Die Sache mit dem “Fremdmaterial”

Die Empörung des Web über die völlig korrekte Praxis der TV-Anstalten, Webvideoschnipsel mit allgemein verständlichen Quellenangaben zu versehen, ist ein versteckter Schrei nach Liebe.

Dirk Baranek
Jul 6, 2014 · 3 min read

Wenn im Fernsehen Ausschnitte aus im Web veröffentlichen Privatvideos veröffentlicht werden, braucht man auf die nachfolgende Empörung nicht lange zu warten. Haben doch die verdammten Journalisten unser Web wieder als Steinbruch für ihre Berichte benutzt! Auslöser ist zumeist die von den Sendern eingeblendeten Untertitel zu dem aus den Weiten des Web stammenden Videomaterial. Zu sehen sind dann Texte wie Quelle: Internet oder Quelle: Privat. Ein neuer Nachweis war in den letzten Tagen bei der WM-Berichterstattung der ARD zu sehen: Quelle: Fremdmaterial.

Natürlich erzeugt eine solche Bezeichnung mal wieder nur Kopfschütteln bei den Granden des Web. Hier zum Beispiel der BendlerBlogger, der prompt seine unhinterfragten Ressentiments gegen den Journalismus und überhaupt dokumentiert. Man muss sich fragen, ob solche Leute nicht einen Moment nachdenken, was dieser Begriff Fremdmaterial eigentlich bedeuten soll.

https://twitter.com/bendlerblogger/status/485138025912205312

Die ARD hat inzwischen sogar reagiert und es exakt so beschrieben, wie man im Journalismus arbeitet.

https://twitter.com/ard_presse/status/485176641535356928

Nach diesem Tweet kann man also davon ausgehen, dass die Redaktion nicht einfach Videos ungefragt nutzt, sondern ziemlich gründlich versucht, Rechte für die Ausstrahlung zu bekommen. Und die Rechteinhaber dann eben darauf verzichten, persönlich genannt zu werden, warum auch immer.

Außerdem wird, wenn der Rechteinhaber nicht auffindbar ist, mit dieser Einblendung dem Zuschauer signalisiert: Das Material ist nicht von uns, wir können die Echtheit nicht überprüfen und bitten obendrein die zumeist schlechte Bildqualität zu entschuldigen. Letzteres richtet sich jetzt unbedingt an die erfahrenen Webvideonutzer sondern an deine Mutter.

Warum verwenden die aber Material, von dem sie eventuell keine Rechte eingeholt haben? Dürfen die das denn? Antwort: Ja. Ich gehe davon aus, dass in dem Moment nur Material gezeigt wird, dass einem Tagesinteresse entspricht. Eine Veröffentlichung ist dann nämlich ohne vorherige Genehmigung des Urhebers erlaubt (§50 UrhG). Wie das genau definiert wird, muss im Einzelfall vor Gericht geklärt werden. Eine solche Veröffentlichung befreit natürlich die Sender nicht von der Pflicht, eine Vergütung dafür zu entrichten.

Ein Einwand ist oft: Warum schreiben die dann nicht “YouTube” hin oder “Facebook”? Zum einen ist das Schleichwerbung, was im öffentlich-rechtlichen TV immer ein Problem darstellt. Zum anderen: was ist, wenn es von anderen Plattformen kommt? Einem Social Network aus Brasilien, aus Russland? Was hilft uns diese Quellenangabe? Nichts, denn dann müsste wieder hingeschrieben werden, um was es sich dabei handelt. Wie gesagt: Denk an deine Mutter. Kurzum: ein detallierter Quellenhinweis nervt nur und nützt niemandem.

Die Empörung des Webs über derartige Quellenhinweise im TV hat daher nichts mit Kritik an den Methoden des Journalismus zu tun, sondern ist eher Ausdruck einer Art Minderwertigkeitskomplex gegenüber den arrivierten Medien. Nach dem Motto: Die arroganten Schweine nehmen uns nicht ernst! Ein derartiger Psychokomplex äußert sich eben als trotziger Zorn. Es handelt sich aber im Grunde um einen Schrei nach Liebe.

    Dirk Baranek

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    digital journalism galore (DJV)

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