HEINI GLÄTTLI — FÜR ALLE EINER VON UNS.

Beat Hürlimann
Jun 12 · 5 min read

Heinrich (Heini) Glättlis Geschichte wiederspiegelt ein Stück Zürcher Stadtsportgeschichte. Sie beginnt in den Fünfzigern. Über die Zeit davor ist vom 1933 im Kreis zwei geborenen Stadtzürcher wenig bekannt. Heini war Einzelkind, der Vater VBZ-Chauffeur, die Mutter Italienerin.

In den Fünfzigern hat er geboxt und dabei auch einen Schweizermeistertitel im Fliegengewicht errungen.

Heini Glättli (rechts) als Boxkämpfer im Fliegengewicht.

Weggefährte und Schweizermeister im Verfolgungsfahren Heinz Heinemann erinnert sich:

“Heini war ein hübscher, sehr schlanker und friedfertiger Bursche. Ich habe ihn mal in einem Engpass gesehen. Der andere war ein Hüne, hatte ihn provoziert, bedrängt — und kolossal unterschätzt. Man sah ihm den Boxer eben nicht an. Es machte ping, pong, peng und der andere lag am Boden. Er hatte das Auge. Wir mussten fliehen.”

Heinemann, der seine Meisterrennen als Verfolger auf der offenen Rennbahn Oerlikon noch vor 7000 Zuschauern bestritt, erinnert sich an eine weitere Episode:

“Glättli war bereits für die Olympiade 1962 in Rom qualifiziert. Er bestritt einen Vorbereitungskampf und kassierte eine K.o.-Niederlage. Der Gegner hatte ihm beim Shakehands einen Schlag verpasst. Eine K.o.-Niederlage zwei Wochen vor Olympia bedeutete damals den Ausschluss von den Spielen.”

Heini Glättli (rechts) 1958 im Kampf gegen Morgan. Boxmeeting US-Armee-Team gegen Boxclub Zürich; Zürich 1958 Boxing meeting U.S. Army team vs Boxclub Zürich. Bildquelle Blick/Ringier

Später im Letzigrund hat er für den FCZ als Co- und Konditionstrainer die tolle Meistermannschaft von 1980/81 mit Spielern wie Jerkovic, Zappa, Kundert, Grob und Seiler mit neuen Trainingsmethoden aus dem Boxsport fit getrimmt.

Das Meisterteam von 1981. Heini Glättli, stehend ganz rechts.

Der damalige FCZ-Profi Roger Kundert erinnert sich:

“Vor allem das Konditionstraining, was schon damals nicht besonders beliebt war bei den Spielern, konnte er uns dank seiner aufgestellten, lustigen und humorvollen Art richtig gut schmackhaft machen. Er brachte vom Boxen her neuen Wind ins Training. Er legte viel Wert auf Ausdauer und die Stärkung der Bauchmuskulatur, was beides zuvor vernachlässigt wurde.”

Glättli war bei der Mannschaft sehr beliebt und stets für ein Spässchen zu haben. FCZ-Spieler Maissen und Assistenztrainer Glättli beim Blödeln am Swimmingpool in Larnaka, 1982. FCZ footballer Maissen and assistance coach Glättli fooling around by the swimming pool in Larnaca, 1982
Uefa-Cup 1982/83: Ferencvaros Budapest — FC Zürich; FCZ-Trainerbank mit Burgermeister, Jeandupeux, Glättli #Uefa-Cup 1982/83: Ferencvaros Budapest — FC Zürich; FCZ coaching bench with Burgermeister, Jeandupeux, Glättli

Am 27. Juni 1981 stand Glättli in Schweden gegen Malmö FF erstmals als Cheftrainer in einem Pflichtspiel an der Seitenlinie. Es folgten drei weitere Partien in dieser Rolle. Kundert über den für Glättli grossen Moment:

“Cheftrainer Daniel Jeandupeux weilte noch in den Ferien. Er hat sich sehr konzentriert und gewissenhaft auf das Spiel vorbereitet und die Aufgabe trotz 1:2 Niederlage bravourös gemeistert. Wir Spieler haben ihn voll akzeptiert. Er war eben immer da, wenn man ihn brauchte.”

Wer über Glättlis Zeit beim FCZ erzählt, kommt rasch auf die Trainingslager in Afrika zu sprechen.

