LAMPE-DUSA das erste mal am 29. Nov 2013 gepostet

Ich habe Klienten, denen ich — oft schneller als ich selber mitdenken kann — überraschend die Frage stelle, wo denn die Großeltern her kommen. Da die Frage meist ohne inhaltlichen Zusammenhang aus mir raus bricht (vermutlich auch mit einer kleinen Portion Ungeduld), schauen mich meine Klienten dann erstaunt an, denken kurz nach und antworten dann verdammt oft: aus Schlesien, aus Ostpreußen, Pommern, Weissrussland und so weiter. Und während ich dann in ihre fragenden Gesichter blicke, weiß ich, ich bin wieder dem Lampe-Dusa-Effekt auf der Spur.

Warum ich diese Frage stelle? Wie gesagt aus Ungeduld, weil ich schon wieder einen Klienten vor mir habe, der sich in einer „Ich gehöre nicht dazu“-Schleife befindet und offenbar keinen Ausweg findet. Und ich agiere dann irgendwann impulsiv und so platzt dann diese Frage aus mir raus.

Natürlich kommt es vor, dass das Minderwertigkeitsgefühl hinter dso einer Schleife auch ganz ohne das Zutun der Großeltern zustande kam. Dann schauen mich zwei fragende Augen an und ich bekomme die zaghafte Antwort „Wieso? Barmbek!“.

Doch erstaunlich oft liege ich richtig und diese Menschen haben Großeltern, und manchmal auch Eltern, denen die Flucht und auch die Auffanglager noch sehr präsent sind. Es kommt vor dass eine Familie aus Schlesien eine lange, über viele Generationen fortdauernde, Vertreibungsgeschichte hat. Schon erschreckend wie verlässlich sich diese Erlebnisse in den folgenden Generationen auswirken! Da verstehen gestandene Mitvierziger, dass ihr — sie maßlos antreibendes — Gefühl nie gut genug zu sein, zu großen Teilen einfach abgeguckt wurde. Vielleicht bei dem Vater der als kleiner Junge im Auffanglager lebte und in der Schule der war mit dem keiner spielen wollte, weil er der schmarotzende Läusejunge war. Oder die junge Managerin, die erstaunt erkennt, dass sie ihre Angst, sie könne nicht genug Geld haben, wohl von der Großmutter gelernt hatte, die das liebevoll aufgebaute Lebensmittelgeschäft in Kiew Hals über Kopf im Stich lassen musste.

Doch am erstaunlichsten finde ich heute, wie viele Deutsche sich heute mit Händen und Füßen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehren. Sehr viele von ihnen müssten — rein rechnerisch — eigentlich Kinder oder Enkel von Flüchtlingen sein. Nach amtlichen Zahlen waren am 8. Mai 1945 (zur Kapitulation) knapp die Hälfte der 15 Millionen Deutschen aus den Ostprovinzen bereits wieder im westlichen Kernland angekommen. Diese ca. 7,5 Millionen Flüchtlinge waren eine Last für die Kommunen, die sie aufnehmen mussten und auch diese Flüchtlinge hatten wenig Spielraum und lange wenig Möglichkeiten aus eigener Kraft ihr Leben zu verbessern. Und es war doch möglich diese gigantische Flut von Menschen, in einer ohnehin verzweifelten wirtschaftlichen Lage, so zu integrieren, dass ihr Enkel heute keine Ahnung haben, woher ihr unbestimmtes Gefühl „nicht-richtig-zu-sein“ oder gar „lebensbedroht-weil-sie-was falsch-gemacht-haben“, kommt.

Ganz leise habe ich den Verdacht, dass viele von denen, die keine Flüchtlinge hier haben wollen, nicht wirklich wissen, warum sie solche Angst haben, Menschen in Not eine Chance zu geben ein gutes Leben zu führen. Das Boot ist voll? Nein. Wir haben Angst vor dem „Fremden“, dass uns in Wahrheit eben so schmerzhaft vertraut ist. Wir schotten uns ab, damit alles bleibt wie es war und wir uns nicht erinnern müssen, wie ungewollte wir uns selber fühlen oder schlimmer noch, wie tief die Angst der Flucht und der Vertreibung uns noch in den Knochen steckt. Das ist wahrscheinlich sehr menschlich. Und derweil ertrinken noch mehr Menschen.

Ich glaube in dreißig Jahren sitzt ein anderer Coach in einem anderen Büro und hat eine hübsche, erfolgreiche Frau vor sich sitzen mit dunkler Haut, dunklen Haaren und hervorragender Ausbildung und kann es nicht fassen, dass auch sie tief in sich den Lampe-Dusa-Effekt trägt, der sie zweifeln lässt an ihrem Wert, an ihrer Existenzberechtigung, und dann hört er sie sagen „wenn ich sichtbar werde, dann bin ich verloren“…

Weitere Infos zu dem Thema finden sich hier:

http://www.forumkriegsenkel.de/Studie.htm

http://www.kriegskind.de http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/verdraengter-schrecken-wie-kriegskinder-ihr-trauma-vererben-a-610297.html

Ich freue mich über jedes Teilen und Kommentieren.

http://www.anmohe.de/actingforbusiness/?p=2068

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