Konto gesperrt 2023: Erfahrungen eines Rechtsanwalts

Anwalt Martin Wehrmann
5 min readDec 7, 2023

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Blitzschnell wird heutzutage Ihr Bankkonto gesperrt. Ihre Zahlungsverpflichtungen bleiben trotzdem bestehen.

“Dann melde ich mich jetzt bei meiner Bank und kläre das Problem!”

Dachten Sie vielleicht. Denn das entpuppt sich mehr und mehr zu einem Wunschtraum. Wir leben nicht mehr in den 1990er Jahren, sondern in einem zwischenmenschlich eiskalten 2023.

Bankkonto gesperrt Erfahrungen vom Anwalt

Wieso schreibe ich über Kontosperrungen?

In meiner Kanzlei melden sich tagtäglich Betroffene, denen buchstäblich ihr Konto eingefroren worden ist. Besonders verheerend: Von Seiten der Banken wird oftmals nicht einmal eine Begründung mitgeteilt.

Es wird schlicht und ergreifend die Kontosperrung vorgenommen, ohne dass diese für den jeweiligen Kontoinhaber nachvollziehbar wäre.

Manchmal kommt ein müder Brief von der Bank, oder eine lapidare Mail mit angeblichen “Hintergrundinformationen”. Doch in der Zwischenzeit stehen die gesperrten Kontoinhaber vor massiven Problemen.

Wer auf eigene Faust versucht, die Kontosperre aufzuheben, stößt auf Widerstand. Denn die Banken “funktionieren” längst nicht mehr so wie früher einmal!

Einerseits haben wir es mit vielen Onlinebanken zu tun, die anscheinend nur noch vollautomatisiert kommunizieren — da sitzt also nicht wirklich ein “klassischer Bankmitarbeiter”, der Ihren Einzelfall bearbeitet, sondern ein Computerprogramm! Andererseits glänzen selbst “Hausbanken” mit Filialnetz nicht mehr durch empathischen Kundenservice.

Kontosperre Rechtsanwalt
Rechtsanwalt Martin Wehrmann: “Erschreckend, wie Banken mit der Kundschaft umgehen!”

Mir liegen viele Erfahrungen von Betroffenen einer Kontosperre vor!

Ich berichte hier nicht über Einzelfälle. Allein in meiner Anwaltskanzlei erhalte ich mehr Anfragen, als Sie sich vorstellen würden — und zwar aus ganz Deutschland.

Beispielsweise schreiben mir alleinerziehende Mütter mit 3 Kindern zuhause, die “über Nacht” zahlungsunfähig geworden sind — und zwar nicht, weil kein Geld vorhanden wäre, sondern weil die Bank das Konto gesperrt hat. Was das für eine Familie bedeutet, können Sie sich denken.

Und dann beginnt die “quälende Korrespondenz” mit der Bank, während Mahnungen des Internetanbieters oder des Vermieters in den Briefkasten einprasseln. Denn ein gesperrtes Bankkonto bedeutet mitunter, dass Lastschriften nicht verbucht und terminierte Überweisungen nicht mehr durchgeführt werden können.

Haben die Banken nicht die Pflicht, solche Fälle zu verhindern? Doch, haben sie — theoretisch. Die Praxis läuft aber so, dass erst gesperrt, und dann “mal geschaut” wird.

Wer “aufmuckt”, wird gekündigt? Erst Konto gesperrt, dann Kündigung erhalten!

Und jetzt wird es brisant. Denn in den AGB der meisten Banken ist geregelt, dass eine Kündigung der Geschäftsbeziehung ohne Angaben von Gründen erfolgen kann. Diese AGB wurden von den Kontoinhabern bei der Eröffnung der Girokonten unterzeichnet.

Wozu führt das? Ich kenne Fälle, in denen gesperrte Kontoinhaber den Banken “ihre Meinung gegeigt” haben, und — zu Recht — vehement die Freischaltung des Bankkontos gefordert haben.

Als “Dank” dafür flattert eine Kündigung seitens der Bank in das digitale Postfach. Die Bank möchte Sie also loswerden. Dann wird zwar Ihr Konto womöglich entsperrt, aber danach sind Sie Ihr Bankkonto insgesamt los und dürfen sich womöglich eine neue Bank suchen.

Wenn allerdings ein glasklarer Zusammenhang zwischen der vorherigen Korrespondenz zur Kontosperre und der anschließenden Kündigung erkennbar ist, und sich die Kündigung offensichtlich darauf richtet, einem Kontoinhaber den üblichen Rechtsweg gegen die Kontosperrung “zu verschließen”, läuten bei mir als Rechtsanwalt die Alarmglocken.

Konto gesperrt Anwalt
Anwalt Martin Wehrmann: “Kündigung nach einer Kontosperre sollte kritisch hinterfragt werden!”

