Wenn Altruismus krank macht

Nächstenliebe, Aufopferungsbereitschaft und Mitgefühl sind Tugenden, die nicht erst mit ihrer biblischen Thematisierung als höchste Güter des sozialen Miteinanders gelten. Das aktuelle (und gar nicht mal so singuläre, sondern für die Menschheitsgeschichte gewissermaßen wiederkehrende), teils grausame Weltgeschehen konterkariert diese Ideen in fast jedem Punkt. Die einen berufen sich auf eine Gottheit, die in den Augen der Fundamentalisten letztlich mit dem Gegenteil von Mitgefühl auf die Menschen wirkt, die anderen verfolgen nationalistische Machtinteressen.

In allen Fällen ist jedoch der Egoismus das leitende Motiv, wodurch die Jungfrauen im Paradies und die selbsterklärte Diktatur ihre Anziehungskraft gewinnen. Es geht nicht um andere, es geht um die Akteure selbst.

Aus solchen Beobachtungen, die kein besonders scharfes Auge verlangen, scheint der Verdacht zu erwachsen, dass mit allumfassendem Altruismus viele Probleme gelöst werden könnten, dem kriegerischen Treiben im Großen wie im Kleinen Einhalt geboten werden kann. Wenn allerdings jeder an andere denkt, würde die Menschheit wohl nicht überleben. Mehr noch:

Altruismus kann, auf unser tägliches Miteinander bezogen, sogar krank machen.

Die Fähigkeit, das Glück und die Zufriedenheit anderer Menschen im eigenen Umfeld mit in den Blick zu nehmen und zudem mit dafür Sorge zu tragen, dass diese Menschen ihr individuelles Glück erreichen, ist zweifellos etwas gutes. Solche Menschen stellen mitunter ihre eigenen Interessen zurück, um diejenigen anderer Leute zu deren Zufriedenheit ins Zentrum zu rücken. Problematisch wird es dann, wenn a) die Profitierenden dies nicht sehen und b) sie selbst nicht so handeln. Das ist kein Vorwurf an Menschen mit gesundem Egoismus, sondern vielmehr ein Plädoyer für gemäßigten Altruismus. Die Erwartung altruistischer Handlungen bei anderen Menschen als sich selbst ist letztlich auch wieder nur Ausdruck eines etwas verkappten egoistischen Grundmotivs.

Die zunächst aufkeimende Freude daran, jemand anderem zu seinem kleinen wie großen Glück verholfen zu haben unter Aufopferung eigener Interessen, wird schnell von dem Gefühl abgelöst, sich selbst zu verlieren. Auf Dauer entsteht ein Gefühl von Auflösung, da die eigene Identität zunehmend über die für wichtiger angenommene Fürsorge für andere Menschen definiert wird.

Wird hier zwischendurch der Weg zu sich selbst nicht mehr gefunden, finden sich einsame Altruisten schnell in völliger Leere wieder. Auch wenn gern behauptet wird, dass die Sorge für andere dem Leben einen besonderen Sinn geben kann: Verliert man sich selbst, verliert das Leben seinen Sinn.