Über den Wandel der modernen Sprache

Kürzlich wurde veröffentlicht, dass die Partei DIE GRÜNEN neue Überlegungen zur Einführung einer neuen, geschlechtergerechten Sprache angestellt hat und den “Gender-Stern” vorschlug. Politiker wären demnach Politiker * innen. Es handelt sich hierbei um eine Variante der in gewissen Subkulturen bereits benutzten PolitikerInnen.
 Hinter den Forderungen verbirgt sich eine als Ungerechtigkeit empfundene Eigenart der deutschen Grammatik — der Plural von Gruppen, die aus Personen verschiedenen Geschlechts bestehen, wird stets aus der männlichen Form gebildet. In bestimmten ideologischen Zusammenhängen wird dies als sprachliche Zementierung der Unterdrückung der Frau gewertet.
 Ich hatte den Bericht über diese Forderung der Grünen bei Facebook geteilt — mit der Bemerkung “Die können mich mal….” Nachdem ich in den Kommentaren noch einige Scherze darüber machte, erhielt ich folgenden Post:

  1. Sprache schafft Realität = WAHR! 2. Sprache ist Macht 3. Natürlich echauffieren sich gerade weiße Männer über den Versuch, Machtmechanismen in einer männlich geprägten Sprache außer Kraft zu setzen. 4. Es gibt ganz andere Dinge in der Politik, über die man sich aufregen kann … gerade heutzutage …

Ich fühlte mich zur Diskussion eingeladen und antwortete:

  1. Sprache schafft Realität ist verkürzt und sehr vereinfacht. Keinem Baum wächst ein Rüssel, weil ich ihn Elefant nenne. Aber Sprache beeinflusst die innere Realität der Menschen. Daher haben Diktatoren immer wieder versucht, mittels Sprachänderungen die Gedanken der Menschen zu ändern. Es gibt von Herrn Klemperer ein schönes Buch mit dem Titel LTI, was diesen Prozess in Nazideutschland beschreibt. Das Gendern betrachte ich als den Versuch einer elitären Minderheit, der Mehrheit mittels Sprachänderungen ihre ideologischen Vorstellungen aufzuzwingen. 2. Sprache ist zwar nicht Macht, aber ein Instrument der Mächtigen, zu denen die Grünen gehören. 3. Außerhalb bestimmter Intellektueller Subkulturen gibt es viele Frauen, die das Gendern genauso schwachsinnig und diktatorisch finden. 4. Der Angriff einer einflussreichen politischen Partei, deren Klientel zum größten Teil aus wohlhabenden, gebildeten Schichten besteht, auf die Gedankenfreiheit der Mehrheit ist für mich ein ernsthaftes Problem in einer Demokratie.

Es dauerte nicht lange, da kam die Antwort:

Wie?! Aber genau darum geht es doch!!! Klemperer beleuchtet Machtstrukturen innerhalb der deutschen Sprache,die zu Unterdrückung und Ausgrenzung geführt haben. Du setzt tatsächlich den Versuch,eine ausgleichende Sprache zu schaffen (ob das Sternchen da die beste Lösung ist, steht auf einem anderen Blatt,aber darum geht es auch nicht,sondern um den Versuch,Grundlagen einer Gesellschaft zu überdenken,die sich im Wandel befindet!) mit den Unterdrückungsmechanismen des dritten Reiches gleich? Come on! Und schade,dass Gerechtigkeit innerhalb eines Sprachsystems für euch nur dann eine Rolle spielt,wenn es um die weiblich Version männlich konnotierter Schimpfwörter geht. Und auch schade,dass man anscheinend keine Diskussion führen kann, ohne sich gegenseitig zu beleidigen. Aber da ihr ja wirklich von diesem System schwer benachteiligt zu sein scheint,muss man dafür wohl Verständnis aufbringen. Ihr dürft mich also gerne weiterhin Arschlöch*in nennen! Und ja, die Grünen gehören zu den Mächtigen. Kritik an heteronormativer Sprache ist aber seit Jahrzehnten Thema in feministisch/ queeren Debatten und ja, Thema einer Minderheit. Das eine solche Debatte in die politische Diskussion eingebracht wird, ist nichts Schlechtes,auch wenn man über das Profil dieser Partei durchaus streiten kann. Also nochmal, falls ihr das nicht begriffen haben solltet — es ging mir nicht darum, die Grünen zu loben, sondern darauf aufmerksam zu machen,dass Sprache ein entscheidender Punkt in der Ausrichtung einer Gesellschaft ist (da stimmen wir ja nun irgendwie überein) und das der utopische Versuch, eine Gesellschaft neu zu denken auch den Diskurs über ihr Sprachsystem beinhaltet muss. Es ist vielleicht kein akutes, aber nichtsdestotrotz wichtiges Thema! Und ich frage mich auch,wie dadurch Gedankenfreiheit eingeschränkt wird? Ich glaube nicht, das in Zukunft das SEK vor der Tür stehen wird,wenn man nicht gegendert hat. Da gibt es ganz andere Triggerworte,bei denen das schon ehr passieren könnte. Und eine Überlegung, wie man seine Gedanken formuliert, steht ja bestenfalls vor jedem Kommunikationsprozess,ist vielleicht sogar förderlich für Gedankenfreiheit. So, in Ermangelung an Zeit gibt es für mich jetzt tatsächlich wichtigere Dinge, als die Fortführung dieser Debatte. Der Standpunkt ist auch klar,denke ich. Vielen Dank und einen schönen Tag.

Damit hatte meine Kritikerin deutlich gemacht, dass sie persönlich diese Debatte nicht mehr mit mir führen wollte. Was ich persönlich schade finde, denn ich liebe den Streit der Meinungen, welcher mir häufig neue Erkenntnisse beschert. Dabei hatte ich mit Arschlöch*in (in einem anderen Threat derselben Diskussion) gar nicht sie gemeint, sondern wollte einen Scherz über die Absurdität solcher Sprachänderungen machen, wenn man sie überkonsequent betreiben würde. Dabei ging es um die “Ungerechtigkeit”, weil der sächliche Plural im Deutschen wie der männliche gebildet wird. In der Folge meldete sich noch ein anderer Freund zu Wort:

Bis jetzt ändern es doch nur die Grünenden… Ich verstehe irgendwie auch nicht, warum solche Versuche immer derartige Aufschreie auslösen… Sprache ist immer im Wandel, auch immer gewesen… Es sind Versuche, und man wird sehen, was sich durchsetzt… Das Du das als Ideologie empfindest, ist wohl eher Dein Problem, Du kannst weitersprechen, wie Du willst und die Gedanken bleiben frei

Und ein anderer Freund postete einen Link:

http://www.sueddeutsche.de/bildung/sprachreform-an-der-uni-leipzig-wir-waren-nuechtern–1.1689465

Auch hier mit Sympathie für Gleichstellung und neue Sprachregelungen.

Es war für mich klar, dass ich mir mal wirklich Zeit zum Nachdenken nehmen musste. Es stand ja nicht nur die Frage, ob ich so konservativ bin, dass ich den Fortschritt aufhalte — es steht auch die Frage, ob meine Abneigung und vor allem mein Misstrauen übertrieben ist — und LTI möglicherweise eine unzulässige Überspitzung darstellt. Und dann noch: “Kritik an heteronormativer Sprache ist aber seit Jahrzehnten Thema in feministisch/ queeren Debatten…” Auch das verlagt von mir genaue Überlegung und Positionierung. Denn ich sollte mich in dem Zusammenhang mit folgenden Themen auseinandersetzen:

  • feministisch/ queere Debatten und heteronormative Sprache
  • von Minderheiten eingebrachte Themen
  • Gleichstellung in Realität und Sprache
  • überhaupt Gender-Studien
  • Inwieweit schafft Sprache Realität?

Das sprengt deutlich den Rahmen eines einfachen Beitrages bei Facebook. Das schreit nach gründlicherem Nachdenken — also eher einem Essay.

Ich bitte hiermit den Leser um Entschuldigung für die Länge. Aber ich hoffe, nach dem Schreiben klüger zu sein als jetzt.