Wie können wir das gesperrte Bankkonto freischalten?

Oben habe ich Ihnen zum Umgang der Banken mit der gesperrten Kundschaft berichtet. Jetzt kommen wir zu den rechtlichen und praktischen Möglichkeiten, sich zu wehren.

Denn immerhin besteht ein Vertrag zwischen der Kundschaft und der Bank. Auf Grundlage dieser vertraglichen Beziehung können wir juristisch agieren.

Je nachdem, weshalb Ihr Konto gesperrt wurde, muss anders vorgegangen werden. Beispielsweise könnte die Kontosperrung aufgrund eines Geldwäscheverdachts, einer Pfändung, oder einer Kontoüberziehung ausgelöst worden sein.

  1. Ich kommuniziere als Anwalt direkt mit der Rechtsabteilung der Bank.
  2. So “überspringen” wir die anscheinend “müden” Bankmitarbeiter und softwaregestützten Automatismen, die sich weder beruflich, noch persönlich für das Schicksal gesperrter Kundinnen und Kunden zu interessieren scheinen.
  3. Ihr Anspruch auf Freischaltung des Bankkontos wird geltend gemacht. Zeitgleich und hilfsweise wird die Auszahlung des verbleibenden Guthabens gefordert — und zwar nicht “irgendwann”, sondern zackig. Denn es ist immer noch Ihr Geld!
  4. Bei “Problemfällen” involviere ich unsere Finanzaufsicht. Eine Bank muss sich nämlich den kritischen Blick der BaFin gefallen lassen, falls “etwas gehörig nicht stimmt”.

Zeit drängt: Kontosperrung ist Ausnahmesituation!

Ich habe wenig Geduld mit Banken, die meinen, dass Kundinnen und Kunden in irgendeiner Weise auf sie angewiesen wären. Dem ist nicht so. Es gibt genügend andere Bankinstitute, die Neukundschaft freundlich begrüßen.

Ferner sieht unser EU-Gesetzgeber vor, dass wir ein Recht auf ein Basiskonto haben. Somit gibt es in den allermeisten Konstellationen die Möglichkeit, weiterhin ein Konto zu führen — selbst bei der gleichen Bank, die aktuell versucht, Sie “auf Biegen und Brechen” zu vergraulen.

Informieren Sie sich zum Basiskonto direkt bei der deutschen Finanzaufsicht BaFin unter folgendem Link.

Und wir haben noch eine Menge weiterer Handlungsmöglichkeiten, wenn ein gesperrtes Bankkonto zur existenziellen Notlage mutiert:

  1. Bankvorstand direkt kontaktieren. Denn dort sitzen Menschen, keine Computerprogramme.
  2. Ombudsmannverfahren einleiten. Nicht ohne Grund gibt es diese Schlichtungsstellen.
  3. Mediale Aufmerksamkeit einholen. Insbesondere lokale Zeitungen und die Onlinepresse interessiert sich für “merkwürdige Kontosperren”.
  4. Einstweilige Verfügung gegen die Bank. Gerichte machen “kurzen Prozess” mit rechtswidrigem Verhalten.
  5. Schadensersatz. Durch eine vertragliche Pflichtverletzung der Bank könnte Ihnen eine finanzielle Einbuße entstanden sein.
  6. Verbraucherzentrale und Stiftung Warentest informieren. Hier “sammeln” sich bereits zahlreiche Beschwerden an — mit vermutlich zunehmender Tendenz.

Ist es heutzutage noch ratsam, nur ein einziges Bankkonto zu haben?

Nein! Ich habe durch meine anwaltliche Tätigkeit im Bereich gesperrter Konten genug gesehen und erlebt, um Ihnen eindeutig empfehlen zu können, unbedingt mindestens zwei Girokonten bei unterschiedlichen Banken zu führen.

Diese Vorgehensweise ist mit zusätzlichen Kosten für Sie verbunden. Doch glauben Sie mir, dass Sie nicht in die Situation kommen möchten, Ihr einziges Girokonto eingefroren und gesperrt vorzufinden.

Ich empfehle Ihnen ein Girokonto bei einer Bank mit einem Filialnetz, beispielsweise bei den örtlichen Sparkassen oder örtlichen Genossenschaftsbanken, sowie ein zusätzliches Konto bei einer günstigen Onlinebank. Damit wären Sie “gut aufgestellt”, um nicht “auf einen Schlag” durch eine Kontosperrung finanziell und psychisch lahmgelegt werden zu können.

Leider muss ich dies so deutlich formulieren! Als Rechtsanwalt bin ich schockiert zu sehen, wie heutzutage mit Bankkundinnen und Bankkunden umgegangen wird.

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Anwalt Martin Wehrmann

Hier schreibt Anwalt Martin Wehrmann über seine Erfahrungen.