Grenzerfahrung Bergsteigen

TL;DR: Mount Taranaki Summit Track, für Interview nach Wellington gefahren, neue Freunde gefunden, Jobangebot bekommen, mehr Interviews, Tests, Wellington entdeckt und in einem Dreckloch-Hostel gewohnt.

Angekommen in New Plymouth an der Westküste der Nordinsel machten wir uns auf den Weg zum perfekten Hostel #8. Unterwegs haben wir es sogar geschafft den Reifendruck zu kontrollieren; und die Ergebnisse waren durchaus schockierend und mussten wirklich korrigiert werden. Mit passendem Reifendruck sollte jetzt auch der Spritverbrauch sinken. Supi. Also, am Hostel hieß es Auto ausräumen, sauber machen, Wäsche waschen, Wäsche aufhängen, duschen, kochen. Zur Hostelausstattung gehörte nicht nur eine Gitarre sondern auch ein Klavier.

Nachmittags haben wir Jay kennengelernt, der seit 4 Jahren mit seinem Fahrrad um die Welt fährt. Mit ihm sind wir dann eine Runde laufen, oder eher rennen gegangen und haben uns die schönen Ecken und den Strand der Stadt angeschaut. Leider hatten wir kein gutes Surfwetter und so musste ich meine Surfpläne auf unbestimmte Zeit aufschieben. Abends haben wir uns dann noch in gemütlicher Runde zusammen ins Hostel gesetzt und den Tag ausklingen lassen.

Am nächsten Tag ging es weiter zum Mount Taranaki im Egmont National Park. Die ganze Region hier ist nach dem Berg benannt. Bei schlechtem Wetter könnte man direkt an ihm vorbei fahren, ohne überhaupt etwas von diesem gigantischen Vulkanmassiv mitzubekommen. Nun wussten wir aber davon und fuhren zum North Egmont Visitor Center. Von hier aus starten viele Wanderwege; einige davon sind Rundwege, andere sind Mehrtageswanderungen und dann gab es natürlich auch noch den Summit Track, rauf zur schneebeckten Spitze des Berges.

Als wir ankamen war der Regen schon da. Einen kleinen Rundweg über holprige Pfade in einem verwunschenen Urwald haben wir trotzdem noch angetreten. Sollen wir noch länger bleiben oder wegen des Wetters kapitulieren. Das Infozentrum sagte uns, dass es für den Rest der Woche nicht mehr aufklären würde. Auf den Wetterbericht war sowieso nicht viel verlass. Wir entschlossen uns also zu bleiben und unser Glück früh am nächsten Morgen erneut zu versuchen.

Die Nacht war kalt gewesen, denn der Wind trog die Kälte des Schnees mit sich. So standen wir als mit der Sonne auf, kochten eine Kanne Tee, aßen ein nahrhaftes Frühstück und zogen uns die wärmsten Sachen an, die wir dabei hatten. Definitiv nicht professionell ausgestattet, mit fraglicher Bergsteigerfahrung machten aber voller Optimismus machten uns auf den Weg. Abwechselnd trugen wir den Rucksack über steile Pfade durch dichte Wälder und nebelige Graslandschaften bis wir schließlich den ersten kalten Schnee seit Monaten in unseren Händen hielten.

Nach langen Diskussionen entschlossen wir uns weiter zu gehen, obwohl wir dafür vom Pfad abweichen mussten. Der Pfad war unter dem Schnee begraben und der Nebel versperrte uns die Sicht. Aber viele Wege führen zum Ziel. Nach einigen steilen Minuten fingen wir an in regelmäßigen Abständen Steine zu häufen, die uns als Makierer für den Rückweg dienen sollten. Die Idee hört sich zu einfach ein, um schlau zu sein, aber manchmal sind die einfachsten Sachen auch die besten. Denn unser Konzept sollte später selbst im dichten Nebel, selbst ohne Blick auf das GPS aufgehen. Höhenmeter für Höhenmeter krabbelten wir auf beiden Beiden oder auf allen Vieren den Berg hinauf. Den Rucksack legten wir bald ab, makierten ihn mit einem besonders großen Steinturm und mit einem Marker auf der Karte und gingen weiter. Schon bald, waren keine steinigen Pfade mehr vorhanden, sondern nur noch Schnee. Durch die Steigung war es leicht kurz abzurutschen und das war besonders schweißtreibend. Doch es war warm und sonnig, denn plötzlich lagen die Wolken unter uns. Der Himmel war blau, die Sonne schien und entgegen, der Schnee schien uns entgegen und so arbeiteten unsere Sonnenbrände vor sich hin. Etwa 600 Meter Luftlinie entfernt von der Spitze kehren wir um, denn so langsam verließ uns der Mut und wir waren eine ganze Ewigkeit weiter gekommen, als wir geplant hatten. Der Rückweg war schnell, denn wir mussten nicht klettern und wandern — wir konnten Skifahren. Ohne Bretter aber auf unseren Schuhen. So fuhren wir bergab Slalom an den kleinen Türmchen vorbei bis wir keinen Schnee mehr unter den Füßen hatten. Den Rest mussten wir wieder wandern. Das Video sollte euch einen Eindruck geben.