Sprache und Realität

Politische Korrekturen und Korrektheit

Meine erste Erfahrung mit politischer Korrektheit machte ich als Kind. Meine Eltern waren in einer psychiatrischen Fachklinik angestellt und — wie viele andere Angestellten — lebten wir auf dem Gelände dieser Klinik. Da auch schon damals die Patienten überwiegend nicht eingeschlossen wurden, hatten wir als Kinder auch einen alltäglichen Kontakt mit ihnen. Auf den Wegen und Straßen traf man häufig mehr Patienten als Angestellte.
 Unsere Eltern bemühten sich, uns beizubringen, dass man auch psychiatrischen Patienten mit Respekt begegnen solle (was eine sehr noble Absicht war, die ich auch heute noch sehr schätze). Aber viele machten es sich auch sehr einfach: anstatt durch ausführliche Aufklärung der Kinder eine allmähliche Steigerung der Achtung vor den Patienten (von denen einige sich ja “nicht normal” und merkwürdig benahmen) zu erreichen, wurde den Kindern einfach verboten, Begriffe wie: Idioten, Bekloppte oder Verrückte zu verwenden. Es besteht kein Zweifel daran, dass solche Begriffe herabwürdigend sind. Die Kinder wurden also angewiesen, z.B. nicht mehr Idioten sondern Patienten zu sagen.
 Das führte leider nicht zu dem gewünschten Ergebnis (welches meiner Ansicht nach nur durch fortgesetzte Aufklärung über die Krankheiten und das Leiden, welche sie verursachen, erreicht werden kann). Stattdessen wurde für uns Kinder das Wort “Patient” zu einem Synonym für “Idiot”. Es wurde üblich, sich beim Spielen mit “Du Patient!” zu beschimpfen oder, wenn man schlecht über jemand reden wollte, zu sagen: “Das ist ja vielleicht ein Patient.”
 Es bleibt dem Leser überlassen, diese Geschichte für sich zu interpretieren, aber vielleicht ist es verständlich, weshalb ich nicht an die Wirksamkeit des Verbotes beleidigender Worte glaube.

Als ich als Erwachsener über diese Erlebnisse nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass sich das Bedürfnis der Menschen, andere Menschen zu marginalisieren, nicht dadurch beheben lässt, dass man die deutsche Sprache säubert. Das Bedürfnis, andere Menschen zu beleidigen, wird nicht durch Sprache verursacht! Die Sprache kann ein Instrument dieses Bedürfnisses sein. Versuche ich, herabsetzende Begriffe aus der Sprache zu eliminieren, so wird sich das Bedürfnis nach Herabwürdigung anderer Worte, also anderer sprachlicher Instrumente bedienen.

Ich werde mich später noch damit beschäftigen, was ein verantwortungsvoller Umgang mit Sprache kann. Aber: “Sprache schafft Realität = WAHR!”, kann ich so erst einmal nicht uneingeschränkt akzeptieren.

Jeder, der in der DDR aufgewachsen ist, kennt den Begriff “Volkseigener Betrieb”, kurz: VEB. Dieser Begriff suggeriert, dass die Betriebe das Eigentum des Volkes waren. Um das näher zu untersuchen, füge ich ein Zitat aus der Wikipedia ein:

Eigentum (Lehnübersetzung aus dem lat. proprietas zu proprius „eigen”) bezeichnet die umfassendste Sachherrschaft, welche die Rechtsordnung an einer Sache zulässt. Merkmale moderner Formen des Eigentums sind die rechtliche Zuordnung von Gegenständen zu einer natürlichen oder juristischen Person, die Anerkennung der beliebigen Verfügungsgewalt des Eigentümers und die Beschränkung des Eigentümerbeliebens durch Gesetze.

Die “Verfügungsgewalt” über die Betriebe hatte in der DDR allerdings nicht das Volk, sondern das Politbüro — eine kleine Elite innerhalb der SED. Der Begriff VEB hat hier nicht Realität geschaffen — auch nach 40 Jahren gehörten die Betriebe nicht dem Volk. VEB hat Realität nicht geschaffen sondern verschleiert. Die wirklichen Macht- und Eigentumsverhältnisse in der DDR sollten durch Sprachregelungen verdeckt und nicht geändert werden.
 Die Sprache sollte die Illusion erzeugen, dass kommunistische Veränderungen stattgefunden hatten.

Es ergibt sich zunächst eine Hypothese über das was Sprache kann:
 Sprache beeinflusst die Art, wie wir Realität wahrnehmen und verarbeiten. Dadurch hat sie indirekt Einfluss auf unser Handeln.

Damit ist impliziert, dass Sprache sehr wohl ein Instrument der Mächtigen zur Manipulation des Restes sein kann.

Was Sprache kann und wie das realisiert wird

Klarheit und Nebel

Sprache kann Erkenntnis von Wirklichkeit erleichtern oder erschweren. Nehmen wir beispielsweise einmal das Wort Asylkritiker. Streng genommen meint das Wort einen Menschen, der die Einrichtung “Asyl” als solche kritisiert — der also abschaffen möchte, dass Menschen ein Recht auf Asyl haben. Unter den Menschen, die als Asylkritiker bezeichnet werden, finden sich aber eine Menge Leute, die das Grundrecht auf Asyl gar nicht abschaffen wollen und das auch so ausdrücklich betonen. Einige von Ihnen haben Angst, dass ein unlimitierter Zustrom von Flüchtlingen irgendwann einmal die Sozialsysteme überlasten könne. Andere haben Sorgen, dass die Integration so vieler Flüchtlinge nicht gelingen möge. Dann gibt es selbstverständlich auch Rassisten und Menschen, die anderen generell das Recht auf Asyl verweigern möchten. Nur für die letzte Gruppe ist der Ausdruck “Asylkritiker” zutreffend. Rassisten sind Rassisten und keine Asylkritiker. Und Leute, die Angst haben, dass man so große Mengen an Flüchtlingen nicht ernähren könne, ohne dass sozial schwache Deutsche noch schlechter gestellt sind, sind weder Rassisten noch Asylkritiker. Genauso verhält es sich mit Menschen, die Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes haben (i.e.: nicht gelungene Integration muslimischer Zuwanderer) — diese müssen nicht zwangsläufig Rassisten oder Asylkritiker sein.
 Natürlich steht es außer Frage, dass es Schnittmengen gibt — also beispielsweise Rassisten, die Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes haben und das Asylrecht abschaffen wollen.
 Aber wenn man der Heterogenität aktueller Protestbewegungen gerecht werden möchte, ist “Asylkritiker” einer der Begriffe, die die Erkenntnis von Wirklichkeit deutlich erschweren.

Eine andere Art, mit Begriffen die Erkenntnis von Wirklichkeit zu erschweren ist die Aufweichung von Begriffen im täglichen Sprachgebrauch, so dass Worte mit ursprünglich klarem Definitionsgehalt auf andere Phänomene erweitert werden und ihre Bestimmungsgrenzen verwischen — das heißt — man weiß dann nicht mehr hundertprozentig, ob der Begriff auf einen Sachverhalt wirklich noch zutrifft oder bereits nicht mehr. Als Beispiel soll der Begriff Rassismus dienen. Der Einfachheit halber zitiere ich wieder die Wikipedia:

Rassismus ist eine Ideologie, die „Rasse“ in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlichen bestimmenden Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften deutet und Rassen nach Wertigkeit einteilt. Der Begriff Rassismus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der kritischen Auseinandersetzung mit auf Rassentheorien basierenden politischen Konzepten. In anthropologischen Theorien über den Zusammenhang von Kultur und rassischer Beschaffenheit wurde der Begriff der Rasse mit dem ethnologisch-soziologischen Begriff „Volk“ vermengt, z. B. von der „völkischen Bewegung“ in Deutschland und Österreich. Eine für das 19. Jahrhundert typische systematische Einteilung der Menschen in Rassen (nach Karl Ernst von Baer, 1862) Rassismus zielt dabei nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe, sondern stellt deren Gleichrangigkeit und im Extremfall deren Existenzberechtigung in Frage. Rassische Diskriminierung versucht typischerweise, auf (projizierte) phänotypische und davon abgeleitete persönliche Unterschiede zu verweisen.

