Früher war alles besser? — Vielleicht auch nicht!

Die Generation Z und ihr Medienverhalten

Jugendliche sind heute medienaffiner als ihre Eltern es zu ihrer Zeit noch waren — das ist kein Geheimnis. Allzu gerne wird der Umgang Jugendlicher mit Medien verteufelt. Aber ist das begründet?

Wenn Sie an den Medienkonsum von jungen Menschen denken, welches Bild haben Sie dann im Kopf? Denken Sie an einen sozial isolierten Jugendlichen, der im dunklen Zimmer vor seinem Computer sitzt? Der nur selten nach draußen geht und selbst dort nur auf sein Smartphone starrt? Das ist natürlich ein extremes Beispiel. Genau so negativ ist die Einstellung Erwachsener gegenüber der Mediennutzung (ihrer) Kinder aber leider. Manche Kritik an den neuen Medien mag berechtigt sein und nicht immer ist unbegrenzter Zugang für Heranwachsende sinnvoll.

Um nicht vorschnell zu urteilen und ein besseres Verständnis für die Generation Z zu entwickeln, ist es hilfreich, ihr Medienverhalten mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Genau das macht der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest regelmäßig in ausführlichen Studien. Für Kinder von 6 bis 13 Jahren heißen diese „KIM-Studie“. Für Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren heißen sie „JIM-Studie“, das steht für „Jugendliche, Information, (Multi-) Media“. Anhand dieser lässt sich ein realistischeres Bild davon machen, wie die Heranwachsenden mit Medien umgehen.

Also lassen Sie uns gemeinsam in den Medienalltag Jugendlicher eintauchen.

Um überhaupt ein Teil der Medienwelt zu werden, brauchen Jugendliche zunächst Zugang zu ihr. An Möglichkeiten, diesen im Haushalt der Eltern zu erlangen, mangelt es oft nicht. Smartphone, Computer, Internetzugang und ein Fernsehgerät: All das gehört heutzutage zur Standardausstattung in deutschen Haushalten. Noch viel freier und selbstbestimmter können junge Menschen ihren Medienkonsum aber über ganz eigene Geräte gestalten. Und diese besitzen sie zahlreich und vielfältig.

Dabei hat sich aber in den letzten 20 Jahren einiges verändert: War laut der JIM-Studie 1998 die Stereo-Anlage noch das meist besessene Gerät unter den 12- bis 19-Jährigen, so wurde sie 2003 vom Mobiltelefon abgelöst. Es ist nicht überraschend, dass die Geräte rund um Internet und Telekommunikation seitdem immer ganz vorne mit dabei waren und auch immer noch sind. Heute besitzt fast jeder Teenager ein eigenes Smartphone und ein erheblicher Teil auch einen Computer oder Laptop.

Mit der größeren Präsenz der Medien steigt jedoch auch die Kritik an diesen. Gerade bei den beliebtesten Geräten ist diese groß. Seit es seinen Weg in die Kinderhände gefunden hat, steht vor allem das Smartphone unter Beschuss von Eltern und Lehrpersonal. Oft wird behauptet, durch das Smartphone würden andere Freizeitaktivitäten zu kurz kommen oder das Sozialleben der Kinder und Jugendlichen würde darunter leiden. Aber ist dem wirklich so? So einfach ist das nicht zu beantworten.

In den Ergebnissen der Studie zeichnet sich zwar ab, dass der Anteil der Jugendlichen, die sich mehrmals in der Woche mit Freunden treffen, gesunken ist, seit sich das mobile Telefon etabliert hat; dass dieses daran auch schuld ist lässt sich daraus jedoch nicht unbedingt schließen. Warum Jugendliche sich weniger mit Freunden treffen kann viele Ursachen haben. Mobiltelefon und Internet können Gründe dafür sein. Die einzigen sind sie jedoch mit Sicherheit nicht. Zumal andere Aktivitäten wie Sport zu treiben oder zu lesen kaum bis gar nicht an Beliebtheit verloren haben. Auch das Sozialleben scheint nicht komplett unter dem Internetzeitalter zu leiden: Familienunternehmungen sind sogar regelmäßiger geworden.

Bei Kindern unter 13 Jahren ist sogar gar keine negative Veränderung in ihrer Freizeitgestaltung wahrzunehmen, die durch den Gebrauch von Mediengeräten hervorgerufen worden sein könnte.

Eine der häufigsten Kritiken an dem Medienverhalten von Jugendlichen ist, dass sie heutzutage kaum noch lesen. Dieser Eindruck lässt sich mit einem Blick in die JIM-Studien nicht bestätigen. Der Anteil an Jugendlichen, die angeben, in ihrer Freizeit zu lesen, ist seit 2008 fast konstant geblieben. Aufgrund des subjektiven Gefühls, dieser Anteil wäre mit der Zeit kleiner geworden, wird aber von vielen Seiten aus versucht, Lesen für Jugendliche (wieder) interessanter zu machen. Dazu gehören neben Eltern und Lehrpersonal auch viele Blogs im Internet und sogar größere Organisationen. Die Leipziger Buchmesse bietet jedes Jahr ein spezielles Kinder- und Jugendprogramm an. Auch Stiftungen beschäftigen sich mit dem Ziel, mehr Jugendliche ans Lesen zu bringen. So zum Beispiel die Stiftung Lesen aus Mainz, die auch an den Studien des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest beteiligt ist. Diese bietet mindestens fünf ständige Programme zur Leseförderung für Kinder und Jugendliche. Darunter Leseclubs oder das Projekt „Lesen in Bewegung“. Diese Bemühungen sind nicht unberechtigt. Lesen bietet bekanntermaßen nicht nur, aber besonders für Kinder einen Mehrwert. Es regt die Fantasie an und soll unter anderem Kreativität und Konzentration fördern.