Erschöpft wieder am Auto angekommen, checkte ich kurz meine Emails und fand heraus, dass ich am nächsten Morgen um 2 Uhr Nachmittags zu einem Interview im 400km entfernten Wellington eingeladen war. Na das kam mal unerwartet; nach dem ich mit vor etwa 4 Wochen dort beworben hatte, gab es also doch noch eine Antwort. Eine weitere Email: 1 Uhr, nicht 2 Uhr. Kurzerhand warfen wir unsere Woofing Pläne für die nächsten Wochen über Bord und machten uns auf den Weg gen Süden. Eine regnerische Nacht verbrachten wir auf der Strecke und so kamen wir Mittwoch morgens im kleinen, schönen Wellington an. Die südlichste Hauptstadt der Welt. Angeblich auch die windigste Stadt der Welt.

Mein neues, tolles Fahhrad für 45$ (inkl. Helm, Korb, 2 Schlösser, Werkzeug, Flickset und Pumpe)

Matze’s und meine Wege sollten sich hier erst mal trennen. Damit waren die letzten geilen 2,5 Wochen Leben in einem umgebauten Auto vorbei. Im wunderschönen Nomads, Hostel #9 eingecheckt, bereitete ich mich noch kurz vor, bügelte das eine Hemd, was ich dabei habe und machte mich auf den Weg zum Interview. Das sehr gute Interview wurde am Ende noch getoppt. Da durfte ich nämlich auf einer der 3 Rutschen des Büros rutschen. Von Etage 5 nach Etage 3. Dann wieder per Treppe zurück auf Etage 5, auschecken und fertig.

In den kommenden Tagen folgten noch eine Reihe Tests und weiter Interviews. Zwischenzeitlich bekam ich von einer anderen Firma ein Angebot. Mega! Jetzt warte ich noch ab, ob es noch ein zweites Angebot gibt und picke mir dann das bessere raus. Nach 5 Wochen des Rumreisens in Neuseelands freue ich mich wirklich darauf bald wieder einen ganz geregelten Arbeitsalltag in einer Stadt zu haben, die ein bisschen was von der Atmosphäre von Melbourne hat.

Der Blick vom Mount Victoria in Wellington

Zwischenzeitlich habe ich viele Leute kennengelernt und wieder getroffen. Gefühlt kenne ich überall Leute in Neuseeland, egal wo ich hingehe und das ist ein gutes Gefühl. Ich war zwei mal auf dem Mount Victoria und hab mit ernstem Blick in die Ferne geblickt. Das Te Papa Museum hier ist nicht nur kostenlos, sondern wahrscheinlich das beste und umfangreichste Museum, was ich je gesehen habe. Besonders die ANZAC Ausstellung war so unglaublich gut gemacht, dass ich bald wieder hingehe. Die Waterfront der Stadt ist perfekt zum Laufen. Der Wind kann stören, kann aber auch schön sein — besonders in der Sonne.

Aus der ANZAC Ausstellung im Te Papa in etwa doppelter Lebensgröße. Man erkennt jeden Schweißtropfen und jedes Fingerhäarchen.

Weil die Hostelpreise im schönen Nomads exorbitant über das Wochenende stiegen, zog ich mit ein paar Freunden in eine absolute Hostel Absteige #10 ein. Zu den paar Nächten kamen noch ein paar weitere dazu, denn plötzlich kannte man jeden und das hat geholfen den Siff und Gestank einfach zu übersehen. Es war eine schöne Zeit, in der ein kleiner Magen-Darm-Virus eine Runde durchs Hostel machte — und noch macht. Erst heftige Bauchschmerzen, dann Knochen- und Gliederschmerzen, dann erhöhte Temperatur und dann hat man es überlebt. Nach einem Tag des Flachliegens hab ich es überstanden und ziehe heute endlich aus diesem Loch aus.

Gerade sitze ich in der Bücherei, starre auf mein Handy und warte auf eine positive Rückmeldung für den zweiten Job. Mit der Menge an Tests und Interviews der letzten Woche hätte ich nie gerechnet. Normale Interview, Technische Interviews, Coding Tests, ein Psychometrischer Test, Referenzen zu alten Arbeitgebern geben […]. Doch wie ich diese Zeilen niederschreibe, fährt mir ein Grinsen über das Gesicht. Ich bin guter Dinge. Das wird schon klappen; dass Nichts klappt ist nämlich keine Alternative.

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