Untervögelt — Zu wenig Sex macht hässlich, krank und dumm!

Untervögelt — Macht zu wenig Sex uns Menschen hässlich, krank und dumm?

Lass dich einladen zu einem kleinen Experiment: Du begibst dich an einem sonnigen Tage in die Einkaufspassage einer beliebigen größeren deutschen Stadt. Dort findest du einen Platz in einem gemütlichen Café mit Blick auf das Geschehen, bestellst dir ein Getränk und beobachtest die Menschen.

Du fragst dich: Wer an diesem Ort hatte in der letzten Zeit richtig guten Sex?

Nachdem du das ein paar Minuten lang gemacht hast und vielleicht fündig wurdest, kommt in dir die Frage auf: Woran mache ich das fest?

Sex at dawn — Die Welt, aus der wir kommen

„Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.“
 Sir Arthur Conan Doyle, britischer Schriftsteller (1859–1930)

„Lerne die Situation in der du dich befindest, insgesamt zu betrachten.“
 Miyamoto Musashi, japanischer Samurai (1584–1645)

Es fällt schwer, das aktuelle Buch von Christopher Ryan und Cacilda Jathá („Sex — Die wahre Geschichte“, Klett-Cotta-Verlag, 2016: Original: „Sex at dawn — How we mate, why we stray, and what it means for modern relationships“, Harper Collins, New York, 2010) nicht als Meilenstein anthropologischer Forschung zu bezeichnen. Das Werk ist ein atemberaubender Husarenritt durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Archäologie, Anthropologie, Ethnologie, Ethologie, Psychologie und Biologie. Jedes wissenschaftliche Indiz ist penibel recherchiert und mit Namen und Verweisen belegt. 36 Seiten verwenden Sie auf weiterführende Anmerkungen, weitere 35 für die Auflistung der verwendeten Quellen.

Die Autoren waren gut beraten darin, sich derart gewissenhaft in alle Richtungen abzusichern. Denn das, was sie abliefern, kehrt nicht nur unser Bild des Menschen von innen nach außen. Es nimmt darüber hinaus einige tief verwurzelte Selbstverständlichkeiten unserer („modernen“) Kultur und Lebensart derart fundamental unter Beschuss, dass von ihnen am Ende der knapp 360 Seiten nicht viel mehr übrig ist als Trümmer und Geröll.

Nicht ohne Grund bezeichnet Ulrich Clement, Leiter des Instituts für Sexualforschung an der Universität, Hamburg Ryans und Jethás Werk als „Die Bibel der Polyamoristen“.

Ihr Buch ist ein gnadenloser und vernichtender Angriff auf die verbreitete Annahme, der Mensch wäre von Natur aus zur Monogamie veranlagt. Wer „Sex at dawn“ gelesen hat, dem kommen nachhaltige Zweifel daran, ob das mit der sexuellen Exklusivität in einer Liebespartnerschaft wirklich so eine zuende gedachte Idee ist.

Aber darum geht es hier nicht.

Gleichbedeutend mit der viel diskutierten Frage, welche Auswirkungen ihre Erkenntnisse auf unsere Vorstellung einer glücklichen und erfüllten Partnerschaft haben, steht die Frage: Welche Auswirkungen haben ihre Erkenntnisse auf unser Verständnis von der Bedeutung unser Sexualität?

Born to … äh, was?!

„So lange Sie nicht bereit sind, all das, was Sie wissen, in Frage zu stellen, wird das, was Sie wissen, niemals größer, besser oder nützlicher werden.“
 Milton H. Erickson, amerikanischer Psychologe (1901–1980)

„Die Zeit wird kommen, wo unsere Nachkommen sich wundern, daß wir so offenbare Dinge nicht gewußt haben.“
 Lucius Annaeus Seneca, römischer Philosoph (4 v. Chr — 65 n. Chr.)

Wir Menschen stammen evolutionär aus der Linie der Hominiden (Menschenaffen), zu denen neben uns noch — in absteigendem Verwandschaftsgrad — die Schimpansen (und Bonobos), die Gorillas und die (letzten noch lebenden) Orang Utans zählen.

Als sogenannter „Kleiner Menschenaffe“ wird manchmal der Gibbon bezeichnet. Der übrigens als fernster in unserer Verwandschaftslinie als einziger das Leben in Monogamie wählt. Orang Utans und Gorillas leben polygyn. Das heißt: Wenige Männchen „betreuen“ jeweils einen Harem mehrerer Weibchen.

Diese drei entfernt verwandten Familien haben trotz ihrer so unterschiedlichen Vorstellungen von Treue eine interessante körperliche Gemeinsamkeit, in der sie sich von Menschen deutlich unterscheiden. Die Männchen dieser Arten verfügen über geradezu winzige Penisse (Plural korrekt: Penes) und Hoden! Winzig bedeutet: Der Penis eines männlichen Silberrückens hat eine beachtliche Kampflänge von 3 cm. Im erigierten Zustand. Auch seine Hoden sind deutlich kleiner als die der Menschen, Bonobos und Schimpansen. Orang Utans kommen auf ein Zepter von immerhin 4 cm. Die Penes der Schimpansen und Bonobos sind doppelt so groß. Und der Mensch? Ganz egal bei wem wir messen: Im Vergleich zum Zepter unserer haarigen Verwandten ist jeder Menschenmann von der Lende an vorwärts ein Hüne.

Was soll das?! Warum stattet die Evolution die Männchen der Gattung Mensch mit derart prachtvollem Kopulationsbesteck aus? Oder war es gar der liebe Gott selbst, der uns ja — gewissen Legenden zu Folge — „nach seinem Ebenbilde“ schuf…?!

Gorillas, Orang Utans und Gibbons paaren sich nur selten. Sämtliche sexuellen Tätigkeiten dieser drei Arten finden ausschließlich zu den Zeiten weiblicher Fruchbarkeit statt. Darum brauchen die Männchen der Gibbons (Monogamie), Orang Utans und Gorillas (Polygynie) keine großen Hoden. Er ist der einzige Mann; seine Vaterschaft ist sicher. Der Penis muss weder besonders groß, noch besonders geformt sein. Seine einzige Aufgabe ist es, seinen Samen dort abzulegen, wo sowieso nur er Zutritt hat. Schimpansen und Bonobos sind da anders. Und wie wir alle wissen ebenso der Mensch.

Ryan und Jethá listen eine Unzahl weiterer körperlicher Phänomene auf: Vom Größenunterschied zwischen den Geschlechtern über mittlere Anzahl der Parungsakte bis zur Zeugung und durchschnittlichen Spermiendichte pro Schlückchen Duweißtschonwas (s.u.) bis hin zum jenem im gesamten Tierreich mit Abstand einzigartigem Facettenreichtum erotischer Spielarten und Vorlieben, mit denen sich der Mensch im Schlafzimmer (oder in der Küche oder im Wald oder auf der Bartoilette oder… oder… oder…) erfreut. Von der Form der männlichen Eichel über die Beschaffenheit des weiblichen Muttermundes bis hin zur chemischen Beschaffenheit des männlichen Ejakulats. Und weitere!

Wer schon immer wissen wollte, warum Menschen-Frauen beim Sex weltweit und in allen Kulturen im Schnitt deutlich lauter sind als das Männchen (und ebenso lauter als die Weibchen der Gibbons, der Orang Utans und der Gorillas), dem lege ich wärmstens das Kapitel über Sinn und Nutzen weiblicher Kopulationsrufe ans Herz. Nur so viel vorab: Es hat mit monogamer Treue nicht besonders viel am Hut.

Wir können von dieser Information nun halten, was wir wollen, aber Ryans und Jethás Indizien wiegen schwer. Ganz offensichtlich haben im Verlauf der 200.000 jährigen Geschichte des modernen Menschen rund 95% unserer Vorfahren ein Leben geführt, das ihnen neben der Erledigung der üblichen Tagespflichten (Früchte Sammeln, Wild jagen, Höhle ausfegen…) genügend Zeit, Gelegenheit und Freiheit ließ, um sich mehrmals am Tag mit verschiedenen Vertretern des anderen oder auch des gleichen Geschlechts zu paaren.