Ich habe diese Definition deshalb verwandt, weil ich sie treffend finde und ihr in jeder Beziehung zustimme. Ein Rassist muss Biologist sein! Wenn er Menschen aus anderen Gründen diskriminiert, ist er sicherlich ein Arschloch aber kein Rassist. Wenn der Rassist seine Meinung in der Weise äußert, die geignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, dann ist er nach § 130 StGB auch ein Straftäter. Ich zitiere den betreffenden Paragraphen:

§ 130 Volksverhetzung
 (1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,
 1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder
 2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

Der Gesetzestext erwähnt ausdrücklich auch noch andere Gründe, aus denen man eingesperrt werden kann. Die nationale, religiöse und ethnische Komponente ist im Gesetzestext ausdrücklich erwähnt. Wenn es darum geht, die Grenzen der Meinungsfreiheit zu bestimmen, so gibt es keinen sachlichen Grund, sogenannte Islamkritiker oder Menschen, die keine Bulgaren mögen, als Rassisten zu bezeichnen. Auch deren Äußerungen sind gesetzlich verboten, wenn dabei Menschen beschimpft, böswillig verächtlich gemacht oder verleumdet werden. Nebenbei bemerkt, schließt dieser Paragraph Sprüche wie “Deutschland verrecke!” ebenso ein wie extreme Ausländerfeindlichkeit.

Welchen Vorteil hat es, den Begriff Rassismus derart auszuweiten, dass er nicht nur Menschen einschließt, die biologistisch denken, sondern alle, die aus beliebigen Gründen keine Fremden mögen? Juristisch gesehen, gibt es keinen Anlass. Das Gesetz ist sehr klar, was die Grenzen der Meinungsfreiheit betrifft.

Der Vorteil liegt in der emotionalen Qualität des Wortes. Ein sehr großer Teil der Deutschen hegt eine starke Abneigung gegen das NS-Regime. Und was die Nazis von anderen unterschied, war eben ihr Rassimus. Sie waren keine Islamkritiker oder einfach xenophob: sie waren Rassisten, die ihre Anschauung biologisch begründeten und damit die Auslöschung ganzer Völker ideologisch untermauerten.
 Daher ist das Wort Rassist in Deutschland für viele eine schlimme Beschimpfung. Es ist geeignet, Emotionen zu schüren.
 Wenn man das Wort “Rassist” auf andere Fremdenfeinde anwendet, welche keine biologistischen — also rassistischen Überzeugungen haben, so ist weder eine klare Begriffsbildung noch eine juristische Begrenzung der Meinungsfreiheit das Ziel. Alles, was damit erreicht wird, ist das Schüren von Emotionen gegen alle, die aus verschiedenen Gründen die Asylpolitik der deutschen Regierung kritisieren. Es wird zum Kampfbegriff.

Gutmensch, Wutbürger, Frauenversteher, Putinversteher

Wahrnehmung lässt sich mit Sprache vorzüglich beeinflussen, wenn man neue Worte mit pejorativer Bedeutung schafft. Gutmensch ist ein sehr schönes Beispiel dafür. Das Interessante ist, dass die Bedeutung von Gutmensch eigentlich eine positive sein sollte: wer möchte kein guter Mensch sein? Dem Wort Gutmensch haftet allerdings etwas Lächerliches an — in der Bedeutung: so moralisch gut, dass es bereits unvernünftig und absurd erscheint. Gutmensch wird gern mit Blödian oder Naivling gleichgesezt oder mit jemandem, der unbedingt gut sein will, auch wenn über seine Güte die Welt zugrunde geht. Momentan wird es gern dazu benutzt, hilfsbereite Menschen, die als Freiwillige Flüchtlingen helfen, zu diskreditieren.
 Wutbürger ist eine Erfindung der Medien. Der Wutbürger hat keinen Verstand, keine politische Verantwortung, kein klares Ziel — aber eine Menge Wut: so in etwa könnte man die Konnotation des Wortes Wutbürger beschreiben. Es ist sogar völlig belanglos, was den Wutbürger so in Rage versetzt haben könnte. So erinnert es an das Wort “Meckerer” welches Goebbels gern einsetzte, um politisch unzufriedene Menschen der Lächerlichkeit preiszugeben. Beim “Meckerer” erinnert man sich an die Ziege aus einem bekannten, deutschen Märchen, der man nichts recht machen konnte, und die einfach immer meckert. Ebenso gerät der Wutbürger bei jeder nichtigen Gelegenheit in Wut — ihm kann man ebenfalls nie etwas recht machen, er ist ständig wütend. Der Wutbürger wird sehr gern benutzt, um politischen Protest zu distkreditieren.
 Was den Frauenversteher anbelangt, so ist dieser ein richtiges Macho-Wort. Ebenso wie Gutmensch oder Wutbürger ist es nicht nur vorsätzlich verächtlich gegen andere Menschen — es erzählt auch eine Menge über die Haltung desjenigen, der dieses Wort benutzt. Ein Frauenversteher ist ein Mann, der das Gegenteil dessen ist, was der Sprecher für männliche Werte hält: nämlich die Frau zu unterwerfen und sie notfalls mit Gewalt zu disziplinieren. Der Frauenversteher hingegen möchte keine Frau mehr unterwerfen oder schlagen. Er möchte ihr ihren Freiraum lassen und ihr auf Augenhöhe begegnen. Dass es nicht mehr braucht, um ein Frauenversteher zu sein, erzählt eine Menge über denjenigen, der dieses Wort benutzt. Jeder, der versucht, einer Frau nicht mit Dominanz sondern mit Respekt zu begegnen, ist ein Weichgespülter, eine Memme.
 Putinversteher ist das Pendent im politischen Bereich. Ein Putinversteher ist ein Mensch, der Russland zivilisiert, respektvoll und auf Augenhöhe begegnen möchte. Ähnlich wie der Frauenversteher die Bedürfnisse der Frauen respektieren möchte, so will der Putinversteher die Bedürfnisse Russlands respektieren. Das kann nur etwas Schlechtes sein in den Augen von Menschen, die der Ansicht sind, sie wären vom Schicksal für die Weltherrschaft vorgesehen und hätten das Recht und die Pflicht alle Länder, die das anders sehen, mit Erpressung und kriegerischer Gewalt zu disziplinieren. Euphemistisch nennt man solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch gern “Stärke zeigen”, was ein weiteres Beispiel dafür ist, wie Sprache bewusst für die Propagierung von Machtinteressen benutzt werden kann. Der Putinversteher wird sehr gern von Leuten benutzt, die man in den USA als “Falken” bezeichnet. Früher nannte man solche Menschen auch Kriegstreiber oder Kriegshetzer.
 Was diesen vier genannten Begriffen gemeinsam ist, ist die Verächtlichmachung des Kontrahenten. In allen Fällen möchte der Sprecher suggerieren, dass man solche Leute und ihre Meinungen nicht ernst nehmen muss. Das ist, sozusagen, implizit und bedarf keines weiteren Beweises.

Implikationen

Implikationen “verstehen sich von selbst”, das ist das Mächtige an ihnen. Gegenüber Implikationen haben wir weniger Widerstand als gegen direkt ausgesprochene Urteile.
 Ich möchte dazu ein Beispiel nennen: am 24.11. 2015 veröffentlichte der TAGESSPIEGEL eine Laudatio von Harald Martenstein. Dabei ging es auch um die Frage der Diskriminierung Homosexueller:

Erst, wenn der Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft schwul sein darf, ohne von den gegnerischen Fans beschimpft zu werden, und wenn eine Ministerin von der CSU offen lesbisch lebt, und nicht mal in Oberbayern zuckt einer mit der Wimper, dann erst geht dieses finstere Kapitel langsam zu Ende.