Der FCZ auf Afrikareise 1982. Peterhans (2.v.l.), mitte stehend Jerkovic, Moser, Glättli, Schönenberger, Lüdi.

Nochmals Kundert:

“Wir waren auf Safari in Simbabwe und stiegen aus den Fahrzeugen, um nach wilden Tieren Ausschau zu halten. Glättli lief zu einem Busch, aus dem eine grosse Schlange kroch. Er erschrak und fiel zu Boden. Es war eine lustige Zeit mit ihm und er hatte es auch schön mit uns. Er genoss es, wieder etwas in der Öffentlichkeit zu stehen. Er kam auch viel mit uns Spielern in den Ausgang.”

Der FCZ auf Afrikareise. Cocktailparty. Glättli rechts stehend mit Trinkhalm. Daneben Torhüterlegende Karl Grob.

Für das Modehaus modissa und weitere Geschäfte der Stadt war Glättli über 50 Jahre und bis zuletzt als selbstständiger Scheibenputzer unterwegs. Der damalige FCZ Clubsekretär und Leiter Spielbetriebe Erich Schmid erinnert sich:

“Glättli kam jeweils mit der Putzleiter auf dem Auto ins Training.”

Für die Spieler kein Problem. Für sie war er eben ein Hansdampf in allen Gassen. Sämi Baumberger von modissa:

“Heini war der Mann, der rund um die Uhr für unser Unternehmen zur Verfügung stand. Er gehörte zu uns, er war über all die Jahre ein Freund des Hauses. Alle haben ihn geliebt. Er fehlt, auch beim gelegentlichen Morgenkaffee.”

Geputzt hat er auch die Scheiben von Ochsner Shoes, MR.X Männermode vom damaligen FCZ Präsi Alfred Zweidler und von Cicos Mode, dessen damaliger Besitzer Fernando Civatti Glättli als beliebten und sehr seriösen Arbeiter in Erinnerung behält.

Im Letzigrund, jeden Donnerstagmorgen, traf man sich mit Freunden aus dem FCZ-Umfeld zum Plauschmätschli. “Club 74” nannte sich die Truppe. Glättlis Freund und Weggefährte Hermann Burgermeister erinnert sich:

“Bernhard Russi, die Bobfahrer Erich und Peter Schärer, Sechstagerennen-Seriensieger Fritz Pfenninger, FCZ-Mannschaftsarzt Ruedi Raschle, Timo Konietzka, Glättli und ich kamen in die Trainings. Wir spielten auch an Wohltätigkeitsturnieren mit.”

Im Cafe Uetli an der Kalkbreitestrasse, jeweils morgens um 10 am Stammtisch, traf sich Glättli mit ehemaligen Zürcher Sportgrössen und Freunden. Traditionsgemäss auch am Weihnachtstag. Dabei jeweils u.a. Burgermeister und die Radprofis Heinemann und Freddy Eugen.

Der Stammtisch und sein Faible für schöne Serviertöchter führten Glättli zur Familie der Alemannis. Jill, Hotelfachangestellte im Forum an der Langstrasse, hatte es ihm angetan und als der Italiener Diego in ihr Leben trat, gab er beim ersten Treffen im Volkshaus seinen väterlichen Segen:

“Das ist ein Guter. Den musst Du nehmen.”

Für Diego war es so, als müsste er beim Schwiegervater um die Hand seiner Jill anhalten. Jill und Diego heirateten am 13. Mai 2011, exakt fünf Jahre nach dem der FCZ in Basel legendär nach 1981, damals mit Glättli als Co-Trainer, endlich wieder einen Meistertitel feiern konnte. Der FCZ-Kreis schloss sich und die beiden Buben der Alemannis, Gaetano und Damiano, wer weiss, bilden dereinst vielleicht eine gefährliche Flügelzange im Spiel des Stadtclubs.

Heini war ein liebevoller und verlässlicher Freund zum Pferde stehlen, über den Baumi (modissa) heute sagt, über den alle heute sagen, er war lustig und er war einer von uns. Er ist am 26. Mai im Alter von 85 Jahren in Zürich kinderlos verstorben.

Beat Hürlimann, Zürich, 11. Juni 2019

Beat Hürlimann

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