Ob es uns gefällt oder nicht, das ist unser genetisches Erbe. Dafür sind wir gemacht.

Strange Days — Die Welt, in der wir heute leben

Die Welt, in der wir heute leben, unterscheidet sich gewaltig von der Welt, in der unsere Vorfahren zu 99% der Zeit unserer Geschichte gelebt haben.

Noch zur Zeit Christi Geburt lebten auf dem gesamten Planeten weniger als 200 Millionen Menschen. Vor 10.000 Jahren waren es voraussichtlich nur 5 Millionen. Und es werden nicht mehr, je weiter wir rückwärts gehen. Bald werden auf der Erde 10 Milliarden (!) Menschen leben. Die Weite und Unberührtheit der Natur, die viele unserer Vorfahren bis vor wenigen Jahrzehnten (!) noch kannten, hat nur noch wenig mit der Welt zu tun, in der sich die meisten Menschen heute bewegen und sich orientieren.

Wir können viel über das Wohl und Wehe unserer modernen „Zivilisation“ diskutieren. Wir genießen mit großer Sicherheit einige Annehmlichkeiten (Wärme, Sicherheit vor Naturgewalten, Information, Bildung, Maschinenkraft und Rechenleistung), die unsere Vorväter und Vormütter nicht besaßen. Unser heutiges Leben würde wahrscheinlich den meisten unserer Ahnen vorkommen wie reine Zauberei. Ich bin kein Naturromantiker. Ich behaupte nicht, dass damals alles besser gewesen ist als heute. Möglicherweise jedoch, gebe ich zu bedenken, war nicht ausnahmslos alles damals schlechter, als es heute ist.

Die meisten Menschen unserer heutigen Zeit leben ihr Leben lang in relativer Sicherheit vor hungrigen Raubtieren oder tödlichen Unwettern. Daran sterben wir nicht mehr. Oder korrekter: Nur sehr wenige von uns. Indes, woran sterben wir stattdessen?

Nach aktuellen Aussagen des Statistischen Bundesamtes sind vor allen Dingen Herz-und Kreislauferkrankungen, die uns Deutsche umbringen. An zweiter Stelle folgen die Krebsleiden.

Größere Sorge als die allgemeine Sterblichkeit bereitet vielen Menschen im Lande allerdings die drastische Zunahme von psychischen Phänomenen wie Depressionen, Süchten oder emotionale Störungen. Die Anzahl psychischer Krankheiten nimmt seit einigen Jahrzehnten dermaßen zu, dass selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt: Waren 1990 die drei größten Leiden der Menschheit Lungenentzündung, Durchfall und Kindstod, so sind es 2020: Herzinfarkt, Depressionen und Angststörungen.

Was, bitte, hat das mit Sex zu tun?

Die Macht des Sex

„Generell kann man sagen, dass Sexualität einen therapeutischen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen hat. So aktiviert regelmässige Sexualität nachweislich das Immunsystem. Sie vermindert Herzkrankheiten. Sie macht schön und hält jung. Und: Sie wirkt antidepressiv.“ Ernst Pöppel (Universität München).

Sex hält fit und schön!

„Ich spreche von Menschen mit Feuer in den Augen. Man braucht sie nur anzuschauen, um zu wissen, dass sie gut sind.“
 Lee Iacocca, amerikanischer Manager (* 1924)

Über die positiven Auswirkungen einer regen Sexualität wurde viel geschrieben.

Es braucht kein Sport- oder Medizinstudium, um zu begreifen, dass die wechselnden Bewegungsformen, Körperhaltungen und Intensitäten, die beim leidenschaftlichen Sex zum Einsatz kommen, hochgradig förderlich sind für die körperliche Fitness, Kondition und Gelenkigkeit.

Die freudige Lust und Leidenschaft beim Sex beschleunigt unseren Puls und vertieft den Atem. Die Muskeln im Beckenboden, im Rücken und Nacken werden gelockert. Dadurch wird der Körper nicht nur geschmeidiger, auch die Haltung wird aufrechter und stabiler. Regelmäßiger Sex ist der beste (und mit Abstand schönste!) Schutz vor Verspannungen, Nacken-, Kopf- und Rückenschmerzen und Migräne.

Genussvoller Sex regt darüber hinaus den Fluss der Lymphe an. Diese ist unter anderem für den Abtransport von Schadstoffen und Abbauprodukten zuständig. Ihr beschleunigter Fluss schützt Haut und Gefäße. Sex schützt unseren Körper also vor Falten und Cellulite. Die Haut strafft und glättet sich durch die verbesserte Versorgung der fein verzweigten Blutgefäße unter unserer Haut.

Das Östrogen, das beim Sex den weiblichen Körper flutet, verbessert die Zellregeneration, schiebt die Collagenbildung an, strafft das Bindegewebe und regt den Haarwuchs an. Darüber hinaus senkt regelmäßiger Sex massiv die Gefahr von Frustmahlzeiten und anderen körper- oder attraktivitätsschädigenden Verhaltensweisen.

Der schottische Neuropsychologe David Weeks befragte 3.500 Menschen nach einer Vielzahl von Lebensfaktoren. Darunter nach ihrer Sexualität. Fazit von Weeks und seinen Kollegen: Teilnehmer der Studie, die dreimal oder öfter pro Woche Sex hatten, wirkten bis zu 10 Jahre jünger als Menschen, die von einem weniger aktiven Sexleben berichteten.

Bei Männern ist es das Testosteron, das denselben Beauty-Effekt hervor bringt. Die Nummer 1 unter den männlichen Sexualhormonen stärkt den Muskelaufbau und verbessert die Struktur und Geschmeidigkeit der Haut.

Sex hält fit und schön.

Übrigens erforschen Wissenschaftler in Houston, Graz und Berlin gerade einen verheißungsvollen Stoff, der nicht nur die Zellalterung verlangsamt und die Haut strafft, sondern darüber hinaus auch vielfältigen Schäden am Gehirn vorbeugt und als heißer Kandidat auf das Heilmittel für Demenz gehandelt wird. Der Name dieses verheißungsvollen Jungbrunnens lautet Spermidin. Dreimal darfst du raten, wo genau sich die höchsten Konzentrationen finden. Gegen Leberkrebs schützt Spermidin übrigens auch. Empfohlene Einnahme? Oral.

Sex stählt den Körper!

„Es ist unglaublich, wie viel Kraft die Seele dem Körper zu leihen vermag.“

Wilhelm von Humboldt, preußischer Gelehrter (1767–1835)

Der positive Effekt des Küssens und anderer Körperflüssigkeitstransfers auf das Immunsystem wurde bereits erwähnt. Nach Angaben der Universität Essen verdoppelt sich nach ausgiebigem Sex die Anzahl der weißen Blutkörperchen und der körpereigenen Killerzellen im Blut. Ähnliche Ergebnisse veröffentlichte der Mediziner Tillmann Krüger (damals: ETH Zürich, heute: MH Hannover) in der Zeitschrift „Psychologie heute“. Direkt nach einem Orgasmus ist die Anzahl der Killerzellen um 150% erhöht.

Bereits ein- bis zweimaliger Sex pro Woche steigert den Immunglobulin-A-Wert um 30%. Dies maß der Psychologe Carl Charnetski von der Wilkes University in Pennsylvania.

Ein ausgiebiges und lebendiges Sexleben stärkt also das Immunsystem und die Abwehrkraft des Körpers. Wer oft (lustvollen und befriedigenden!) Sex hat, geht gut gelaunt und aufrecht durch seinen Tag, während seine weniger glücklichen Mitmenschen sich von Erkältung zu Erkältung schniefen.

Sex vs. Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs…

„Wer lang leben will muß die erste Aufmerksamkeit seiner Seele schenken, damit diese nicht krank wird; zweitens muß er sorgen, daß der Leib, soviel als möglich und notwendig ist, im besten Zustande erhalten werde. Wenn die erste Aufgabe gelöst ist, so sorgt für den Leib!“
 Sebastian Kneipp, bayrischer Priester (1821–1897)

Menschen mit einem aktiven und glücklichen Sexualleben erkranken statistisch signifikant seltener an Herzinfarkt und Schlaganfall.