Gut, dachte ich, das kann ich akzeptieren, das ist ein schönes Ziel. Ich meine, das Ziel was da direkt angesprochen wurde, nämlich, dass verschiedene sexuelle Orientierungen gleichermaßen respektiert werden. Die Aussage, die beiläufig impliziert wurde, ging an meinem Bewusstsein vorbei — ich habe mich daher auch eine Weile nicht mit ihr befasst, sondern sie erst einmal “geschluckt”. Diese implizierte Aussage war: Fußballfans und Bayern sind besonders homophob. Die Implikation ist so etwas wie die griechischen Krieger im Trojanischen Pferd: wenn man sie bemerkt, ist sie bereits eingedrungen. Eine implizierte Botschaft durchdringt mühelos die Schutzmauern intellektueller Prüfung. Sie wirkt im wahrsten Sinne des Wortes unbewusst. Die Aussage über die unangenehmen Eigenschaften von Fußballfans und Bayern würde — direkt ausgesprochen — beim Empfänger der Borschaft vielleicht kritische Fragen oder Widerstände hervorrufen. Natürlich nicht bei allen Empfängern, versteht sich. Denn wer dieses negative Urteil schon vorher hatte, wird laut Beifall klatschen.
 Aber möglicherweise würde jemand, der zu Fußballfans und Bayern keine besondere Meinung hat, fragen: “Woher kommt diese Erkenntnis?”, “Gibt es Studien, die solches belegen?”. Oder er würde feststellen: “Na, es ist schon erstaunlich, dass jemand, der so für Akzeptanz eintritt, einfach zwei Personengruppen derart etikettiert.”.
 Da aber Implikationen am Bewusstsein vorbeiwandern, findet auch keine bewusste, kritische Auseinandersetzung mit ihnen statt — sie sickern ein und können ungefiltert verinnerlicht werden.

Der falsche Syllogismus

Der Bequemlichkeit halber, ein Ausschnitt aus der Wikipedia:

Die Syllogismen (von altgriechisch συν-λογισμός syllogismos ‚[das] Zusammenrechnen‘, ‚logischer Schluss‘) sind ein Katalog bestimmter Typen logischer Schlüsse. Sie bilden den Kern der im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung entstandenen antiken Logik des Aristoteles und der traditionellen Logik bis ins 19. Jahrhundert. Als Haupttechnik der Logik wurde der syllogistische Ansatz durch die Integration der Logik in die Mathematik (mit den Arbeiten von George Boole und Gottlob Frege im 19. und frühen 20. Jahrhundert) abgelöst.

Das klassische Beispiel:
 1. Alle Menschen sind sterblich
 2. Alle Griechen sind Menschen
 3. Also: Alle Griechen sind sterblich

Auf den Kontext dieses Aufsetzes angewandt, könnte man ein moderneres Beispiel aufschreiben:
 1. Kampfbegriffe erzeugen Feindbilder
 2. Feindbilder entmenschlichen den Gegner
 3. Also: Kampfbegriffe entmenschlichen den Gegner

Hierbei handelt es sich um Beispiele “richtiger” Syllogismen, also um eine Form der Logik, über die man sich genauso streiten kann wie über die gezogenen Schlüsse selbst.
 “Falsche” Syllogismen hingegen haben mit logischen Schlüssen nichts zu tun — sie überlisten den kritisch prüfenden Verstand.
 In der modernen Hypnose macht man sich — ebenso wie in der Technik des NLP — folgende psychologische Eigenheit zu nutze:
 Wenn ich zwei Aussagen höre, die ich unbedingt für bewiesen halte, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine dritte — unbewiesene — Aussage ebenfalls für bewiesen halte.

Wer zwei mal JA gesagt hat, ist eher geneigt, auch ein drittes Mal JA zu sagen — diese Erkenntnis gehört zum Handwerkszeug eines jeden Manipulators.

“Meine Damen und Herren, mein Name ist XY (wahr), wir haben uns heute versammelt, um über das Thema XX zu sprechen (wahr), ich denke zu dem Thema YY (nicht bewiesen, wird aber leichter für wahr gehalten) — kommt Ihnen das bekannt vor? Viele Redner, die Sie von ihrer Meinung überzeugen wollen, werden ihre Ansprache so beginnen.

Ein anderes Beispiel: Im Sender 3sat gab Jutta Ditfurth am 16.04. 2014 ein Interview zum Thema neurechte Friedensdemos. Der Zuschauer hörte dort folgende Argumentationskette:
 1. “Mein Handwerkszeug ist Sprache” (wahr)
 2. “Ich mach seit 30 Jahren oder länger antifaschistische Arbeit” (wahr)
 3. “und beobachtete die ganze Zeit, wie sich ’ne Querfrontstrategie entwickelte” (wird nicht mit Quellen belegt, aber von vielen auf Grund der vorangegangenen wahren Aussagen ebenfalls für wahr gehalten)

Ob es diese “Querfront” nun wirklich gibt oder nicht, das kann ich gar nicht sagen — dass aber dieses kurze Interview (knapp 6 min) seine Wirkung hatte, auch ohne dass Frau Ditfurth in diesem Interview Quellen und Fakten (also Beweise) vorlegte, dass viele Linke mit diesen Friedensdemos nichts mehr zu tun haben wollten und “Querfront” zu einem Kampfbegriff in den sozialen Medien wurde, ist für mich ein Beleg für die hohe Wirksamkeit eines falschen Syllogismus.

Am Ende dieses Abschnitts möchte ich einen falschen Syllogismus nennen, der genau mit dem zu tun hat, was dieses erneute Nachdenken über Sprache bei mir ausgelöst hat.
 Damit man diesen nachvollziehen kann, muss ich zunächst einen Begriff erklären. Dieser Begriff heißt: generisches Maskulinum. Auch hier verwende ich der Einfachheit halber die Wikipedia-Definition:

Ein generisches Maskulinum ist die Verwendung eines maskulinen Substantivs oder Pronomens, wenn das Geschlecht der bezeichneten Personen unbekannt oder nicht relevant ist oder wenn männliche wie weibliche Personen gemeint sein sollen.

Also: der Plural aus einer Gruppe Lehrerinnen und Lehrer ist “die Lehrer”. Der Plural aus einer Gruppe männlicher und weiblicher Menschen wird aus der männlichen Form gebildet: die Politiker, die Ärzte, die Mitarbeiter, die Professoren…
 1. Das generische Maskulinum bevorzugt sprachlich die männliche Form
 2. Sprache beeinflusst die Art, wie wir die Welt sehen
 3. Das generische Maskulinum zementiert die Benachteiligung der Frau.

Klingt logisch? Auf jeden Fall!!!!
 Auch wenn die dritte Aussage wissenschaftlich — noch — diskutierbar ist, beziehungsweise in den frühen 70ger Jahren, als sie formuliert wurde, noch eine blanke Hypothese war, sieht sie wie eine plausible Schlussfolgerung aus. Das ist nicht nur der einfachen logischen Verbindung geschuldet, die niemand in Abrede stellen wird. Die Plausibilität ist auch dem Prinzip des falschen Syllogismus geschuldet: Aussage 1 und 2 sind unbestritten — da wird Aussage 3 schon viel leichter (auch ohne Beweis) akzeptiert. Mir ist dabei bekannt, dass inzwischen Studien vorliegen, die genau den Zusammenhang zwischen generischem Maskulinum und der assoziativen Benachteiligung der Frau untersuchen — ich werde später einige Gedanken dazu aufschreiben.

Als Einleitung zu den nächsten Kapiteln aber möchte ich zwei Bedenken gegen die oben beschriebene Aussage 3 formulieren:
 1. Ich habe, wie bisher beschrieben, eher die Erfahrung gemacht, dass Sprache komplex wirkt und das auch hier so aufgeschrieben. Ich glaube nicht, dass eine einzelne grammatikalische Regel die Quelle allen Übels ist.
 2. Sprache ändert sich nicht nur selbst — der Bedeutungswandel einzelner Bestandteile der Sprache ist auch ein wesentlicher Faktor, der zu berücksichtigen ist.

