Suchmaschinen sind schlecht. Das Recht auf Vergessen macht sie nicht schlechter.

Suchmaschinen konstituieren eine eigene Wirklichkeit — auf der Basis unvollständiger und manipulierter Daten.

Dirk Baranek
Jul 12, 2014 · 5 min read

Wir trauen Suchmaschinen eine Menge zu, glauben fast, sie würden die Welt so darstellen, wie sie ist. Der Grund dafür ist eine gewisse Gläubigkeit an die unbestechliche Weisheit der Maschinen: Die Ergebnisse all der cleveren Rechenoperationen, die auf Myriaden von Datensätzen basieren, können nicht falsch sein. Maschinen lügen nicht. Sie sind daher besser als Menschen, so der naive Glaube der Technizisten. Maschinen machen keine Flüchtigkeitsfehler, vergessen nichts und lassen sich nicht von Kultur und Emotionen beeinflussen.

Diese Annahme ist meines Erachtens falsch. Meine Skepsis gegenüber Suchmaschinen steigt täglich und man sollte sich als Nutzer herausgefordert fühlen, seinen kritischen Verstand ob der gelieferten Ergebnisse einzuschalten. Sicher, oft ist es einfach egal, was diese Diensten liefern, weil es den Alltagszweck erfüllt. Wenn man aber tiefer einsteigt, ist es zuweilen einfach nur peinlich. Zwei Beispiel, die mir in diesen Tagen die eingeschränkte Benutzbarkeit vor Augen führten.

Das Schrottvideo

Es gibt aktuell im Rahmen der FIFA-WM einige Musikschaffende, die sich an den Trend deutscher Fußballbegeisterung hängen und ein paar einfach gestrickte Mitsing-Liedchen publizieren. Ein solches Machwerk ist auch das wohl schon zur WM 2006 produzierte Stück des Frankfurter Komödianten-Duos Mundstuhl. Es handelt sich um eine Cover-Version mit Text auf Denglisch von Bob Marleys Reggae-Nummer Jammin’ — nett, harmlos, ohrwurmverdächtig. Titel: “We Germans”. Poppt halt in diesen Tagen wieder auf.

http://youtu.be/yUdXoW8dixY

Jedenfalls wollte ich das Video heute auf den Schirm bekommen und gab bei einer einschlägigen Suchmaschine “Germans Mundstuhl” als Abfrage ein. Irgendwo im Web muss es doch das Video geben, das ich schon im TV sah.

Das Ergebnis dieser Suchabfrage finde ich skandalös schlecht.

Sicher, es wird einem auf der Ergebnisseite sofort ein Video mit dem Song angeboten, aber was für eins: Toptreffer ist ein im Prinzip illegaler Upload auf YouTube, der dort schon prompt fast 1 Million Abrufe hat. Auf Platz 2 und 3 befinden sich ebenfalls von Rippern hochgeladene Versionen. Alles in übler Qualität, verpixelt, mit trashigen Einblendungen.

Nach kurzer Recherche bei YouTube habe ich dann festgestellt, dass Mundstuhl dort sogar über einen eigenen Kanal verfügt — Name “Mundstuhl” — und den Song dort in wesentlich besserer Qualität veröffentlicht. Anzahl der Abrufe: 26.000.

Und das findet also Google Search nicht und bietet es mir prioritär an? Die Algorithmen sind also offenbar nicht in der Lage zu analysieren: Oh, unter “Mundstuhl” gibt es einen Videokanal. Aha, die gerippte und wieder reingeladene Version (übrigens das einzige, das auf diesem Account existiert) ist extrem verpixelt, während die Originalversion in besserer Qualität vorliegt. Eigentlich ist das wirklich erschreckend, vor allem wenn man bedenkt, dass YouTube zu Google gehört und es also hervorragende Möglichkeiten geben muss, auf diese Daten zuzugreifen. Kein gutes Beispiel für die Qualität von Google Search, auf die das Unternehmen so große Stücke hält.

Texte in Grafikformaten existieren nicht

Suchmaschinen sind bis heute nicht in der Lage, Schriftinformationen in Bildgrafiken zu entziffern. Aktuell recherchiere ich für das Projekt @1914Tweets viel in digitalisierten Tageszeitungen aus dem Jahr 1914. Es gibt sehr umfangreiche, lückenlose Sammlungen zum Beispiel aus Österreich und Frankreich, und vereinzelte Reihen aus Deutschland. Das sind nur ein paar Beispiele, es gibt sicher noch wesentlich mehr. Wenn ich das richtig verstanden habe, liegen all diese Digitalisate im Grafikformat JPG vor. Anders als zum Beispiel die von Google selbst eingescannten Bücher sind diese aber für die Suchmaschine schlicht nicht existent. Man muss sich das einmal vorstellen: es handelt sich um Milliarden von hochinteressanten Informationen, die man aber nicht findet. Absolute Fehlanzeige. Wir reden hier nicht von logingeschützten Inhalten, sondern von komplett öffentlichen. Um dieser Misere zu entgehen, sind einige Archiv-Webseiten dazu übergegangen die Community zu bitten, diese Texte abzutippen oder zumindest zu verschlagworten. Das kann ja wohl nicht die Lösung sein.