George Davey Smith und seine Kollegen an der University of Bristol veröffentlichten 1997 eine Studie im british medical journal. Sie belegen: Männer (zwischen 45 und 59 Jahren) mit einem aktiven Sexleben (>= 2* / Woche) haben ein um die Hälfte (!!!) verringertes Sterberisiko!

Eine Forschergruppe um Jennifer Rider an der Harvard Medical School belegte: Männer, der mehr als dreimal wöchtentlich zum Höhepunkt kommen, haben ein um 20% geringeres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, als solche, die nur drei bis viermal im Monat ejakulieren. Voraussichtlich ist hierfür das Testosteron verantwortlich. Je aktiver, glücklicher und erfüllter das Sexleben einer Frau ist, desto geringer ist ihr Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Grund hierfür ist vor allen Dingen die reiche Produktion an Östrogen.

Sex macht schlau!

„Unsere größten Ängste sind die Drachen, die unsere tiefsten Schätze bewahren.“
 
Rainer Maria Rilke, österreich-ungarischer Lyriker (1845–1926)

Wissenschaftler der Universitäten in Seoul und Maryland veröffentlichten 2013 eine Studie, in der sie nachwiesen, dass die Gehirne von Ratten, die über ein reges Sexualleben verfügten, deutlich mehr neue Hirnzellen bildeten als die ihrer abstinent gehaltenen Artgenossen.

Erst im Februar diesen Jahres (2017) präsentierten Forscher aus Montreal (Kanada) die Ergebnisse von Untersuchungen an 78 heterosexuellen Frauen unter dreißig. Ihre Studie ließ keinen Zweifel offen: Diejenigen Frauen, die ein reges Sexualleben hatten, schnitten in allen Gedächtnis- und Merkfähigkeitstests besser ab als jene, die nur selten Sex hatten.

Noch jünger sind die im Fachmagazin „Journals of Gerontology“ dokumentierten Untersuchungen von Hayley Wright und seinem Forschungsteam von den Universitäten Oxford und Coventry. Sie belegen denselben Effekt, den zuvor auch ihre Kanadischen Kollegen veröffentlichten, allerdings bei Probanten beiderlei Geschlechts und im Alter zwischen 50 und 83 Jahren.

Sex macht reich!

„Wer sich zwischen den Sternen bewegt, kann nur noch lächeln über die kostbaren Fußböden der Reichen.“
 Lucius Annaeus Seneca, römischer Philosoph (4 v. Chr — 65 n. Chr.)

David Blanchflower (Dartmouth College, New Hampshire) und Andrew Oswald (Universität Warwick) verglichen die Daten und Aussagen von 16.000 erwachsenen Amerikanern in Bezug auf die Zufriedenheit in ihrem Leben. Dafür maßen sie allen möglichen Lebensfaktoren (Arbeit, Beziehung, Gesundheit) positive oder negative Geldwerte zu.

Umgerechnet in ideelle Werte entspricht eine aktive Sexualität (hier nur: >=4*/Monat) einem fiktiven Einkommens-Plus von umgerechnet rund 40.000 Euro pro Jahr. Einmal wöchentlich Sex statt einmal im Monat bringt damit wöchentlich genausoviel mehr an Lebenszufriedenheit wie ein wöchentlicher Barscheck in Höhe von 770 Euro. Welchen ideellen Reichtum würden Blanchflower und Oswald wohl jenen Liebenden zumessen, die sich dreimal wöchentlich oder öfter in Wonnen paaren?

Sex macht gesund. Oder?