Über diese beide Punkte möchte ich in den nächsten Kapiteln nachdenken. Und ich beginne mit dem zweiten Punkt ;-)

Bedeutungswandel innerhalb der Sprache

Als ich in die Schule ging, gab es für Menschen mit afrikanischen Wurzeln zwei Bezeichnungen: Neger und Nigger. Man brachte uns bei, dass es sich bei dem Wort Neger um die respektvolle Bezeichnung dieser Menschen handelte, während Nigger ein Schimpfwort war, welches jeder anständige Mensch vermeiden solle. Auch im Englischunterricht gab es ein klares Plädoyer für das Wort negro als respektvolle Bezeichnung.
 Jahre später studierte ich in Leipzig. Es war noch zu DDR-Zeiten, und die Bevölkerung des Landes hatte nicht wirklich viele Erfahrungen im Umgang mit Afrikanern. In Leipzig war das ein wenig anders, da die Universität auch viele afrikanische Studenten ausbildete. Diese gingen logischerweise auch in die Studentenclubs. Leider gab es viele xenophobe deutsche Studenten, die mit den “Fremden” nichts zu tun haben wollten. Sie waren nicht gewalttätig und äußerten auch keine rassistischen Klischees — sie wollten die Afrikaner nur einfach nicht bei jeder Veranstaltung dabei haben.
 Ich hatte mich zu dieser Zeit mit einigen Studenten aus Burundi angefreundet, die an der Uni “tropische Landwirtschaft” studierten. Sie waren intelligent, humorvoll und konnten mir eine Menge neuer Dinge erzählen. Als mich meine deutschen Kommilitonen fragten, warum ich denn immer mit diesen Negern reden würde, hörte ich zum ersten Mal einen so verächtlichen Beiklang, wie es ihn vorher nur bei dem Wort Nigger gegeben hatte. Das Wort Nigger war zu diesem Zeitpunkt schon lange aus dem aktiven Sprachschatz der meisten Menschen verschwunden — seine Konnotation aber war auf das Wort Neger übergegangen.
 Die Streichung eines rassistischen Begriffes aus dem aktiven Wortschatz hatte an der xenophoben Einstellung der Menschen absolut nichts geändert. Inzwischen ist Neger zu einem Wort geworden, welches man aus der deutschen Sprache streichen möchte. Ob diese Streichung rassistisches Denken verunmöglicht, wage ich ernsthaft zu bezweifeln.

Eine positivere Veränderung ist meiner Erfahrung nach mit dem Wort schwul geschehen. Als ich ein Kind war, galt schwul als ein Schimpfwort. Wer über einen Schwulen respekvoll reden wollte, musste ihn homosexuell nennen. Die LGBT hat einen Bedeutungswandel des Wortes schwul erreicht. Jetzt ist es kein Schimpfwort mehr. Schwule Männer bezeichnen sich in aller Öffentlichkeit als schwul und benutzen den Begriff mit Stolz. Momentan gibt es keine sichtbare Notwendigkeit, das Wort schwul aus dem aktiven Wortschatz zu streichen, um Diskriminierung zu vermeiden. So geht es also auch — und vermutlich nachhaltiger.

Man könnte auch noch darüber schreiben, wie sich die Konnotationen von Worten wie Frau oder Weib im Laufe der Jahrhunderte geändert haben, man könnte erwähnen, wie das Wort gemein welches mit den Worten Gemeinschaft oder Gemeinde verwandt ist, zu einem Synonym für fies geworden ist — und würde damit und auch noch mit vielen anderen Beispielen belegen können, dass sich Sprache im Laufe der Zeit nicht nur dadurch ändert, dass Worte verschwinden und neue entstehen.
 Man kann sehr gut nachvollziehen, dass bestimmte Worte mit neuen sozialen Verhältnissen auch neue Bedeutungen bekommen.

Die etwas komplexere Wirkung von Sprache

Schon allein durch den Zusammenhang von Wort und Konnotation und dadurch, dass sich Konnotationen ändern können, ist klar, dass es in der Sprache keine ewig magischen Wörter mit hoher Zauberkraft gibt. Bei Harry Potter genügte es, das Wort lumos auszusprechen, um den Zauberstab zu einer Lichtquelle werden zu lassen. Wer aber mit der Sprache wirklich “zaubern” möchte, d.h. das Bewusstsein anderer Menschen beeinflussen möchte, der sollte sich der Komplexität der Angelegenheit bewusst sein.
 Selbst diffamierende einzelne Worte wirken nicht aus sich heraus. Der neugeschaffene Wahnwichtel, der die Teilnehmer der “Mahnwachen für den Frieden” diffamieren soll, bedient sich vorhandener negativer Konnotationen der beiden Bestandteile des zusammengesetzten Wortes. Es sind verrückte Zwerge, sozusagen.
 Weiterhin profitiert die Kraft des Wahnwichtel aus der klanglichen und rhythmischen Ähnlichkeit zu Mahnwachen. Er ist eine Parodie (Neben-Gesang) — wenn man ein einzelnes Wort parodieren kann.
 Der Putinversteher profitiert von der bereits vorhandenen negativen Konnotation des Frauenverstehers.
 Wirksame sprachliche Manipulation bedient sich gezielt vorhandener Klischees und Vorurteile. Die Anwendung von Worten wie Rassist oder Nazi auch auf Menschen, welche die Kriterien einer solchen Bezeichnung nicht erfüllen, Adornos Anwendung des Begriffes Faschismus, indem er ihn aus seinem historischen Kontext riss und ihn als Etikett anderer Erscheinungen, die er verändern wollte, verwendete, die Bezeichnung Linker (oder inzwischen auch anderer Menschen, die sich für Toleranz einsetzen) als Zecken — das sind einige Beispiele, wie sprachliche Manipulation bewusst Klischees und Vorurteile anspricht.
 Die einseitige Änderung innerhalb der Sprache hingegen bewirkt möglicherweise gar nichts. Wer manipulieren will, der muss sich mit dem Unbewussten der Menschen beschäftigen. Er muss mit vorhandenen Vorurteilen und Bedürfnissen kommunizieren.
 Zwei kleine Beispiele aus der “Sprachschmiede” der DDR-Propaganda sollen das ein wenig illustrieren.

Zunächst ein Neologismus (Wortneuschöpfung), der in der Bevölkerung weitgehend angenommen wurde: der Goldbroiler. Dieser wurde sehr oft präsentiert mit dem Bild eines goldbraun gebratenen Hähnchens. Das Wort sollte englisch klingen, was für den DDR-Bürger sozusagen Weltoffenheit bedeutete und seine Sehnsucht ansprach, aus dem Mief der “Zone” herauszukommen. Goldbroiler klang auch etwa wie goldbraun und gebraten, so dass die Phantasie auch ohne englische Sprachkenntnisse angeregt werden konnte. Das ist einer der wenigen Fälle, in denen die Sprachschöpfer der DDR ins Schwarze trafen, da sie — wie beschrieben — sehr viele vorhandene Bedürfnisse und Klischees ansprechen konnten.

Verunglückt hingegen ist die Verwendung des Wortes dufte. Gegen Ende der DDR hatte die FDJ (Jugendorganisation der herrschenden SED) feststellen müssen, dass sie irgendwie den Kontakt zur Jugend verloren hatte, was für eine Jugendorganisation alles andere als wünschenswert ist. Ich weiß nicht, wie die Lösung für dieses Problem zustande gekommen ist — ich stelle mir aber vor, dass die Funktionäre auf die Idee gekommen sein müssen, sich salopper, also jugendgemäßer, auszudrücken. Offensichtlich müssen es die Leute zu anstrengend gefunden haben, das Image der FDJ auf komplexere Weise zu ändern — denn neue Gesichter, neues Logo, neue Hemden, neue Lieder: das wäre zu viel verlangt…
 Alles sollte beim Alten bleiben — und die Sprache von Menschen komplett und nachhaltig zu verändern, die als Funktionäre sozialisiert waren, ist wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit. Da — so stelle ich es mir vor — wählten sie sich ein saloppes Wort, um das Image der Organisation zu ändern: dufte. Im Ergebnis bemühten sich alle FDJ-Funktionäre, in ihr übliches “Parteichinesisch” immer wieder das Wort dufte einzufügen.
 Das Ergebnis bei den meisten jungen Leuten war verheerend. Das Wort dufte im üblichen Sprachbrei, in den es so gar nicht passen wollte, zeigte deutlich, wie überaltert das System eigentlich war. Noch heute habe ich, wenn ich das Wort dufte höre, das Bild von alten Männern im FDJ-Hemd, die auf jugendlich machen wollen, im Kopf.

