Phnom Penh — Volksfeststimmung in der Hauptstadt

Die Hauptstadt Kambodschas liegt am Zusammenfluss des Mekong und des Tonle Sap Flusses. Dort gibt es jedes Jahr ungefähr im November zwischen dem Ende der Regenzeit und dem Beginn der Trockenzeit ein großes Wasserfest — das Bon Om Touk. Zu dieser Zeit dreht sich die Strömung des Tonle Sap Flusses und bringt frischen Fisch in die Region. Daher ist es vor allem ein Fest zu Ehren des Fischfangs. In den letzten drei Jahren wurde das Fest nicht gefeiert, da es zwei mal Überschwemmungen gegeben hatte und in einem Jahr außerdem der König verstorben ist. Traurige Berühmtheit erlangte es im Jahr 2010, als es zu einem Unglück mit mehr als 300 Toten kam.

Dieses Jahr fand das Wasserfest vom 5. — 7. November statt, genau die drei Tage, in denen auch wir unseren Besuch geplant hatten. Schon bei der Anreise konnte man die Auswirkungen spüren, die fast 2 Millionen Besucher auf die Stadt haben, denn der Bus von Kampot fuhr lediglich bis zum Internationalen Flughafen, obwohl er sonst direkt in das Stadtzentrum fährt. Schon am ersten Abend machten wir Bekanntschaft mit den Menschenmassen, die das Fest besuchen, als wir den vollgestopften Sihanoukboulevard entlang gingen. Die ungefähre Anzahl der Motorräder, Tuk-Tuks, Autos und Menschen, die dort waren, kann man sich nur vorstellen, wenn man die Massen auf dem Sängerfest oder dem Krämerbrückenfest kennt. Nur das hier nicht eine zweispurige Straße sondern eine sechsspurige völlig verstopft war.
Am nächsten Tag fanden dann im Rahmen des Wasserfestes Bootrennen statt. Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und machten uns auf den Weg zum Zusammenfluss des Tonle Sap mit dem Mekong. Auf dem Weg dorthin gerieten wir auf einen Markt/Messe. Dort wurden zu ohrenbetäubender Musik alle möglichen Waren angeboten. Das reichte von Shampoo zu Fernsehern bis zu Getränken.

Nach einigem Hin und Her fanden wir dann aber doch den richtigen Ort, um die Rennen anschauen zu können. Dank des kambodschanischen Tourismusministeriums gab es sogar einen extra Pavillion mit tollem Blick auf den Fluss und die Rennen, der nur für ausländische Besucher bereitgestellt wurde. Obwohl das natürlich eine super Geste gegenüber uns Touristen ist, wurde dadurch ein sozialer Unterschied zwischen einheimischen Besuchern und ‘uns’ etabliert. Die Rennen, die sich über die gesamten drei Tage erstreckten und bei denen sich für uns kein eindeutiges Muster über Sieg und Niederlage herauskristallisiert hatte, waren super interessant. Teilweise traten Boote mit 80 Personen darin an, in denen einige standen und andere saßen. An jedem Abend des Festes gab es riesige, mit Schiffen transportierte, beleuchtete Gestelle und ein Feuerwerk. Die Schiffe repräsentierten, so vermuten wir jedenfalls, verschiedene Ministerien, die Regierung und verschiedene Provinzen Kambodschas.

Aber ein Besuch der Hauptstadt ist nicht vollständig, ohne sich mit der tragischen Geschichte des Landes auseinanderzusetzen. Hier hatten die Roten Khmer nach Jahren des Bürgerkriegs von 1975 bis 1978 ein Schreckensregime errichtet, bei dem ganze Städte entvölkert wurden und ca. zwei Millionen Menschen umkamen. Ein grausiges Wahrzeichen dieser Zeit ist das Tuol Sleng Genocide Museum. Dieses sogenannte S-21 diente den Herrschern als Gefängnis, in dem vermeintliche Gegner gefangen gehalten, gefoltert und zu Geständnissen gezwungen, bevor sie zu den Killing Fields geschafft wurden. In diesem Museum kann man sich heute die Zellen und Folterwerkzeuge anschauen. Aber den bleibendsten Eindruck hinterlassen die zahlreichen Bilder der dort Getöteten oder Häftlinge, sowie der dort arbeitenden Aufseher, denn von allen Inhaftierten wurden minutiöse Aufzeichnungen gemacht, mit Lebensgeschichte, Geständnissen und eben Bildern. Nach so viel verstörender Geschichte erschien ein erneuter Besuch des Wasserfestes als Kontrast und Möglichkeit, das Gesehene zu verarbeiten.

An diesem Tag, den 7. November endete das Wasserfest mit einem riesigen Aufgebot verschiedenster Boote, die gemeinsam den Tonle Sap hinunterfuhren und so beim Durchqueren der Ziellinie das Ende der Regenzeit signalisierten. Diese Festlichkeiten wurden auch vom kambodschanischen König besucht, auf den wir sogar einen kurzen Blick erhaschen konnten.

Mit Phnom Penh verlassen wir auch Kambodscha und begeben uns weiter Richtung Thailand. Kambodscha ist definitiv eine Reise wert. Es besticht durch tolle Strände, teils noch unberührte Natur, unglaublich hilfsbereite Menschen und eine (noch!) geringe Dichte von Pauschaltourismus. Aber auch geschichtlich ist es sehr interessant. Auf der einen Seite die ehemalige Hochkultur der Khmer, symbolisiert durch die riesigen Tempelanlagen von Angkor, und auf der anderen Seite die Schrecken eines jahrelangen Krieges und der Herrschaft der Roten Khmer, welche die gesamte Gesellschaft innerhalb weniger Jahre völlig veränderte.