„Das Bewusstsein bestimmt das Sein.“
 
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, deutscher Philosoph (1770–1831)

„Alles in der Welt ist merkwürdig und wunderbar für ein paar wohlgeöffnete Augen.“
 José Ortega y Gasset, spanischer Philosoph (1883–1955)

Die Datenlage spricht bei grober Sichtung eine eindeutige Sprache. Von allen Seiten her schallt es: Sex ist gut für die Gesundheit! Doch die Ergebnisse lassen auch einen anderen Schluss zu. Falls dieser allerdings zutrifft, dann stehen wir vor ein paar hochinteressanten Fragen.

Die Studienerkenntnisse lassen sich allesamt auch umgekehrt lesen. Dann liest sich ihr Fazit nicht: Sex macht schön, schlau und gesund, sondern:

Zu wenig (oder zu schlechter) Sex macht hässlich, krank und dumm!

Ryan und Jethá führen uns unmissverständlich vor Augen, dass unsere Körper (männliche wie weibliche!) dazu ausgelegt sind, ständig sexuell aktiv zu sein. Nicht nur im Sinne unserer eigenen Freude und Gesudheit: Es stärkt darüber hinaus unsere sozialen Bande und unser Commitment zur Gemeinschaft.

Rekapitulieren wir vor diesem Hintergrund noch einmal die Botschaft aller mir bekannten klinischen Studien zum Thema: Menschen, die seltener als 3–4* Sex pro Woche haben, zeigen bereits erste Verluste in Lebendigkeit und Fitness, in Selbstvertrauen, Freude und Immunabwehr.

Je seltener und unbefriedigender der Sex eines Menschen ist, desto höher ist sein Risiko für Schlaganfälle, Herz- und Kreislauferkrankungen, diverse unschöne Formen des Krebs, Depression, Demenz und vielen weiteren körperlichen und seelischen Leiden.

Die Daten liegen auf dem Tisch.
 Was machen wir nun daraus?

Habt euch (öfter) lieb!

„Wage das Risiko, und du verlierst augenblicklich deinen sicheren Halt. Wage es nicht, und du verlierst dich selbst.“
 Søren Kierkegaard, dänischer Philosoph (1813–1855)

„Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“
 Laozi, chinesischer Philosoph (6. Jh v.u.Z.)

Natürlich ist es jedem Menschen selbst überlassen, wie er oder sie die Daten der Wissenschaftler, die sich der Erforschung unserer Sexualität ernsthaft angenommen haben, deutet. Lass dir nicht einreden, ich oder irgendjemand anderes wüsste, was du brauchst und was dir gut tut!

Doch in meinen Augen deuten alle wissenschaftlichen Fakten, die hier zusammen getragen sind, unmissverständlich in die gleiche Richtung: Wir Menschen (Männer wie Frauen) sind dazu gemacht, uns körperlich zu lieben, in Freude, in Wonne und vor allem: in Fülle!

Das ist keine Einladung zur Wahllosigkeit. Im Gegenteil! Ein Großteil der Studien belegt die positiven Auswirkungen aktiver und ausgiebiger Sexualität nur dann, wenn diese auch als bereichend, verbunden und selbstbestimmt erlebt wird. Beiläufige One-Night-Stands mögen nett sein für’s Ego. Nachhaltig Kraft, Präsenz und Fitness verleihen sie nicht. Es ist also nicht egal, mit wem wir schlafen, sondern essenziell wichtig, weise zu wählen, mit wem wir diese besondere (manche sagen: „heilige“) Ebene der Tiefe und Offenheit teilen.

Doch wenn die vorliegenden Daten hier richtig interpretiert sind, dann ist es essenziell wichtig, dass wir unserer Sexualität einen lebendigen, freudigen und prachtvollen Raum in unserem Leben geben. Ob wir dies mit einem Partner tun, im Rahmen einer exklusiven Zweier-Paarung, mit mehreren Liebesgefährten, die wir aus unseren vielschichtigen sozialen Netzen mit dem präzisen Griff eines Feinschmeckers wählen, ist eine Entscheidung, die jeder und jede von uns (hoffentlich!) in Achtung und Liebe vor sich selbst, dem Leben und seinen oder ihren Liebespartnern trifft.