Sprache wirkt komplex. Wer glaubt, mit einem einzigen Wort die Realität verändern zu können, macht sich bestenfalls lächerlich.

Gender-Studien

Ich möchte zu Beginn noch einmal die Argumentationskette wiederholen, die ich unter der Rubrik falscher Syllogismus erwähnt hatte:

  1. Das generische Maskulinum bevorzugt sprachlich die männliche Form
  2. Sprache beeinflusst die Art, wie wir die Welt sehen
  3. Das generische Maskulinum zementiert die Benachteiligung der Frau.

Ich hatte weiter oben angekündigt, etwas über die Studien schreiben zu wollen, die das Argument 3 untermauern. Der Einfachheit halber zitiere ich Wikipedia:

Mit der Frage, ob generische Maskulina geschlechtsneutral oder geschlechtsspezifisch interpretiert werden, beschäftigen sich die Psycholinguistik und die Kognitionspsychologie. Seit Beginn der 90er Jahre (und vereinzelt auch davor) wurden im deutschsprachigen Raum verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zur kognitiven Verarbeitung des generischen Maskulinums durchgeführt, deren Ergebnisse darauf hindeuten, dass diese sprachliche Konvention nicht geschlechtsneutral rezipiert wird. Vielmehr tritt bei Personenreferenzen im generischen Maskulinum ein Male bias ein: Frauen werden in geringerem Maße gedanklich einbezogen und repräsentiert als bei alternativen Sprachformen wie der Aufzählung weiblicher und männlicher Personen oder des Binnen-Is.
Eine der ersten Untersuchungen zum generischen Maskulinum stammt vom Sprachwissenschaftler Josef Klein. Im Jahr 1988 hat er mit 290 Probanden Befragungstests mit Lückentexten durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass die Versuchsteilnehmenden generisch maskuline Personenbezeichnungen deutlich stärker auf Männer als auf Frauen bezogen. Laut Klein sei „die Benachteiligung der Frau durch das generische Maskulinum also keine feministische Schimäre, sondern psycholinguistische Realität“.
Seither wurde eine Vielzahl von Studien durchgeführt, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Frauen werden beim generischen Maskulinum in geringerem Maße gedanklich einbezogen bzw. repräsentiert. Das zeigt sich in vielfältigen psychologischen Maßen wie der Häufigkeit geschlechtsbezogener Satzergänzungen bzw. Geschichtenfortführungen, der Genauigkeit und Schnelligkeit geschlechtsbezogener Erinnerungen und der Häufigkeit und Geschwindigkeit von Zuordnungen von Personen zu Geschlechtskategorien. In einer systematischen Übersichtsarbeit kommen die Psychologinnen Lisa Irmen und Vera Steiger zu dem Schluss, dass „angesichts der breiten empirischen Befundlage […] das generische Maskulinum weder als sprachökonomische Konvention verstanden werden [kann], die konsistent auf beide Geschlechter verweist, noch als ein rein grammatikalisches, von Denkstrukturen völlig losgelöstes Phänomen.“

Die Untersuchung dieser Studien wird eine längere Zeit benötigen, so dass ich einen separaten Text dazu schreiben werde. Zunächst interessiert es mich, ob es Hinweise darauf gibt, dass die Diskussionen über geschlechtergerechte Sprache einen Einfluss auf die Testergebnisse gehabt haben könnten. Es ist sicher keine Übertreibung zu sagen, dass die Sensibilität für Geschlechtergerechtigkeit (auch in der Sprache) seit 1970 zugenommen hat und auch die Akzeptanz für geschlechtergerechte Sprache gewachsen ist. Und dass regelmäßige Diskussionen über das generische Maskulinum über viele Jahre hinweg das Denken und Assoziieren der Menschen verändert haben, wäre für mich eine ziemlich logische Schlussfolgerung. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie sich Indizien finden lassen, dass das Ergebnis (generisches Maskulinum verweist nicht konsistent auf beide Geschlechter) durch jahrzehntelange Diskussionen zum Thema beeinflusst sein könnte. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es Hinweise gibt, die einen solchen Einfluss sicher ausschließen. Da es vergleichbare Studien vor 1970, also vor dem Beginn der Debatte, nicht gegeben hat, dürfte es nahezu unmöglich sein, hier valide Daten zu finden.
 Die Formulierung von Lisa Irmen und Vera Steiger, dass das generische Maskulinum nicht konsistent auf beide Geschlechter verweist, macht mich ebenfalls neugierig. Meinen die Autorinnen damit, dass es vielleicht doch Fälle gibt, in denen das generische Maskulinum auf beide Geschlechter verweist? Wenn ja, was sind das für Fälle?

Dabei würde ich gern meinen persönlichen Eindruck überprüfen. Ob ich beim generischen Maskulinum Männer und Frauen oder eben nur Männer assoziiere, liegt an meinen praktischen Erfahrungen. Wenn ich an Ärzte denke, sehe ich meist Männer vor meinem geistigen Auge — denke ich an Patienten, sehe ich beide Geschlechter.

Das mag daran liegen, dass es in der Klinik, in der ich aufgewachsen bin, überwiegend männliche Ärtzte gegeben hat — bei den Patienten aber ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis vorherrschte.

Beide Geschlechter sehe ich auch bei Zuschauern. Ich habe lange am Theater gearbeitet, so dass hier ganz klare praktische Erfahrungen vorliegen. Momentan arbeite ich in einem Pflegeheim. Beim Plural Bewohner sehe ich die überwiegend weiblichen Bewohner vor mir. Dasselbt beim Plural Pflegehelfer: überwiegend Frauen, so wie es auch in der Realität ist. Lehrer — überwiegend Männer, so wie es in meiner Schulzeit auch gewesen ist: mein erster Lehrer war ein Mann. Sprecherzieher — überwiegend Frauen, da dieser Beruf an der Schauspielschule, an der ich zuerst gearbeitet habe, fast nur von Frauen ausgeübt wurde.

Diesen persönlichen Eindruck möchte ich gern anhand der vorliegenden Studien überprüfen.

Bisherige Wirkung geschlechtergerechter Sprache

Die sichtbarste Wirkung der Debatte um geschlechtergerechte Sprache ist wahrscheinlich, dass so ziemlich alle Stellenausschreibungen Männer und Frauen ansprechen und auch unsere Verteidigungsministerin von Soldatinnen und Soldaten spricht. Die Begründung ist recht einfach: durch Studien wurde nachgewiesen, dass sich Frauen weniger angesprochen fühlten, wenn die Ausschreibung das generische Maskulinum benutzte. Ob dies nur in Berufen so war, die eine traditionelle Männerdomäne darstellten oder dies für alle Stellen galt, kann ich momentan nicht sagen — auch dies müsste ich noch einmal sorgfältig untersuchen. Die Konsequenz einer solchen Untersuchung kann zunächst nur eine theoretische oder philosophische sein: es geht darum, in welchem Maße Sprachregelungen Realität formen können.

Dass die neue Form der Stellenausschreibungen Frauen mehr ermutigten, sich zu bewerben — das scheint nicht nur ein nachweisbarer Effekt zu sein, sondern auch ein sehr begrüßenswerter. Wenn eine Frau ermutigt wird, sich auf eine Professur zu bewerben, also auch mehr Frauen in der Wissenschaft leitende Positionen erringen können, ist das ein sehr großer emanzipatorischer Schritt. Ich würde nicht im Traum daran denken, eine solche Sprachregelung zu kritisieren.

