach nicht mehr da sein? Und in meiner Verzweiflung rief ich Marius an — als mein “weiser Lehrer” begleitete er mich schon ganz lange.

“Marius, meine Papa ist gestorben!?” — “Schnuggi, niemand stirbt je.”

So begann unser Telefonat. Und seine Antwort erlöste mich. Von einer Sekunde auf die andere. Ja, niemand stirbt je! So ist es. Ich wusste es plötzlich. NIEMAND STIRBT JE. Wie sollte das auch funktionieren…? Wohin sollte die Energie entschwinden? Das Energiefeld? Das kann ja nicht einfach weg sein!

Ich wurde von einem Moment auf den anderen ganz ruhig und gefasst. Und durfte ich bereits bei meiner Oma erkennen, dass unsere “Toten” nur die Form wechseln, so durfte ich das ganz deutlich auch bei meinem Papa sehen.


Sei dankbar für jeden Augenblick, der dir mit einem anderen Menschen geschenkt wird.

Von meinem Papa habe ich mich ganz persönlich und liebevoll verabschiedet. Er sah aus, als würde er einfach schlafen. Ganz in Frieden mit allem, was ist. Wohl hatte er noch auf meinen Anruf gewartet — dessen bin ich mir sicher — , um dann loslassen zu können. Nach 20 Jahren und 11 Monaten ist das auch durchaus in Ordnung. Wir alle hatten eine lange Zeit, um ihn loszulassen. Und jeder von uns tat es auch auf seine Wiese. Wie oft habe ich mich bei ihm einfach nur bedankt, wenn ich mal “auf ihn aufpasste”, weil meine Mama weg musste. Doch die allermeiste Zeit tat das meine Mama. Und auch sie konnte vor einem Jahr sagen: “Ich bin so dankbar für die lange gemeinsame Zeit, die uns beiden noch geschenkt wurde.”


Ja, wir haben immer die Gelegenheit, alles von zwei Seiten zu sehen. Die eine Seite stresst uns, macht uns eng. Und die andere Sichtweise lässt uns tief durchatmen. Sie lässt uns weit und offen werden. Und erkennen.

Für die Trauerfeier konnte ich mich zwischen zwei Musikstücken nicht entscheiden: “You raise me up” liebte ich sehr und empfand es als sehr schöne Botschaft — oder “Der Schwan” aus dem Karneval der Tiere. Für Letzteres haben wir uns dann auch entschieden…

Der Schwan. Würdevoll. Leise. Und wunderschön…

Soll ich euch etwas erzählen? Wollt ihr wissen, welche Zeichen uns mein Papa geschickt hat? Am Tage der Aussegnung war ich mit Harald in Schwabach essen. Wir wollten einfach Zeit zu zweit verbringen. Und da hörten wir es… Im Hintergrund und sehr leise: “You raise me up” lief im Radion. Harald machte mich darauf aufmerksam. Ich hatte Tränen in den Augen.

Und am Tage nach der Trauerfeier das nächste Geschenk von Papa: Ich machte das Radio an — und genau in diesem Augenblick hörte ich das Cello. “Der Schwan” aus dem Karneval der Tiere. Wunderschön! Danke!

Es gibt so viele Zeichen von Menschen, die auf die andere Seite gewechselt sind. Wenn wir offen sind, erkennen wir sie. Wenn wir um Zeichen bitten. Wenn wir auch daran glauben. Dann wird es passieren, dass jemand, der physisch nicht mehr anwesend ist, mit uns Kontakt aufnimmt…


Ich wusste einfach, dass es Papa gut geht! Und als wir im Sommer in Italien waren, besuchten wir eines Spätnachmittags das schöne Städtchen “Montepulciano”. Es war schon etwas später und viele räumten schon ihre Geschäfte auf. Da sahen wir einen Cello-Spieler sitzen. Er winkte uns zu sich und spielte ein Lied für Harald und mich. Ein Lied für Verliebte, wie er sagte…

Ich erzählte ihm davon, dass ich Cello liebe — und wir auch “Den Schwan” aus dem Karneval der Tiere für Papas Beerdigung ausgesucht haben. Der Cello-Spieler sah mich an, lächelte — und spielte los…

Endlich konnte ich weinen. Nicht vor Traurigkeit. Sondern in der Gewissheit: Es gibt keinen Tod. Durch den Cello-Spieler sprach mein Papa zu mir…

DANKE.

Möge diese Geschichte allen Mut machen, die einen lieben Menschen verloren haben. Nur in der uns bekannten Form — das sollen wir erkennen.

Und jedem sein ans Herz gelegt, doch einmal dieses wunderschöne und berührende Musikstück anzuhören: “Der Schwan” aus “”Der Karneval der Tiere”.

Zum Schluss: Ich freue mich über jeden, der mir auf Medium folgen möchtest.

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