Heimat

„Heimat“ ist auf den ersten Blick ein harmloses Wort. Für viele Menschen ist es positiv belegt – Heimat ist für sie ein Ort, den sie seit ihrer Kindheit kennen, der mit ihrer Biographie so untrennbar und vielschichtig verbunden ist, dass er wie ein Teil von ihnen ist und sie wie ein Teil von ihm. Ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen, weil sie so selbstverständlich dorthin gehören, dass niemand ihre Zugehörigkeit infrage stellt, nicht einmal infrage stellen kann. Ein Ort, der sie überallhin begleitet.

Ein Ort, in den man hinein geboren wird. Oder eben nicht. Ein Ort, an den man immer zurückkehren kann. Oder eben nicht. Ein Ort, den viele Menschen nicht haben, weil es einen solchen Ort für sie nie gab oder weil sie ihn verlassen mussten und die Rückkehr unmöglich ist oder weil dieser Ort nicht mehr existiert. Für diese Menschen ist das beste, auf das sie hoffen können, ein Zuhause.

Wenn Heimat zu einem politischen Begriff wird, wird er gefährlich, denn dann ist die Heimat derjenigen, die eine Heimat haben, bedroht durch die, die ein Zuhause suchen. Heimat kann immer nur mit denen geteilt werden, für die sie von Anfang an Heimat war. Wenn der politische Heimatbegriff dann auch noch von einem konkreten Ort auf ein ganzes Land ausgedehnt wird, entsteht eine Nation, deren Mitgliedschaft durch Abstammung bestimmt wird. Die für niemanden ein Zuhause sein kann, für den sie nicht Heimat ist, und die für niemanden Heimat werden kann, für den sie es nicht schon immer war.

Wer Heimat zu einem politischen Begriff macht, teilt die Bevölkerung eines Landes in die auf, die dazugehören, und die, die im besten Fall Gäste und im schlimmsten Fall Feinde, aber auf jeden Fall Fremde sind.