Wer sich dem Zufall nicht aussetzt, ist tot.

Eine persönliche Geschichte und was ich daraus für den Lebens- und Berufsalltag gelernt habe.

Zufall by The Cookiemonster / flickr.com unter CC BY-NC 2.0

Nach meinem Wehrdienst fing ich 2008 mit dem Studium an. Die erste eigene Wohnung, die erste richtig große Herausforderung. Dass es dazu kam ist schon ein Ergebnis unzähliger Zufälle.

In der Schule war ich eher unterdurchschnittlich gut. Außer in Englisch und Politik, war ich sogar ziemlich schlecht. Die 11. Klasse musste ich wiederholen. Dadurch hatte ich die Möglichkeit zwei Schulpraktika zu machen (einmal in einer Grundschule in London und eines in einem Kindergarten ums Eck).

Doch weder die verlängerte Schulzeit, noch die Praktika weckten in mir ein Interesse für einen zukünftigen Job. Ich spielte jahrelang Cello und Tennis, machte Jiu-Jitsu und Theater-AG. Aber auch das machte nur Spaß. Nicht mehr.

So fand ich mich nach der dreimonatigen Allgemeinen Grundausbildung der Bundeswehr in einer Kaserne in Delmenhorst wieder, und dachte über meine berufliche Zukunft nach.

Ich schrieb einen Motivationsbrief für einen Studiengang, der etwas mit Mode und Kultur zu tun hatte. Das ist mir sogar ganz gut gelungen. Glaube ich. Doch abgeschickt habe ich ihn nie.

Daraufhin habe ich mich bei zehn Hotels zur Ausbildung als Hotelkaufmann beworben. Ich bekam von fünf Hotels keine Antwort. Vier haben mir abgesagt (“Abi zu schlecht” — ich hatte einen Schnitt von 3,6) und der einen Einladung zum Vorstellungsgespräch habe ich dann abgesagt, weil ich so irritiert war, dass ich so negative Rückmeldungen bekommen hatte.

Bereits vor meiner Bundeswehrzeit, wie auch währenddessen und danach, hatte ich einen ziemlich gut bezahlten Job in einem Kühllager eines Lebensmittelgroßhändlers. Das war der Grund, weswegen ich mich schließlich auch nur bei einer Universität aus der Gegend beworben hatte.

Ich bewarb mich für BWL mit juristischem Schwerpunkt. Der Studiengang war jedoch zulassungsbeschränkt. Eine 2,0 hätte gereicht. Meine 3,6 nicht.

Von Freunden hatte ich gehört, dass die formelle Anforderung zur Zuweisung eines Studienplatzes (Laien nennen das oft “einklagen”) funktionieren könnte. Und das tat es auch.

Zwar liefen die Vorlesungen schon zwei Wochen als ich endlich die Zusage erhielt, aber das war zu verkraften.

Ich weiß, dass ich auch auf anderen Wegen etwas gefunden hätte, das mir Spaß macht und worin ich gut bin. Dennoch bin ich dem Zufall extrem dankbar, dass er mir diesen Weg ermöglicht hat.


Diese Geschichte ist eine kurze Episode meines Lebens, eingebettet in eine von Zufall geprägte Vergangenheit und unplanbare Zukunft. Und mittlerweile acht Jahre her.

Den Zufall zulassen zu können, ist einer meiner Fähigkeiten, auf die ich selbst stolz bin. Ich bin überzeugt davon, dass man durch Selbstverantwortung und freiwillige Kooperation sehr viel erreichen kann. Aber gerade dort hat der Zufall seine Finger im Spiel. Und wenn mal etwas nicht funktioniert — auch nach mehrmaligem Ausprobieren — soll es vielleicht einfach nicht sein.

Zufall in meinen Augen immer etwas Neutrales. Die Auswirkungen können natürlich gut oder schlecht sein — aber der Fakt, dass eine Situation aus Zufall entstanden ist, ist eben nicht mehr als dieser Fakt. Vor den negativen Auswirkungen kann man sich relativ einfach schützen und die positiven Auswirkungen kann man für sich nutzen.

Das wissen viele und handeln oft auch danach. Dennoch höre ich immer wieder, wie sich Menschen über Unplanbarkeit aufregen. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass diese Aussage ein Ergebnis der Entwicklung der Technologie und unserer Gesellschaft ist.

Vor 50.000 Jahren sahen die Menschen zu, wie sie die aktuell anliegenden Probleme erledigt bekommen. Vielleicht gab es ja schon Nahrungsmittellager für schlechtere Zeiten. Aber länger als ein paar Tage in die Zukunft zu planen, haben vermutlich die wenigsten Menschen gemacht.

Und wie sieht es heute aus? Sehen Sie sich selbst in Ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld um. Das Paradoxe: Je mehr man plant — also die Entscheidungen über Handlungen vorwegnimmt — umso anfälliger ist man gegenüber Zufällen. Das führt meiner Beobachtung nach zu einer Abneigung gegenüber dem Zufall.

Ich empfinde das als eine unnatürliche Art mit dem Leben und der Arbeit umzugehen. Warum akzeptiert man den Zufall nicht als gegeben und passt die eigenen Handlungen daran an, als zu versuchen etwas Unbeeinflussbares wie den Zufall an die Handlungen anzupassen?

Klar, in überraschungsfreien Bereichen kann man selbstverständlich planen. Doch diese Bereiche sind seltener als wir denken.

Die Arbeit in einem Unternehmen, das ich mitgegründet habe, besteht zu 90% aus ad-hoc-Arbeit. Zu schnell ändern sich Annahmen und Gegebenheiten. Das ist in Frühphasen ohne etabliertes Produkt üblich.

Dennoch haben wir vereinzelt “Pläne”, die uns Sachen vereinfachen und die möglichst frei von Überraschungen sind. Da wir verteilt in Deutschland arbeiten aber nur eine Firmenadresse haben, haben wir einen kleinen Prozess entwickelt, wie wir eingehende Briefe allen verfügbar machen können und uns informieren, wer sich darum kümmern sollte.

Wir haben aber keine Angst vorm Zufall. Selbst wenn Konkurrenzprodukte auftauchen (und das tun sie regelmäßig), fluchen wir nicht groß, sondern überlegen uns, ob unsere Vorteile groß genug sind, damit Kunden uns wählen.

Zufall ist einfach da. Er verschwindet nicht. Außer man setzt sich ihm nicht mehr aus. Dann ist man tot.


Tipp: In seinem Podcast “Der Flaneur” spricht Bastian Wilkat mit Menschen aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie u.v.m. Kostenlos bei iTunes abonnieren, im Webplayer anhören oder als E-Mail abonnieren.