Bisher wurde die Geschlechtergerechtigkeit der Sprache in diesen Fällen auf eher traditionelle und eher unauffällige Weise ausgedrückt, also Professuren (m/w), anstelle von ProfessorInnen oder Professor✳︎innen.

Das mag zum Teil daran liegen, dass Binnen-I und Gender-Star noch nicht Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs geworden sind, sondern ihr Gebrauch eher die Zugehörigkeit zu einer ganz bestimmten (linken) Subkultur markiert. Vielleicht würde sich ein eher konservativer Mensch (m/w) von einer solchen Stellenausschreibung nicht angesprochen fühlen. Aber Studien zu diesem Thema sind mir nicht bekannt — mehr als persönliche Erfahrung steht mir für diese Hypothese nicht zur Verfügung.
 Etwas subtiler als der Sprachgebrauch bestimmter Subkulturen sind die Auswirkungen der Debatte in der gelehrten Welt. In den letzten Jahren las ich wiederholt wissenschaftliche Arbeiten, deren männliche Autoren zwar das generische Maskulinum benutzten, aber sich quasi damit entschuldigten, dass sie dies nur im Interesse besserer Lesbarkeit täten. Ich halte dies für ein gleichermaßen feiges wie denkfaules Argument. Wenn sie das generische Maskulinum aus Überzeugung nutzen wollen: bitte schön! Aber man sollte wenigstens dazu stehen und seine Position besser begründen. Dieses Pseudo-Argument der Lesbarkeit ist, als wenn man sagt: ich weiß, dass es falsch ist, so zu handeln, aber ich tue es nur aus Gewohnheit so. Was ist das denn für eine wissenschaftliche Haltung?
 Wer davon überzeugt ist, dass es besser sei, das generische Maskulinum zu nutzen, der sollte sich als Wissenschaftler dafür einsetzen, koste es, was es wolle — mit allen Mitteln wissenschaftlicher Arbeit. Aber Lesbarkeit und Ökonomie sind — ich wiederhole es ganz deutlich — die Argumente denkfauler Feiglinge.

Und an all jene Wissenschaftler, die der Meinung sind, dass an der Kritik am generischen Maskulinum etwas dran ist: bringt euch selbst in die Bemühungen um geschlechtergerechte Sprache ein und überlasst das Feld nicht ideologischen Subkulturen, deren Überzeugungen ihr nicht teilt! Und woher weiß ich, dass ihr diese Überzeugungen nicht teilt? Weil ihr weder Binnen-I noch Gender-Star in euren Arbeiten nutzt. Wenn ihr wirklich glaubt, das generische Maskulinum sei ungerecht, dann verschanzt euch nicht hinter der Lesbarkeit. Tut etwas! Es gibt eine Alternative zum Neusprech! Wie wäre es beispielsweise mit der Benutzung der männlichen UND der weiblichen Form?

Denn wer bei der Verwendung des generischen Maskulinums extra betonen muss, dass er dabei natürlich auch die weibliche Form meint, impliziert, dass die weibliche Form damit normalerweise nicht gemeint ist. Und wer sich hinter dem Argument der Lesbarkeit verschanzt, der impliziert, dass er für die Verwendung des generischen Maskulinums kein substantielles Argument hat.

Wissenschaftler sind gefordert, sich zu dieser Frage klar zu positionieren, anstatt sich mit lauwarmer Konfliktscheu zufriedenzugeben. Wissenschaft lebt von der Debatte. In ihr ist — um Heraklit abzuwandeln — der Streit der Vater der Erkenntnis.

An dieser Stelle möchte ich nochmals einen Link einfügen, den ich schon weiter oben gepostet habe, denn spätestens jetzt ist es an der Zeit, ihn zu klicken und den betreffenden Artikel zu lesen.

http://www.sueddeutsche.de/bildung/sprachreform-an-der-uni-leipzig-wir-waren-nuechtern–1.1689465

Wie man nachlesen kann, wurde an der Uni Leipzig das generische Maskulinum abgeschafft — an seine Stelle trat das generische Femininum. Warum?

Die Schrägstrichvariante — Professor/Professorin — fanden alle schrecklich.

Also: die Variante, die eine wirkliche Geschlechtergerechtigkeit garantiert, nämlich die Erwähnung beider Geschlechter, “fanden alle schrecklich”.

Wenn das generische Maskulinum wirklich ungerecht ist, weshalb empfindet man das generische Femininum dann als gerechter? Es ist doch haargenau dasselbe. Es scheint, als würde man nicht die Ungerechtigkeit beseitigen wollen, sondern eine neue Ungerechtigkeit an die Stelle der alten setzen. Man muss sich hierbei vergegenwärtigen, dass die Entscheidung der Uni Leipzig sich auch gegen die Erwähnung beider Geschlechter richtete. Das hat man nicht einfach vergessen, sondern sich bewusst dagegen entschieden. Anstatt sprachliche Privilegien zu vermeiden, hat man ein neues geschaffen.

Eine solche Entscheidung lässt sich in einem etwas größeren Kontext betrachten. Dieser heißt: Gleichstellung oder neue Privilegien.

Gleichstellung

Ich finde, dass Gleichstellung aller Menschen etwas Großartiges ist, dass jeder Mensch den selben Anspruch auf ein Leben in Würde hat.

Das betrifft nicht nur die Gleichstellung beider Geschlechter. Ich finde, dass auch Homosexuelle nicht nur frei von Repressionen sein sollten, sondern auch das Recht auf eine staatlich anerkannte Ehe inclusive einer kompletten Gleichstellung mit einer Hetero-Ehe haben sollten. Das bedeutet natürlich auch die Adoption von Kindern.

Mir ist bewusst, dass weder die Gleichstellung der Frau noch die Akzeptanz Homosexueller da angekommen ist, wo sie sein könnte — es ist aber zu betonen, dass es in beiden Bereichen bedeutende Fortschritte gegeben hat. Wir haben eine Bundeskanzlerin, die so wenig von Männern dominiert wird, dass ihr Regierungsstil in letzter Zeit (heute ist der 28.01. 2016) einige autokratische Tendenzen aufweist. Die Männerdomäne Verteidigung wird von einer Ministerin vertreten. Wir hatten regierende Bürgermeister und einen Außenminister, die offen schwul gelebt haben. Eine beliebte Talkmasterin bekennt sich zu ihren lesbischen Gefühlen.

Leider ist die Politik davon weder sozialer, weniger aggressiv oder toleranter geworden. Das Geschlecht und die sexuellen Präferenzen der Akteure haben auf die Politik wohl weniger Einfluss, als man in den 70ger Jahren gehofft hatte.

Aber es zeigt, dass sich sowphl die Gleichberechtigung von Mann und Frau als auch die Akzeptanz der Homosexualität in der Öffentlichkeit sehr breit durchgesetzt haben. Den in Berlin sehr beliebten CSD könnte ich als Beleg mit angeben…

Und — um es mit den Worten des ehemaligen regierenden Bürgermeisters zu sagen — “das ist gut so.”

Gleichstellung oder ideologisches Konstrukt?

In diesem Zusammenhang — und damit im Zusammenhang von Erscheinungen wie Binnen — I (also ProfessorInnen) oder Gender — Star (Professor * innen) möchte ich gerne auf etwas radikalere Therorien verweisen, deren Ansätze zum Teil deutlich über eine Gleichberechtigung der Frau hinausgehen — die also auch die einfache Höflichkeit (Professorinnen und Professoren) ablehnen würden. Bereits die einfache Höflichkeit würde schon den Kritikpunkt am generischen Maskulinum beseitigen, Frauen würden sprachlich unsichtbar gemacht. Binnen — I und Gender — Star sind eigentlich überflüssig, wenn es nur um diesen Punkt gehen soll.

