Kann man blind die Straße überqueren?

In meinem Berufsalltag als Investmentmanager arbeite ich eng mit Startups zusammen oder mit Unternehmen, die sich und ihre Geschäftsmodelle verändern und neuen Gegebenheiten anpassen. Daneben bin ich auch als Gründer tätig. In diesem Post möchte ich eine Analogie beschreiben, die zeigt, warum es nicht sinnvoll ist große Pläne in diesen Bereichen zu schmieden.

Wie man eine Straße nicht überqueren sollte

Man kommt als Fußgänger aus einer Seitenstraße und möchte eine Ausfallstraße einer beliebigen deutschen mittelgroßen Stadt überqueren. So sollte man es nicht tun:

  • Die Musik auf den Kopfhörern aufdrehen.
  • Links und rechts schauen.
  • Wenn nichts kommt, die Augen schließen.
  • Über die Straße gehen.

Warum das gefährlich ist, ist klar: Auch wenn die Straße anfangs leer aussieht, kann ein Auto plötzlich wie aus dem Nichts erscheinen. Entweder weil der Fahrer sich nicht an die Geschwindigkeitsbeschränkung hält oder weil ein Auto aus einer Zufahrt nur 10 Meter weiter herausfährt und stark beschleunigt.

Wir und unsere Kinder lernen sehr früh einige Verhaltensregeln und ein Prinzip. Wenn es keine Ampel gibt, dann überschauen wir zunächst beide Seiten. Dann schauen wir, ob links frei ist und betreten die Straße. Wir vergewissern uns weiterhin, dass der Streifen frei ist. Dann wandert der Blick nach rechts rüber, um zu schauen, ob dort auch weiterhin alles frei ist. Wenn ja, dann nichts wie rüber. Abgerundet durch das Prinzip “Stets mit der Unachtsamkeit (manchmal auch Dummheit) anderer rechnen”, kommt man so mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf der anderen Straßenseite an.

Die Wirtschaft als zu überquerende Straße

Sie wissen vermutlich was jetzt kommt: Die Analogie in die Unternehmenswelt. Meine Kernaussage: Selbst in Unternehmen, die sich als agil beschreiben, sieht man, dass die Planungs-DNA tief verankert ist. Ob ein Projektteam, das eine Entscheidungsvorlage erarbeiten soll oder ein Startup, das eine tolle Idee hat und die Bank eine 5-Jahres-Roadmap sehen will — der Wunsch nach einem Plan und damit dem Gefühl von Sicherheit scheint allgegenwärtig.

Im Prinzip ist es so, wie man eine Straße nicht überqueren sollte. Von einem Zeitpunkt heraus versucht man zu antizipieren was passiert und leitet aus diesen Gedanken einen Weg ab. Was ist aber, wenn sich die Umstände nicht an den Plan halten? Dann wird er oft nur minimal angepasst aber selten selbstbewusst geändert.

Jetzt wird es spannend. Analogien sind immer vereinfachend. Wenn es das oben schon gewesen wäre, könnte man sagen, dass man einfach noch besser planen muss — vielleicht etwas mehr recherchieren oder die Marktforschung befragen. Nichts da.

Die Realität bezogen auf die Analogie sähe so aus: Nach dem ersten Schritt auf die Straße fängt es an zu schneien. Es wird dunkel. Wo gerade noch eine gerade Straße war ist jetzt ein kurviger Schotterweg. Und wo kommt eigentlich die Eisenbahnstrecke her, die vor uns liegt?

Das können wir jetzt ins beliebig extreme übertragen. Technologiegetriebene Startups haben neben der technologischen Unsicherheit oft die Schwierigkeit, dass noch gar kein vorher definierter Markt existiert. Im Bild von oben heisst das, dass ich mit dem ersten Schritt nicht auf einer Straße sondern plötzlich in einem See lande. Nach dem zweiten Schwimmzug fängt das Wasser an zu kochen und das Seil, an dem ich mich hochziehen will ist eine surreal große Spaghetti, die beim Ergreifen in sich zerfällt.

Das Lob des kleinen Schrittes

Die meisten, die diesen Post lesen, wissen, dass es in Bereichen hoher Unsicherheit besser ist, schrittweise vorzugehen und nach jedem Schritt zu überprüfen, ob er sinnvoll war oder die Richtung angepasst werden muss.

Deswegen gibt es auch endlos viele Methoden und Modelle, die einem dabei helfen sollen. Das Problem ist aber nicht das Wissen, sondern das Umsetzen — so sehr das nach einer Floskel klingt, es stimmt einfach.

Es ist kinderleicht in einem Ideationworkshop wilde Ideen zu erarbeiten. Es fühlt sich gut an. Aber die Arbeit kommt immer danach. Da kann ein Coach noch so viele Design-Thinking- und Scrum-Zertifikate haben: Umsetzen muss man es selber. Und dort helfen einem keine Methoden, sondern nachdenken, kleine Schritte gehen, überprüfen, nachdenken, kleine Schritte gehen…