Effizienz ist ineffizient,

Effizienz führt zu Ineffizienz oder auch Um (langfristig) effizient zu sein, muss man (kurzfristig) ineffizient sein. Oder rumgedreht: Ineffizienz ist der Schlüssel zur Effizienz.
Und ich hatte noch einige weitere Varianten für den Titel dieses Artikels.

© 2012, Stefan Krause, CC BY-NC-ND 3.0

Das ist zunächst mal ein Paradoxon — oder auch purer Blödsinn, je nach Gusto. Schließlich ist eine Glühbirne oder ein Kühlschrank (energie-)effizient oder eben nicht. Eine Produktionsmaschine wird gut ausgelastet und damit effizient betrieben oder eben nicht. Das ist die übliche Vorstellung von Effizienz, je größer der Quotient aus Output (Divident) und Input (Divisor), desto größer ist die Effizienz; fertig, eindeutige Geschichte, keine Magie.

Für die oben genannten Beispiele, eher einfache Fälle, ist das richtig. Diese einfachen Fälle sind häufig in mechanischen, linearen Kontexten, mit eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu finden. Ob ein Kühlschrank energieeffizient ist, ergibt sich (höchstwahrscheinlich, denn ich habe von Kühlschrankbau keine Ahnung) aus einer Zusammenfassung der Effizienzen der einzelnen Komponenten.

Der Kontext zählt!

Anders sieht es in folgendem Beispiel aus: Eine Produktionsstraße besteht aus fünf aufeinander folgenden, maschinell durchgeführten Arbeitsschritten. Jede Maschine wird mit maximaler Effizienz betrieben. Wer The Goal gelesen hat, ahnt vielleicht was kommt: Die Produktionsstraße ist ineffizient, obwohl die einzelnen Komponenten jeweils effizient sind — oder vielleicht sogar weil!

Warum das? In aller Kürze fasse ich das so zusammen: Einerseits sind die Produktionskapazitäten nicht aufeinander abgestimmt und andererseits gibt es sowas wie Rüstzeiten, Wartungs- und Reparaturstillstände und allerlei andere Dinge, die das perfekte Zusammenspiel der Komponenten stören.

Das Beispiel zeigt vor allem, dass Effizienz ein sehr kontextabhängiger Begriff ist. Die Effizienz in dem einen Kontext führt zur Ineffizienz in einem anderen Kontext.

Im Kontext von Wissensarbeit

In diesem wird der Zusammenhang einerseits wichtiger andererseits weniger offensichtlich. In einer Produktionsstraße lässt sich Überproduktion einer Maschine erkennen und man kann entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten, ggf. nachdem eine Analyse durchgeführt wurde.
 In der Wissensarbeit — z. B. Softwareentwicklung, Marketingkommunikation — sieht das oft anders aus. Bereits 1955 wurde erkannt, dass Wissensarbeit die Tendenz hat, sich in dem Maße auszudehnen, wie Zeit zu ihrer Erledigung zur Verfügung steht. In einer einfachen, linearen Welt ist offensichtlich, dass man jene Zeit begrenzen muss. Genau das passiert auch, manchmal implizit, manchmal explizit, immer mit dem Argument der Effizienz.

Und das führt zu Ineffizienz! Bleiben wir mal beim Beispiel des Erstellens von Code, vulgo als programmieren bezeichnet. Wer auch immer diese Tätigkeit ausführt, trifft dabei ständig im- oder explizit kleine, vordergründig unbedeutend erscheinende Entscheidungen, die das Ergebnis und vor allem die aufgewendete Zeit in einem Maße beeinflussen, die einem klassischen Manager die Haare zu Berge stehen lassen würden. Der zeitliche Aufwand zwischen, nennen wir es mal, Wegwerfcode und wiederverwendbarem Code liegt gut und gerne bei einem zweistelligen Faktor. Funktional sind die beiden erstmal nicht zu unterscheiden. Beide funktionieren. Der eine jedoch ist lesbar geschrieben, gut dokumentiert, erweiterbar, pflegbar, deckt nicht nur den geradlinigen Anwendungsfall sondern auch Varianten und Grenzfälle ab — allesamt Voraussetzungen für Wiederverwendbarkeit.

In einem kurz- bis mittelfristigen Kontext ist der Wegwerfcode hocheffizient. Gewünschte Funktionalität in minimaler Zeit implementiert.
Auf lange Sicht ist dieser aber hochgradig ineffzient. Kurzfristige Effizienz führt in vielen Kontexten mittel- bis langfristig zu Ineffizienz— und umgekehrt.

Dieses Beispiel ist leicht zu übertragen auf viele, wenn nicht gar alle Arten von Wissensarbeit: die effiziente Entwicklung von Personas, die effiziente Marketing- oder Produktstrategie, das effiziente (Kreativ-)Briefing, das effiziente Corporate Design.
Der ein oder andere, der mit bis hierher gefolgt ist, könnte einwenden, dass doch nur die Minimalanforderungen zu definieren seien, um diese negativen Effekte zu verhindern. All jenen sage ich: legt los! Definiert diese Qualitätskriterien; und vergesst nicht, auch ein Vorgehen zur Durchsetzung und Kontrolle zu erarbeiten. Und gleich noch ein Recruiting Konzept dazu.

Allen anderen empfehle ich, mit dem Begriff Effizienz sehr vorsichtig umzugehen, den Kontext vorher zu durchdenken und zu kommunizieren, um Fehlinterpretationen vorzubeugen.


P.S.: Der Begriff der Effektivität ist eine andere und schwierigere Baustelle, die ich vielleicht in einem späteren Artikel aufgreife.