Meine ganz oben zitierte Kritikerin hatte es schon ausgesprochen, was den Neusprech rechtfertigt: feministische und queere Diskussionen mit Kritik an heteronormativer Sprache. Queer-Theorie und Gender-Studies sind hierbei die Eckpfeiler — natürlich auch feministische Ideen, die sich gegen eine Benachteiligung lesbischer Frauen aussprachen.

Jeder, den es interessiert, mag sich ausführlich informieren — was mich in unserem Zusammenhang interessiert, ist die Kritik an den binären Geschlechtern. Bereits Magnus Hirschfeld hatte versucht die Zweigeschlechtlichkeit zu widerlegen. Im Sinne modernerer Theorien erscheint die Zweigeschlechtlichkeit, also die Aufteilung der Menschheit in Männer und Frauen überholt. Das Festhalten an einem solchen binären Konzept sei eben “heteronormativ” und ein soziales oder politisches “Konstrukt”.

Binnen — I und Gender — Star stehen einer solchen Auffassung näher, als der einfachen sprachlichen Gleichberechtigung der Frau, die man bereits mit einfacher Höflichkeit realisieren könnte. Durch Binnen — I und Gender — Star wird die Zweigeschlechtlichkeit sprachlich verwischt und eine Art allgemeines Mischgeschlecht geschaffen. Die Umbenennung von Studenten in Studierende geht da noch einen Schritt weiter: sie negiert die Geschlechtlichkeit der bezeichneten Personen komplett.

Wenn das, was gerade von feministischer und queer-theoretischer Seite immer wieder proklamiert wird — nämlich dass Sprache Realität schaffe und dadurch ein Instrument der Macht sei — stimmt, dann sind die eben genannten sprachlichen Konstrukte darauf aus, die (Zwei-) Geschlechtlichkeit des Menschen aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verbannen.

Jeder, der das liest, kann für sich entscheiden, ob er einer solchen Utopie folgen möchte.

Werden wir toleranter?

Ich glaube nicht, dass wir als Spezies toleranter geworden sind, weil wir eine Bundeskanzlerin haben und einen schwulen Außenminister hatten. Ich glaube, dass Menschen weiterhin nur sehr schwer tolerieren können, was außerhalb ihres Lebenskreises oder ihrer politischen Überzeugungen liegt. Ich glaube auch nicht, dass uns political correctness wirklich toleranter macht. Ich möchte ein Beispiel dafür nennen, wie sich Intoleranz verschieben kann.

Vor einigen Jahren wurde die ehemalige Moderatorin Eva Herrmann aus einer Talkshow geworfen, ein Fakt, der auch ihre Präsenz in den Mainstream-Medien bis zum heutigen Tag beendete. Die meisten Leute, mit denen ich darüber gesprochen habe, fanden das OK, denn Herrmann habe angeblich das 3. Reich verteidigt. Als Harald Schmidt und Oliver Pocher dieses mit ihrem “Nazometer-Sketch” parodierten, mussten sie sich öffentlich dafür entschuldigen. Wenn man sich die betreffende Sendung aber einmal unaufgeregt anschaut, so wurde Herrmann nicht etwa aus der Sendung entfernt, nachdem sie das Wort Autobahn ausgesprochen hatte (Zitat Kerner: “Autobahn geht gar nicht”), sondern nachdem sie in einem Streit mit Senta Berger konservative Familienbilder verteidigt hatte und wissenschaftliche Erkenntnisse (Bindungsforschung) herangeführt hatte, um ihre Position zu stützen. Das war der Moment, der Herrmanns TV-Präsenz beendete.

Jetzt mag man von konservativen Frauen- und Familienbildern halten was man will, aber sie sind nicht verfassungsfeindlich, sie sind nicht Teil der NS-Ideologie, und im Sinne der vielbeschworenen Diversität gehören sie nach wie vor in unsere Öffentlichkeit hinein und sollten nicht — wie im Falle Herrmann — gewaltsam abgestraft werden.

Auch wenn diese Talkshow in dieser Skandalträchtigkeit noch verhältnismäßig einsam dasteht — die Tendenz zu einer breiteren Nichtakzeptanz konservativer Ideen ist in unserem Land gestiegen. Nun lebe ich sellbst wenig konservativ: ein uneheliches Kind und wechselnde Partnerinnen machen mich sicher nicht zum Muster konservativen Familienlebens.

Trotzdem finde ich es bedenklich, dass konservative Ideen immer schlechter toleriert werden können und viele Publizisten, Politiker und andere immer wieder tönen, bestimmten Menschen dürfe man keine Plattform bieten.

Ich bin kein großer Fan von Sarrazins erstem Buch — aber trotzdem sollte es nicht aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Ich habe mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen müssen, dass es einer Gruppe lauter Demonstranten gelungen war, mit großem Volkszorn eine Lesung des Buches im Berliner Ensemble zu verhindern.

Das alles halte ich nicht für ein Zeichen gewachsener Toleranz. Und dass ein Politiker wegen eines plumpem Komplimentes eine Sexismus-Debatte vom Zaun bricht, ist eine wüste Übertreibung der political correctness, die meiner Ansicht nach mit Toleranz gar nichts mehr zu tun hat.

Eine Studentin äußerte einmal Unbehagen darüber, dass es ihr kaum noch möglich sei, über die Verbesserung der Welt nachzudenken, da sie sich von den ideologischen Tretminen der political correctness umgeben fühle.
 Ein anderer Student sagte mir einmal: “Im Kalten Krieg wusste man wenigstens, wo der Feind steht. Heute ist der Feind überall.” *

Toleranz in der näheren Zukunft

Auf der Webseite des europäischen Parlamentes findet man unter:
 http://www.europarl.europa.eu/meetdocs/2009_2014/documents/libe/dv/11_revframework_statute_/11_revframework_statute_en.pdf

einen Text mit folgendem Titel:

A EUROPEAN FRAMEWORK NATIONAL STATUTE FOR THE PROMOTION OF TOLERANCE, wobei es sich um einen Vorschlag für ein künftiges Gesetzeswerk handelt. Ob dieses beschlossen wird oder nicht, das obliegt keiner demokratischen Kontrolle von Seiten der Parlamente der einzelnen Nationen. Wir werden sehen…

Darin heißt es u.a.:

Members of vulnerable and disadvantaged groups are entitled to a special protection, additional to the general protection that has to be provided by the Government to every person within the State. The special protection afforded to members of vulnerable and disadvantaged groups may imply a preferential treatment. Strictly speaking, this preferential treatment goes beyond mere respect and acceptance lying at the root of tolerance. Still, the present provision is justified by the linkage between historical intolerance and vulnerability.The answer to the question which group is vulnerable or disadvantaged in a particular society varies from one country to another.

Also: verwundbare und benachteiligte Gruppen sollen einen Anspruch auf einen “speziellen Schutz” haben, zusätzlich zu dem, der ohnehin schon generell jeder Person in einem Staate zu gewährleisten ist. Es wird in dem Text, wie man lesen kann, ausdrücklich eingeräumt, dass es dabei um eine bevorzugte Behandlung gehen soll, welche weiter geht als einfacher Respekt und Akzeptanz.

Man wird sehen, wie dieses Gesetz im Einzelnen aussehen wird, aber ich persönlich bin neugierig darauf, welche bevorzugte Behandlung bestimmter Bevölkerungsgruppen weiter gehen wird als Respekt und Akzeptanz. Ich frage mich auch, welcher spezielle Schutz über dem Allgemeinen vor Diskriminierung und Beleidigung (der ja bereits jeder Person zusteht) hinaus da gewährt werden soll.

Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schaffung neuer Privilegien unsere Gesellschaft toleranter machen wird.

Schlusswort

Ich schäme mich ein wenig, dass ich dem Gender-Star überwiegend mit Stammtisch-Parolen begegnet bin. Es ist leider so, dass dies weiße, heterosexuelle Männer wohl gern machen. Aber ich fordere an dieser Stelle alle auf, sich ernsthaft mit solchen Fragen auseinanderzusetzen, die Stammtische zu verlassen und die wissenschaftliche Arbeit von möglichst vielen weltanschaulichen Seiten aus aufzunehmen.

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