Fantasie ist auch Jugendlichen wichtig. Besonders bei der Auswahl des Lesestoffes. Welche Bücher am liebsten auf den Nachttischen der Heranwachsenden liegen, hat sich über die Jahre nämlich kaum verändert. Bei der Frage, was sie aktuell oder gerne lesen, tauchen immer wieder die gleichen Titel auf. Harry Potter darf nie fehlen und repräsentiert den Geschmack der Jugendlichen ganz gut: Am liebsten lesen sie nämlich Fantasy- und Abenteuergeschichten. Zu dem Zauberer aus Hogwarts gesellen sich in den Antworten häufig der Herr der Ringe und der Drachenreiter Eragon. Aber auch an verschiedensten Romanen finden die jungen Erwachsenen Gefallen. Generell sind die sonstigen Nennungen sehr vielfältig und reichen von der Komödie „Gregs Tagebuch“, über die Erotikromanreihe „Fifty Shades of Grey“ bis hin zu den Thrillern von Dan Brown.

Genauso wenig wie die Auswahl der Bücher hat es sich kaum verändert, wie lange Jugendliche am Tag ungefähr lesen. In den letzten Jahren schwankten die Angaben ungefähr um eine Stunde herum.

67 Minuten am Tag: So lange lasen sie nach eigener Einschätzung an einem Wochentag im Jahr 2018. Das ist nicht wenig. Zumindest in einem Punkt haben Eltern aber Recht: Noch deutlich mehr Zeit investieren Jugendliche in das Internet. Das ist schon seit Jahren so. Die Dauer ist tendenziell sogar gestiegen. Aktuell schätzen 12- bis 19-Jährige ihre eigene Nutzungsdauer auf über drei Stunden täglich.

Beim genaueren Hinsehen sind diese Zahlen aber vielleicht nicht so schockierend, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Einerseits sagt allein die Zahl noch nichts darüber aus, wofür das Internet genutzt wird. Zum Recherchieren für und Vorbereiten auf die Schule wird ebenfalls oftmals das Internet zu Rate gezogen. Und seien Sie mal ehrlich: Wenn Sie angeben müssten, wie viel Zeit am Tag Sie für die Arbeit im Netz verbringen, wäre das vermutlich auch nicht weniger…

Andererseits spielen bei dieser Selbsteinschätzung viele Faktoren eine Rolle. Denn wie das Leseverhalten ist auch die Internetnutzung vielfältig und kann nicht nur auf einen Aspekt wie Onlinespiele reduziert werden. Auch Kommunikation, die über das Internet getätigt wird, zählt hier dazu. Also nicht nur die altbewährte E-Mail, sondern auch Instant Messanger wie WhatsApp, Telegram und Co. Insgesamt gibt es sogar vier Teilbereiche, in die die Internetnutzung insbesondere von Jugendlichen aufgeteilt werden kann: Zu Kommunikation und Spielen kommen noch andere Unterhaltungsangebote und Informationssuche hinzu.

Dass die Kommunikation selbst bei der Internetnutzung einen großen Teil ausmacht, zeigt noch einmal deutlich, dass ein umfassender Gebrauch von Medien, gerade von den häufig kritisierten neuen Medien, und ein aktives Sozialleben sich nicht gegenseitig ausschließen. Auch wenn der Anteil an Kommunikation zu Gunsten der Unterhaltung im Laufe der Jahre abgenommen hat.

Unterhaltung, zum Beispiel in Form von Videoplattformen oder Streaming-Diensten, und Onlinespiele nehmen zusammen viel Zeit in Anspruch; das sollte niemanden verwundern. Stören sollte es aber auch niemanden. Immerhin verwenden Jugendliche ein Zehntel ihrer Zeit im Internet darauf, sich auf unterschiedliche Arten und Weisen und zu verschiedenen Themen zu informieren. Das macht bei 200 Minuten am Tag ganze 20 Minuten aus.

Eine weit verbreitete Meinung gegenüber des Internets ist, dass die Nutzung nur unterstützt werden sollte, wenn Jugendliche sich damit informieren oder zumindest ansatzweise sinnvoll beschäftigen. Rational gesehen ist dieser Denkansatz aber nur wenig sinnvoll. Mehr Bücher und weniger Internet würden auch nicht zu einem ausgedehnteren Informationsverhalten von Jugendlichen führen. Denn wie zu sehen ist: Jugendliche lesen auch keine Sachbücher. An oberster Stelle stehen nicht der Duden und Lexika, sondern Unterhaltungsliteratur. Und ob dann das Lesen noch einen so viel positiveren Einfluss auf die Entwicklung hat, als andere Medien, ist zu bezweifeln. Dass Kinder und Jugendliche sich in ihrer Freizeit unterhalten wollen, sollte in Bezug auf alte Medien nicht weniger verwerflich sein als im Bezug auf die neuen Medien.

Und jetzt sind Sie dran:

Wenn Sie noch mehr darüber wissen wollen, wie Jugendliche das Internet nutzen, können Sie das, indem Sie Ihr Wissen hier in einem kurzen Quiz auf die Probe stellen.

More From Medium

Top on Medium

Top on Medium

Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade