Nächtliche Pfade

Langsam aber stetig steige ich immer höher auf dem schwarz-weissen Pfad. Immer wieder rieselt es um mich herum. Die letzten Schneeflocken des lang vergangenen Tages fallen frisch und unbeschwert und lassen die dick verschneiten Äste unter ihren Lasten nachgeben. Der Schnee ist frisch und schimmert leicht grau-blau im nächtlichen Schein. Der Himmel ist zwar noch bewölkt, aber der bleiche Schein des angeschnittenen zunehmenden Mondes durchflutet das Weiss um mich herum. Steine, oder schon wieder aufgeweichte Stellen auf meinem Weg zeichnen sich schwarz mit kaum erkennbaren Konturen ab. Der Pfad ist etwas unsicher durch die schlecht sichtbaren Unebenheiten. Die Kontraste und Konturen sind im leichten Licht aber doch ausreichend erkennbar. 
Mein Pfad führt weiter über eine kleine Bücke, ich höre ein leises plätschern. Die dichten hohen Bäume öffnen sich und geben Blick auf die gegenüberliegenden Berge. Weiss-gräulich erkenne ich die Umrisse und kann nur erahnen was ich bei Tageslicht erkennen könnte: die Bäume und Felsen welche den Schnee durchbrechen und die Musterung des Gewands des Berges ergeben. Ich bleibe stehen und lausche in den Wald hinein.

Stille.

Der Schnee schluckt alles um mich herum und hüllt mich in ein wohltuendes Meer der Ruhe und Schwerelosigkeit. Ein paar wenige Schneeflocken fallen kaum hörbar neben mir auf den weissen Boden. Ein kleines Licht gleich der Venus am Abendhimmel funkelt durch die Zweige des Waldes unter mir. Mein Pfad führt weiter in Schlangenlinien den Berg hinauf. Durch dichte Buchen und dünne Birken, vorbei an schwarzen Stämme welche aus dem gleichförmig weissen Boden bis in die gemusterten Baumkronen aufsteigen.
Es ist wieder einer dieser Momente.
Undurchdringlich macht sich in mir ein Gefühl der Zeitlosigkeit und des Stillstandes breit. Der Moment hat etwas meditatives, etwas ruhiges, den Kopf leerendes. Ich fühle mich als ob ich in das dunkle Weiss dieser schneebedeckten Nacht hineinfliessen und für immer ohne Körper umherschweben könnte.

Führt mein Pfad an ein Ziel, oder möchte ich hier für immer bleiben?