Lesung Ulla Meinecke, Dresden, Haus des Buches (2007)

Zehn vor 8 Uhr abends und es sind noch einige Plätze in der Mitte frei. Doch nicht so voll hier, wie ich dachte. Autorenlesung im Haus des Buches, Ulla Meinecke liest aus ihrem letzten „Sachbuch“.

Das Publikum ist sehr gemischt, einige junge Leute, viele 40irgendwas, einige wenige, die noch älter sind, sich bereits mit Krücken durch die Reihen bewegen. Was machen die alle hier? Es wird gequatscht, bei einigen aus der Krückenfraktion sehe ich Internetausdrucke mit Songtexten und der Vita der Lesenden. Prosecco, Bier, Rot- und Weißwein, Schnittchen werden konsumiert, kaum jemand mit alkoholfreien Getränken. Neben mir eine Gruppe Mittvierzigerinnen, die sich u.a. über Schulprobleme der Kinder, den nächsten Geburtstag des Gatten/ Lebensgefährten und den damit verbundenen Restaurantbesuch sowie das letztjährige „Konzert“ der Pet Shop Boys in der Stadt auslassen. Konzert? Wissen die etwas, das ich nicht weiß? Ah, es geht um die Battleship-Aufführung. Kopfschüttelnd versuche ich die schnatternden Weiber zu überhören; mich hat schon im vergangenen Jahr verärgert, dass mindestens die Hälfte der sich am Ende beschwerenden Besucher der Aufführung völlig ignoriert hatte, daß das eben kein Popkonzert war. Der Abend verspricht lustig zu werden.

Licht aus, Musik aus, das Grundrauschen ebbt jedoch nicht wirklich ab. Es ist doch noch sehr voll geworden, kaum mehr ein freier Stuhl. Der etwas gehetzt wirkende Geschäftsführer bittet die Zuhörer um das Ausschalten der Handys, aber niemand rührt sich. Kein hektisches Suchen in vollen Taschen, es sieht nach einem disziplinierten Völkchen aus. Auch die letzten Säumigen finden irgendwann zu ihren Plätzen, dann kann’s losgehen.

Über die Lesung selbst schreibe ich an anderer Stelle weiter. Hier geht es nur um die Randfiguren.

Es wird gehustet, geräuspert, geschwatzt, in Bonbontüten geraschelt, Glas schlägt an Porzellan und nach 10 Minuten beginnt die Schnatterente drei Plätze weiter SMS zu schreiben. Irgendwann beginnt jemand, seine Digitalkamera einzustellen; das Piepsen der Systemtöne ist laut und deutlich. Frau Meinecke ist inmitten ihrer Geschichten und läßt sich nichts anmerken. Nach ca. 15 Minuten bin ich genervt von der Unhöflichkeit und Disziplinlosigkeit um mich herum und fühle mich an schlecht erzogene Gören im Kino erinnert. Welcher Film läuft hier eigentlich? Das Publikum bei der Handelsblattlesung war wesentlich jünger, aber aufmerksamer und vor allem interessierter.

Nach der Lesung noch Signierstunde, doch nur ein knappes Drittel der Zuhörerschaft möchte die eigenhändige Unterschrift der Autorin in das Buch. Der Rest der Meute verflüchtigt sich auf wundersame Weise und wird später verteilt im Haus des Buches wieder aufzufinden sein. Im Hinausgehen sehe ich leere Biergläser, achtlos auf Regalen und Büchern abgestellt, Glas klirrt, als eine Frau mit ihrer Jacke eines der Gläser von einem Bücherregal herunterkehrt und die Scherben einfach liegenläßt. Ich fasse es nicht, wie ignorant manche Menschen sind. Wer so mit gedruckten Schätzen umgeht, ist ihrer nicht wert.

So interessant ein Buch künftig sein mag, aber eine Autorenlesung in diesem Haus — nö, nie wieder.