Tanz mir die Kirchensteuer

Auf Twitter hat sich aus einer Tanzverbotskritik, die ich am Karfreitag wie jedes Jahr auf Twitter äußere, eine lange, langweilige Diskussion entwickelt, die aktuell bei der Behauptung angekommen ist, dass Atheist/innen sich nicht beschweren sollen, da die Kirchen schließlich viele Leistungen erbrächten, von denen auch sie profitieren und die von den Kirchenmitgliedern bezahlt würden.

Das ist ein Irrglaube, den ich bei Christ/innen häufig antreffe — so, wie sie die Textgrundlage ihres Glaubens, die Bibel, oft nur skizzenhaft kennen, haben sie auch keine Ahnung, was mit ihrer Kirchensteuer eigentlich geschieht und in welcher Höhe wir Nicht-Kirchenmitglieder (Atheist/innen, Jüd/innen, Muslime, Freikirchler/innen usw.) die evangelische und katholische Kirche Jahr für Jahr mitfinanzieren.

Da sie mir nicht glauben werden, fragen wir doch die Kirchen selbst.

Ich habe das hier für die evangelischen Landeskirchen durchgerechnet, die ihre Einnahmen und Ausgaben detaillierter und transparenter darstellen als die katholischen. Dabei gehe ich davon aus, dass die EKD hier die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt, nichts verschweigt und nichts hinzufügt.

Nach eigenen Angaben hatten die evangelischen Landeskirchen im Jahr 2013 Einnahmen von 9,93 Milliarden Euro, von denen 4,7 Milliarden Euro aus Kirchensteuern stammen und 5,23 Milliarden aus staatlichen Zuschüssen (die aus allgemeinen Steuereinnahmen, also auch von Nicht-Kirchenmitgliedern finanziert werden).

Die evangelischen Kirchen haben 2013 160 Millionen Euro an die Finanzverwaltung gezahlt, dafür, dass die die Kirchensteuer für sie einzieht. Bleiben 9,77 Milliarden Euro.

Sehen wir uns zunächst die Leistungen an, die die Kirche für die Gesellschaft erbringt. Dabei bin ich großzügig und gehe davon aus, dass diese Leistungen tatsächlich allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung stehen und von allen Menschen gleichermaßen erwünscht sind, ob sie nun Kirchenmitglieder sind oder nicht:

  • 1,86 Milliarden für den Betrieb von Kindertagesstätten
  • 1,22 Milliarden für die Gemeindearbeit mit Kindern und Jugendlichen
  • 550 Millionen für die diakonische Arbeit/Sozialarbeit in den Gemeinden
  • 230 Millionen für Bildungswesen und der Wissenschaft
  • 180 Millionen für „besondere kirchliche Dienste“ (Erwachsenenbildung, Evangelisches Schulwerk und das “Haus kirchlicher Dienste”, Seelsorgedienste).

Macht insgesamt 4,04 Milliarden Euro, bleiben also 5,73 Milliarden Euro. Aufmerksamen Leser/innen wird nicht entgangen sein, dass die evangelischen Kirchen an dieser Stelle die Kirchensteuer noch gar nicht antasten mussten: die Differenz zu den Kirchensteuereinnahmen macht hier noch 1,02 Milliarden Euro aus.

Das verbleibende Geld gibt die Kirche ausschließlich für sich selbst aus, also für Kosten, die nur entstehen, weil es die Kirche gibt:

  • 1,95 Milliarden für Pfarrdienst und Religionsunterricht
  • 1,04 Milliarden für Erhaltung und Betrieb der kirchlichen Gebäude
  • 800 Millionen für Leitung und Verwaltung
  • 640 Millionen für Zinsen, Tilgung und Rücklagen
  • 550 Millionen für Zusatzrenten, Ruhegehalts- und Hinterbliebenenversorgung, Krankenbeihilfe
  • 330 Millionen für Darlehen, Vermögensverwaltung und Substanzerhaltungsrücklagen
  • 180 Millionen für Friedhofswesen
  • 170 Millionen für Ökumene und Weltmission
  • 80 Millionen für Öffentlichkeitsarbeit.

Mit anderen Worten: Nach eigenen Angaben der evangelischen Kirche wird sie von der Allgemeinheit mit 1,02 Milliarden Euro pro Jahr bezuschusst.

Wer Kirchensteuer zahlt, soll das gerne tun — so, wie ich z.B. dem ADAC und meinem Fitnessclub Mitgliedsbeiträge bezahle. Er/sie soll aber bitte nicht so tun, als ob damit irgendwelche guten Taten für die Allgemeinheit finanziert werden.

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