Waldschlösschenbrücke und kein Ende (2007)

(Die Idee zu dem folgenden Eintrag kam mir gestern nachmittag, als mal wieder einer mit dem Aufkleber „Welterbe erhalten“ auf seinem Autoheck vor mir herzuckelte. Vorgeschrieben habe ich den Rohentwurf auf Papier in einer etwas weinseligeren Stimmung gestern abend.)

„Waldschlößchenbrücke wird gebaut — Welterbetitel fast weg“ titelte gestern die größte seriöse Zeitung der Stadt (Artikel im Onlineangebot nur für Abonennten lesbar). Liebe Dresdner — ich beschränke mich mal auf die allgemeine Anrede, alles andere ist eh Kindergarten -, bitte entscheidet euch doch endlich mal, was ihr wollt. Dieses ewige Rumgeeiere um die Brücke geht mir inzwischen tierisch auf den Sender.

Fassen wir mal die Fakten zusammen. Die bisherige Brückenplanung ist ein Millionengrab, wer das bestreitet, lügt schlichtweg. Seit Jahren wird an der neuen Elbquerung herumgeplant; Planung, Einsprüche, Umplanungen, Planfeststellungsverfahren, Alternativlösungen, erneute Planfeststellungsverfahren usw. usf. Die Liste der Möglichkeiten und genutzten Gelegenheiten läßt sich genauso in die Länge ziehen wie der gesamte Vorgang. Als letztes gangbares Mittel zur Durchsetzung des Baubeginns für die Brücke gab es im Februar 2005 einen Bürgerentscheid, nachdem sich bei der vorangegangenen Stadtratswahl die Stimmanteile in Richtung der Brückengegner verschoben hatten. Diesen Bürgerentscheid haben ganz klar die Brückenbefürworter entschieden. Eine damals veröffentlichte Karte mit dem Abstimmungsverhalten in den einzelnen Stadtteilen zeigte, daß die Brückengegner aus den die geplante Brücke tangierenden Stadtteilen kommen oder aus Vierteln, in denen vorwiegend Alternative leben.

Bis in diese Woche hinein hat man mit mehr oder weniger Erfolg den Baubeginn verhindert. Zum einen ist da der in meinen Augen recht fadenscheinige Versuch des Schutzes einer Fledermausart, der Kleinen Hufeisennase, welche im Gebiet der geplanten Brücke keinerlei Jagd- und Verbreitungsgebiet hat. Und mal ehrlich — ausgerechnet kurz vor Baubeginn taucht das Viech da auf?! Nicht wirklich… Zum anderen pocht man auf den touristischen Faktor „Weltkulturerbe der Unesco“, der zahlreiche Besucher aus dem Ausland anlocken soll. Dresden ist immer voller Touristen, brauchen wir weitere 5 Mio. Japaner, die die Highlights verfotografieren ohne die Stadt wirklich zu erleben?

Und, liebe Dresdner, wie sieht es mit der Lebensqualität in der Innenstadt aus? Dresden wird grob in den Nord- und Südteil zerschnitten, weil die Elbe seit Jahrhunderten durch die Innenstadt fließt bzw. hat man sicher irgendwann begonnen, um den Fluß herumzubauen und einzugemeinden. Die Stadt verfügt derzeit über insgesamt sieben Brücken für den Autoverkehr (Autobahn mit eingeschlossen), von denen zwei entweder stark sanierungsbedürftig sind (Albertbrücke) oder irgendwann für den Autoverkehr gesperrt werden müssen, wenn man sie als Wahrzeichen nicht verlieren will (Loschwitzer Brücke, auch als „Blaues Wunder“ bekannt). Der Wegfall dieser beiden Brücken würde mit Sicherheit einen mittleren bis schweren Kollaps für den Innenstadtverkehr bedeuten, wenn es keine Alternative gibt. So oder so — eine weitere Elbquerung muß her.

Würde man die wuchtigen Bögen der derzeitigen Planung reduzieren, hätte man sicher eine für alle akzeptable Lösung. Man könnte die Brücke bauen und gleichzeitig den Welterbetitel behalten, denn das hat die Unesco signalisiert. Ein Tunnel wäre ein weiteres Millionengrab, in dem man gemütlich Gelder versenken kann, denn eine akzeptable Planung dazu gibt es derzeit nicht. Nicht vergessen darf man dabei auch, daß der Freistaat die Fördermittel lediglich für den Brückenbau bewilligt hat, nicht aber für eine Tunnellösung. Setzen sich die Tunnelbefürworter durch, fängt der Zirkus erst wieder von vorn an und die Fördermittel sind ebenfalls verfallen. Ob es diesen Batzen Geld vom Freistaat ein zweites Mal gibt, bezweifle ich an dieser Stelle stark.

Zieht sich die Verzögerungstaktik weiter hin — es sind noch ca. 20 Klagen bei Gerichten gegen die Brücke anhängig -, läuft im Februar 2008, also in dreieinhalb Monaten, die Bindefrist für den Bürgerentscheid aus und die derzeitige Mehrheit an Brückengegnern im Stadtrat kann den Bau komplett verhindern.

Die geplante Brücke soll vor allem Entlastung für den Innenstadtverkehr bringen, da sie den derzeit durch die Mitte führenden Zubringerverkehr für die Autobahnen (A4 und A17) nach außen verlagert und die Stadtmitte somit entlasten wird. Noch immer umfahren Lkw’s die Mautstellen auf den Autobahnen, indem sie den zwar zeitaufwändigeren, aber kostengünstigeren Weg quer durch die Innenstadt nehmen. Ich weiß, wovon ich rede, ich arbeite schließlich im Zentrum und muß morgens da hin und abends wieder zurück.

Ich beneide keinen der Anwohner auf der Wilsdruffer Straße, Königsbrücker Straße, Hansastraße usw. Aber wenn nur einer der Brückengegner recht bekommt, kann auch der Spinner mit seinem Weltkulturerbeaufkleber sein Gefährt künftig stehen lassen, weil er entweder gar nicht mehr vorwärts kommt, oder es gibt irgendwann Fahrverbote aufgrund der sich dann entwickelnden Schadstoff- und Feinstaubbelastung.

Entfällt die Waldschlößchenbrücke und mit ihr die beiden gefährdeten Brücken, setzt das höhere Fahrzeugaufkommen auch solchen Sehenswürdigkeiten zu wie der wiederaufgebauten und gerade erst eingeweihten Frauenkirche, der Altbebauung und den noch im Bau befindlichen Gebäuden im Innenstadtareal. Fragen wir doch mal Experten, wie lange sie diesen Gebäuden geben, 25..50 Jahre vielleicht? Kürzer, länger? Der Welterbetitel wäre angesichts der hohen Abgasbelastung in der Innenstadt nicht das Papier wert, auf das die Urkunde gedruckt ist. Und dann? Hauptsache, Recht behalten als Brückengegner, oder?

Dem Spinner im Auto kann man getrost „Ich war Brückengegner“ auf den Stein meißeln, wenn er 15 Jahre zu früh an Lungenkrebs oder anderen durch Feinstaub hervorgerufenen Krankheiten verreckt ist.

(So, und jetzt Sarkasmusmode off. Ist auch mal gut mit dem Thema.)

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