Makadamia Rausch
TL;DR: Zaun gebaut, Makadamias gegessen, Verschörungstheorien aus aller Welt gelauscht.
Tag fünf auf der Makadamiafarm neigt sich dem Ende zu. Vor einer guten Woche hatte ich mich auf eine Workaway Anzeige gemeldet, bei der ich jeden Tag 4–5 Stunden Arbeitskraft gegen Unterkunft, Verpflegung und Kontakt zu Einheimischen eintauschen konnte. Anfang der Woche wurde ich von meinem Hostel abgeholt und mit auf eine Farm im 30km entfernten Whangerei Heads mitgenommen worden.
Die Farm. Orangen, Zitronen, Mandarinen, Oliven, Passionsfrucht, Bananen, Makadamias und eine ganze Menge Zeug, von dem ich vorher noch nie was gehört hatte. Hier wächst so ziemlich alles, was auch bei uns zu Hause wächst; und dazu noch tropische und subtropische Früchte. Zudem gibt es hier Hühner, eine Ziege und ein Bienenvolk. Von meinem Zimmer aus, sehe ich über Obstbäume und Hügel hinweg direkt bis auf’s Meer. Und weil ich hier an der Ostküste bin, steht sogar morgens noch direkt die Sonne inmitten dieses schönen Anblicks.

Sophia ist halb Kiwi, halb Chinesin. David ist Kiwi. Jiajia ist die Mischung genau davon und 3,5 Jahre alt. Die drei versuchen sich hier halbwegs selbst zu versorgen mit dem Gemüse, Obst, Honig, Eiern und Nüssen, die die Farm hervorbringt. Außerdem will Sophia gerade mit ihrem Akupunktur Business groß durchstarten. Ursprünglich dachte ich, dass ich mich ein paar Stunden jeden Tag um die Website des Gewerbes kümmern sollte. Das kam dann aber anders und somit konnte ich in den letzten Tagen mit vollem Körpereinsatz erfahren was alles auf so einer Farm gemacht werden muss.
Zaun reparieren, Mulch machen, Nüsse sammeln, Nüsse schälen, Nüsse waschen, Nüsse trocknen, Nüsse knacken, Nüsse sortieren, Nüsse verpacken. Das ist der Kurzüberblick meiner Aufgaben. Das Reparieren des Zauns war die Aufgabe, die noch am meistens mental gefordert hat und am meisten Spaß gemacht hat, weil am Ende des Tages einfach ein deutliches Ergebnis stabil in der Welt steht. Und damit konnten die Hühner (“Chucks”) endlich nicht mehr 5 mal am Tag ausbrechen.
Schreckliche Erinnerungen an meine Ferienjobs zu Schulzeiten kamen hoch, als ich Nüsse vom Baum schütteln, schneiden und auflesen musste. Den ganzen Tag gebückt oder in den Knien stehend unter Bäumen rumkriechen, die dir bei jeder Gelegenheit mit ihren Blättern die Haut zerkratzen oder mit ihren Stöckchen in den Körper stechen. Aaaaaaber, das gehört natürlich auch dazu.

In den vergangenen Tagen hab ich 1000 mal so viele Makadamias gegessen wie in meinem gesamten Leben zuvor. Makadamias unbehandelt, Makadamias geröstet, Makadamiabutter, Makadamia-Sandwich, Makadamia-Burger, Makadamia mit Gambo, …
Ein Kilogramm ganze oder halbe Makadamia-Nüsse unbehandelt oder geröstet kostet hier stolze 49$. Wer glaubt das ist zu viel, sollte sich schleunigst auf eine Makadamiafarm begeben und selbst erleben, wie zeitraubend und undankbar diese Arbeit ist. Allerdings muss man dazu sagen, dass die Prozesse auf dieser Farm vielleicht nicht ganz so ausgereift sind, wie sie sein könnten. Die Knackmaschine knackt gefühlt nur jede dritte Nuss. Der Rest ist entweder zertrümmert oder muss per Hand geknackt werden. Die Nüsse mit komischer Farbe oder dunkeln Stellen (“Chicken nuts”) sind für die Hühner. Die kleinen Splitter werden zu Butter verarbeitet.
Da meine Schichten von etwa 8 bis zur Mittagspause gingen, hatte ich den Rest des Tages frei. Außer Natur ist hier allerdings nicht viel. Also habe ich die ruhige Zeit einfach mal für die wichtigen Dinge im Leben genutzt: Bücher, Laufen, Yoga, Emails, Bewerbungen. Auch in meinem brandneuen Lonely Planet hab ich mich endlich mal über Neuseeland schlau gemacht. Ansonsten hab ich mich mit dem steinalten und übrigens Klavier beschäftigt oder mit Jiajia Spiele gespielt.

Die Familie hier war super nett und ich habe viele neue Dinge kennengelernt. David ist schon gewisser Weise Verschwörungstheoretiker. Eigentlich gegen alles. USA, NATO, Pharmaindustrie, Agrarkonzerne, Impfungen, Zucker, Milchprodukte. Täglich musste ich die wilden Theorien über mich ergehen lassen, ohne zu wissen was ich überhaupt sagen sollte. Ein bisschen so wie bei Axel Stoll. Nach einem Tag krum stehen und Bücken habe ich gesagt, dass mein Rücken wehtut. David’s Ratschlag für mich war keinen Käse mehr zu Essen. Heute hat Jiajia so eine Art Bindehautentzündung gehabt und auch da wusste David sofort bescheid was Sache war: Das Eis von letzter Woche in Auckland muss schuld gewesen sein. “Muss man wissen. Die Wahrheit ist manchmal schwer zu glauben...”
Wenn man mal von diesen merkwürdigen Teil der Erfahrung absieht, war es wirklich eine coole Woche auf der Farm, die mir die Menschen und die Kultur hier einen Schritt näher gebracht hat.
Morgen stehe ich um 4:45 auf, fahre mit zum Farmers’ Market und nehme dann den Bus um 10:15 nach Paihia im schönen Gebiet der Bay of Islands. Was ich da genau tun werde und für wie lange, werde ich vor Ort herausfinden. Auf jeden Fall soll es sich da um eine der Top-Regionen hier in Northlands handeln. Man ist gespannt.