Die Bandbreite der sexuellen Spielarten des Menschen ist nach aktuellem Stand des Wissens auf unserem Planeten einzigartig. Das Feld unserer Sexualität ist unendlich weit. Vielleicht bist du der Typ für zarten, tantrischen Blümchensex, der das Herz weitet und die Seele liebkost. Vielleicht sind es extremere Arten der Körperbegegnung, die dich in Lust und Wonne versetzen. Lass dir nicht erzählen, an deiner Art der Sinnlichkeit und Lust wäre irgendetwas falsch. Vielleicht liebst du das Spiel mit Rollen oder Masken, vielleicht kickt dich das Erleben von Macht oder Schmerz, vielleicht stehst du auf ungewöhnliche Praktiken wie Golden Shower, Deep Throating oder Fesselspiele… So what?!

Wer auf dieser Welt hat das Recht, dir zu sagen, was von dem, was dich und deine(n) Partner froh und glücklich macht, normal, gesund oder erlaubt wäre? Wer auf dieser Welt kennt den Willen Gottes (Zur Erinnerung: Jenes Gottes, der unsere Männer mit so prächtigen Schwänzen ausgestattet hat und unsere Frauen mit einer scheinbar unersättlichen Lust)? Wer hat die Kompetenz und Erfahrung, dir zu sagen, was richtig wäre oder falsch?
 Selbst wenn es in unserem Leben aktuell gar keinen Menschen gibt, mit dem wir (oder der / die mit uns) die weiten Felder unverschämter Lüste und Wonnen erkunden und erfahren wollen (will), bedeutet das nicht, dass wir darum unsere sexuelle Essenz unterdrücken oder sedieren müssen.

Das Leben ist voller sinnlicher Genüsse, die erlebt und erspürt werden wollen: Der Geschmack von Himbeeren auf der Zunge, verlockende Düfte in der Nase, die Kraft des Windes in den Haaren, Musik, die in die Beine geht oder in die Kehle… All dies sind Einladungen des Lebens an uns, uns sinnlich, lebendig und in unserem eigenen Körper zuhause zu fühlen!

Falls es gerade kein anderer Mensch in deinem Leben tut, dann ist es an dir, deinem Körper zu zeigen, dass du ihn liebst, dass du ihn achtest, und dass du in ihm zuhause bist! Es ist der einzige Körper, den du in diesem Leben erhalten wirst. Und nicht unwahrscheinlich ist darüber hinaus dieses eine Leben für alle Zeit das einzige, das du jemals leben wirst. Darum: Tu‘ deinem Körper gut! Achte auf deine Nahrung, bewege dich in der Natur und schenke dir selbst und deinem Körper liebevolle Berührung!

Und nur um es einmal zu sagen: Sei bitte, verdammt nochmal, nicht so verklemmt im Umgang mit dir selbst!

Masturbiere! Mach’s dir selbst! Besorg’s dir! Nicht ohne Grund kennt der Volksmund diese Art der Tätigkeit als „Liebe an und für sich“! Ob du dazu deine Phantasie zum Einsatz bringst, deine Erinnerungen oder die visuellen Angebote der Internetpornographie, diese Wahl liegt allein bei dir. Und mag von Tag zu Tag neu entschieden werden. Halte dir vor Augen: Regelmäßige Orgasmen stärken Körper, Geist und Seele. Diese Stärkung mag intensiver sein, wenn wir sie mit einem (oder mehreren) Parner(n) erleben, aber das heißt nicht, dass die Liebe und Sinnlichkeit, die wir uns selbst schenken, deswegen nicht ins Gewicht fiele. Es ist dein Körper, in dem du dieses Leben lebst. Und es ist deine Entscheidung, ob oder wie du ihn nährst und pflegst!

David Buss und Cindy Meston von der Universität von Texas in Austin führen eine Liste mit 237 unterschiedlichen möglichen Gründen für Sex. Aber vielleicht brauchen wir in Zukunft gar nicht mehr so viel argumentatives Gewicht. Vielleicht reicht uns in Zukunft schlicht das Lächeln unseres geliebten Partners (oder eines unserer geliebten Partner) und der unaufdringlich lächelnde Gedanke:

“Warum eigentlich nicht?

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