17.10.2015 Lernen und lernen lernen und Attitüden

Wie funktioniert es? Erstaunlich gut. Arbeitsintensiv für alle Seiten. Aber das gemeinsame Arbeiten ist angenehm und die Fortschritte zu beobachten, ist motivierend. Viel lernen basiert auf permanenter und konsequenter Wiederholung. Wir wissen ungefähr was bei den Prüfungen gefragt sein wird und bereiten sie darauf vor. Derzeit beschäftigt sich Caja hauptsächlich mit Deutsch, hier hat sie die größten Lücken und hier wurde mit ihr und hat sie nicht ausreichend geübt. Etwas das sie schwer beschäftigt, ist ihre Fähigkeit sich zu konzentrieren. Dass das eins ihrer Themen ist, wissen wir alle schon lange. Strategien zu finden und sie dabei zu begleiten diese umzusetzen, steht derzeit auf der Tagesordnung — Caja ist ADS getestet, wir wolltens einfach wissen und bekamen so fundierte Beratung wie wir alle damit umgehen können. Zusätzlich war das Wissen darum eine Entlastung: Es ist so.

Das derzeitige Mittel sie zu selbstgesteuerter Konzentration zu bringen, ist die Zeit zu stoppen. Caja führt ein Protokoll und notiert zu den einzelnen Übungen wie lange sie gebraucht hat. Zusätzlich vermerken wir gemeinsam wie viele Fehler sich eingeschlichen haben. Daraus wird Robert als gamifizerendes Element ein Tool zur Lernzielkontrolle für sie basteln. Sie soll möglichst selbstgesteuert lernen, braucht dafür aber Tools. Von selbst fällt es ihr schwer diese zu entwickeln. Auffällig ist auch, dass sie lernen muss sich zu organisieren und mit ihrer Zeit zu haushalten. Inzwischen kann sie mit der Zeitstopperei gut umgehen. Sie verliert trotzdem viel Zeit und zwar immer bei den Übergängen zwischen einzelnen Übungen, wenn sie auf sich gestellt ist. Am besten kommt sie weiter, wenn jemand bei und mit ihr arbeitet. Trotzdem versuchen wir, auch aus zeitlichen Gründen — unsere Jobs laufen ja weiter — beides zu machen.

Sehr hilfreich dabei ist die Unterstützung von Karin — vielen, vielen Dank dafür! Sie ist dzt. Lehrerin an einer Volksschule, hat auch in anderen Kontexten unterrichtet und wir haben einen Deal. Karin macht mit Caja Deutsch und bereitet für sie Unterlagen vor. Robert macht dafür mit Karins Tochter Mathematik. Jeden Samstag treffen wir uns und verbringen den Vormittag miteinander. Mir hilft vor allem die Supervision, die dabei auch passiert. Wir besprechen Lernfortschritte und –strategien und haben so immer einen inkludierten Außenblick im häuslichen Unterricht.

Cajas Rechtschreibung und Schreibkapazitäten haben sich über die Wochen enorm gesteigert: Ihre Schrift ist flüssiger geworden. Das Multitasking von Schreiben und gleichzeitig Rechtschreiben geht ihr inzwischen leichter von der Hand. Langsam erschließen sich auch sprachliche Systematiken und verankern sich Regeln. Sie hat recht viel Spaß an Ansagen entwickelt.

Am wichtigsten aber erscheint mir die Veränderung ihrer Einstellungen zum Lernen. Etwas das in den vergangenen Wochen bei beiden Kindern, auch bei Cajas Schwester, aufgefallen ist: Herausforderungen und Dinge, die sie noch nicht so gut beherrschen, werden nicht mehr sofort beiseitegeschoben oder ad acta gelegt. Und die Konfrontation mit Dingen, die sie noch nicht (gut) können, ist kein Drama mehr. Das war unsererseits einer der Hauptgründe beide Kinder aus ihrer alten Schule zu nehmen. Die Lernkultur dort war oft von Gleichgültigkeit und einem kaum vorhandenen Umgang mit Herausforderungen und Hürden geprägt. Hat etwas nicht funktioniert, wurde es gelassen. Spaß am Austesten und letztlich auch am Lernen an sich, blieb damit auf der Strecke.

Unser Zugang war über den Sommer und ist auch jetzt davon geprägt sie zu Strategien und Umgangsformen mit Herausforderungen begleiten. Einen Test oder eine Ansage nicht als ein unüberwindliches Hindernis zu sehen und als Drama zu empfinden, wenn etwas nicht gekonnt wird, sondern sich den Dingen zu stellen.

Anfangs ernteten wir häufig Aussagen wie „aber die Lehrerinnen haben mir gesagt, ich kann eh alles“, „ich muss nicht üben“, „üben ist langweilig“ oder schlichte Verweigerung gepaart mit Zorn und Wut. Inzwischen, durch kleine Schritte verbunden mit Erfolgserlebnissen, macht es den Kids mehr und mehr Spaß Herausforderungen anzunehmen und Fehler zu akzeptieren. Unsere jüngere Tochter meinte nach einer sehr intensiven Schreibübungssession bei denen sie viele Widrigkeiten überwunden hatte: „Das fühlt sich jetzt an wie ein Sieg!“ Ab dem Zeitpunkt war und ist Üben für sie in Ordnung und sie sagt „Das muss ich halt noch üben“.

Bei dem Thema hilft es sehr ihnen zu zeigen, dass wir genauso Fehler machen und sich auch in unserer Arbeit immer wieder Hürden finden denen wir ins Auge blicken. Keine Meisterin ist von Himmel gefallen, sagen sie inzwischen, und freuen sich über gemeisterte Situationen. Noch nicht das Ende der Fahnenstange und kein großer Schritt, aber viele kleine Schritte, die in Verbindung mit Erfolgserlebnissen, zum Ziel führen.