Wie Unternehmen mit Anwenderwissen Technologien richtig einschätzen können

von Bastian Wilkat

Als ich in der sechsten Klasse war, hoffte ich, dass ich aufs Gymnasium komme. Sobald ich auf dem Gymnasium war, wollte ich mindestens die neunte Klasse schaffen, da ich so ja schon einen erweiterten Realschulabschluss hätte.

Andere dachten extremer. “Wenn ich das Abi nicht schaffe, kann ich gleich einpacken”, hörte ich während der letzten Schulmonate oft, “dann kann ich nicht studieren gehen”.

Und während des Bachelor-Studiums hörte ich oft, dass es ja “nur” drei Jahre sind und man dann endlich einen Master machen könne. Was hörte ich im Master-Studium? “Nur noch zwei Jahre klotzen und dann endlich Geld verdienen.”

Die Gegenwart ist für viele Menschen zu einem Aushalten geworden. Ein aktives Warten auf etwas Besseres. Das Bessere ist meist schon ziemlich gut definiert — Studienabschluss, Beförderung, Projekt — und außerdem mit allerlei Hoffnungen aufgeladen.

Ob das sinnvoll für das eigene Leben ist, möchte ich hier nicht adressieren. Mich interessieren eher die Implikation auf Wirtschaftsorganisationen. Denn mit jedem Jahr, das ich im Wirtschaftsumfeld arbeite, sehe ich, wie sich die obige Denke auch in Organisationen niederschlägt.

Die Hoffnungen stecken innerhalb von Unternehmen ebenfalls in vielen Zukünften. Auf Individualebene schreibt sich die oben erwähnte Logik oft fort: Die nächste Beförderung, das nächste Prestigeprojekt oder der nächste Job.

Auf Kollektivebene beobachte ich ein ähnliches Verhalten. Man schaut erwartungsvoll in die Zukunft neuer Technologien, Software und Methoden — und dann wird endlich alles gut. Das Problem ist leider: Nichts wird gut.

Wenn Antworten auf Probleme stets in neuen oder noch nicht existierenden Entwicklungen gesehen werden, verpassen Unternehmen die Gelegenheit zu Lernen und echte Problemursachen sauber zu identifizieren. Wenn die Entwicklungen auch noch gesamtgesellschaftlich und medial gehyped werden, wird es für bedachte Problemarbeit natürlich schwierig: “Seien Sie nicht immer so konservativ…”

In den vergangenen Jahren gab es einen kleinen Hype darum, Social Media Tools innerhalb von Unternehmen zu nutzen. Selten haben Projekte die Erwartungen getroffen. Die Lösung passte schlicht nicht auf das Problem.

Damit jeder-mit-jedem-Kommunikation erfolgreich ist, gilt es nicht nur die organisationsstrukturellen Bedingungen zu schaffen, sondern grundsätzlich zu hinterfragen, ob der Tooleinsatz überhaupt ein Problem löst. Und wenn ja: Kann das Problem nicht einfacher gelöst werden?

Ich kann nicht empirisch belegen, dass das Phänomen dieses Artikels im Großteil von Unternehmen auftritt. Was ich aber bemerke, ist eine große Unsicherheit, wenn ich mit Führungskräften und Unternehmern spreche. Viele haben Angst eine neue technische oder soziale Innovation zu verschlafen und machen dann aktionistisch irgendetwas, um z.B. den eigenen Vorstand oder sich selbst ruhig zu stellen.

Aber: Sobald neue Technologien mit Erwartungen aus dem Tagesgeschäft aufgeladen werden, ist das Projekt praktisch zum Scheitern verurteilt.

Nehmen Sie eines der Trendthemen, die in den vergangenen Jahren auch durch ihre Branche gehuscht ist: Industrie 4.0, Internet of Things, Social CRM, 3-D-Druck, Netzwerkstruktur, Design Thinking. Diese beliebig gewählten Beispiele sind höchst unterschiedlich, bis auf den Fakt, dass sie gewisses Neuheitspotenzial haben (oder hatten).

Selbstverständlich sollten Unternehmen über spezifische Innovationen, die sie direkt und kurzfristig betreffen, stets auf dem Laufenden sein: Neue Verfahrenstechniken, günstigere Produktionstechnologien usw. Aber das machen sie meist sowieso. Für Technologien, die von Analystenhäusern, Gremien und Öffentlichkeit gepusht werden, empfehle ein anderes Vorgehen.

Mein Ratschlag zum Umgang mit neuen Technologien und Methoden, die scheinbar irgendetwas umwälzen werden:

Eigenes Anwenderwissen aufbauen

Wie? Richtiges Experimentieren — Damit meine ich kein groß kommuniziertes Pilotprojekt mit Riesenbudget. Es geht darum mit einer Technologie in einem vom Tagesgeschäft möglichst unabhängigen Schutzraum “herumzuspielen” (das wäre ein eigener Blogpost wert). Ob dabei ein Produkt oder eine Lösung entsteht ist egal. Das Ziel ist: Lernen und verstehen der Technologie.

Ein schönes Beispiel, wie dieser Ansatz in Breite der Belegschaft getragen werden kann, ist die Adobe Kickbox. Größere Ansätze wären interne MakerSpaces, Labore und Co. (manchen davon ist abhängig vom Unternehmen natürlich sowieso vorhanden).

Jetzt ist die Person, die experimentiert hat, selbst eine Art Experte und kann den tatsächlichen etwaigen Einfluss auf das eigene Unternehmen besser einschätzen. Meine These: Dieses Wissen ist deutlich wertvoller für ein Unternehmen, als der Einkauf von Beraterwissen. Langfristig betrachtet.

Diese Aussage mag irritieren, da ich Unternehmern und Führungskräften genau bei der Einordnung von technologischen Entwicklungen und resultierenden Einflüssen auf ihr Geschäftsmodell helfe. Aber: Egal, wie intensiv ich unterstütze — ich bin ein Externer, mit eigener Autobiographie, die bis auf das Engagement keine Schnittstellen zum Auftraggeber hat.

Meine Überzeugung: Auch wenn es nicht effizient ist, aber der stete Aufbau von Anwendungswissen (unabhängig von Rollen und Funktionen im Unternehmen) könnte langfristig eine der wertvollsten Investitionen sein.