Suchmaschinen konstituieren eine eigene, manipulierte, unsinnige Realität

Was folgt aus diesen Beobachtungen? Einige Punkte, die vielleicht nicht jedem klar sind, aber die man sich als Nutzer von Suchmaschinen vor Augen halten sollte, wenn man die Ergebnisse dieser Dienste verwendet.

Suchmaschinen bilden nicht die reale Welt ab.
Gut, das ist insofern banal, als sich die Wirklichkeit nicht komplett ins Netz begeben hat. Der Handwerker von nebenan, der keine Website hat, der sich nicht um Online-Marketing kümmert, wird vermutlich gar nicht auftauchen, höchstens noch mit einem Eintrag im Telefonbuch. Aber vielleicht handelt es sich um den besten Handwerker der Welt. Wer also den besten Handwerker der Welt finden will, kann sich nicht auf das Netzt allein verlassen. Er wird dort nur den besten Handwerker der Welt finden, der im Internet aktiv ist. Und noch nicht einmal das hilft.

Suchmaschinen bilden nicht die Web-Realität ab.
Dieser Punkt ist schon kritischer zu sehen. Wenn sich schon logischerweise nur das im Web finden lässt, was dort als Text seine Spuren hinterlassen hat, so sollte man doch davon ausgehen, dass zumindest diese Spuren verlässlich bewertet werden. Das ist aber nicht der Fall. Denn Suchmaschinen bilden eine Wirklichkeit ab, die von SEO-Experten manipuliert ist.

Suchmaschinen sind dumm wie Brot. Sie verarbeiten und bewerten die gesammelten Daten nach 200 bis 300 Kriterien, über die sich SEO-Leute ständig graue Haare wachsen lassen. Die Algorithmen berechnen stumpfsinnig, was man ihnen aufträgt. Der Manipulation ist Tür und Tor geöffnet, das erleben aufmerksame Nutzer von Suchmaschinen jeden Tag. Es wird eben nicht der beste Text oder die qualifizierteste Website ganz oben erscheinen, sondern derjenige, der die Dummheit der Maschinen am besten zu bedienen weiß. Sicher, die Suchmaschinen versuchen ständig, an den Formeln zu feilen und diese neu zu gewichten. Mein Eindruck ist aber: die SEOs sind immer einen Schritt schneller. Der beste Handwerker der Welt wird also nur dann ganz oben in den Suchergebnissen stehen, wenn er auch noch die beste Website der Welt hat, die der beste SEO der Welt mit enormen Aufwand dorthin getrieben hat.

Wer nicht weiß, was er sucht, wird es nicht finden.
Als Nutzer von Suchmaschinen muss man sich immer im Klaren darüber sein, dass die Welt da draußen mehr zu bieten hat, als die SERPs einem weismachen wollen. Ja selbst das Web ist vielviel umfangreicher als uns Google glauben machen will — schon jetzt. Und ich rede hier gar nicht von den Inhalten, die sich hinter Logins verbergen.

Das Recht auf Vergessen ist ein Klacks im Vergleich zu den wirklichen Problemen der Ökonomie von Suchmaschinen.

Warum ich das alles sage? In der Diskussion um die Löschung von Links auf kritische Inhalte — Stichwort “Recht auf Vergessen” — ist zuweilen ein Unterton zu vernehmen, in dem eine Art Webuntergangsstimmung mitschwingt. Es wird dann in die Richtung argumentiert, dass nun ja Google unbenutzbar werde, weil es Teile der Wirklichkeit nicht mehr abbilden darf. Mein Punkt ist: Das ist aber bereits jetzt so. Suchmaschinen sind nützlich und verblüffen immer wieder mit ihrer Darstellung der Vielfalt und der Quantität von Inhalten, die das Internet inzwischen zu bieten hat. Die Annahme aber, dass nun Eingriffe in Suchmaschinen möglich sind, die ihre Benutzbarkeit entscheiden einschränken, die halte ich für abwegig und fast naiv. Suchmaschinen bilden bereits heute nur einen TEIL der Netzrealität ab und sind extrem anfällig gegenüber grobschlächtigen Manipulationen durch die Horden von Suchmaschinenoptimierern.

Wer Suchmaschinen glaubt, irrte schon immer.

    Dirk Baranek

    Written by

    digital journalism galore (DJV)

    Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
    Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
    Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade