Goat-Content und Kulturjournalismus

Die Woche fängt gut an. Wie jeden Morgen stelle ich zum Frühstück das Küchenradio an, erst Deutschlandfunk, dann Deutschlandradio Kultur. Dort spricht der Lesart-Moderator Frank Meyer mit der hauseigenen Kulturredakteurin Svenja Flaßpöhler über ihren früheren Bericht von den Auseinandersetzungen auf der Buchmesse.

Sie habe viel Kritik für ihren Bericht bekommen. Gegenstand der Kritik ist wohl vor allem der Begriff „Linksextreme“ gewesen, mit dem sie die Demonstranten auf der Buchmesse belegte. Sie rechtfertigt die Verwendung des Begriffs: Linksextreme sind für sie „Linke, die sich extrem verhalten“. Und das hätten die Demonstranten auf der Buchmesse bei der Veranstaltung mit Caroline Sommerfeld („promovierte Philosophin“) getan. Flaßpöhler hatte die Beiträge auf der Veranstaltung gerne hören wollen, um zu verstehen, „wie eine promovierte Philosophin durch die Flüchtlingskrise so verunsichert wird, dass sie dann tatsächlich vor zwei Jahren zu den Identitären übergewechselt ist“. Der neben ihr stehende „linke Aktivist“ habe gerufen: „Hau ab, Kubitschek, mit dir rede ich nicht!“ Für Flaßpöhler ist das identisch mit dem, was die Menschen z. B. in Bitterfeld bei den Auftritten von Angela Merkel getan hätten: Die Gesellschaft sei nicht mehr in Rechts und Links gespalten, sondern in „die, die noch bereit sind, zuzuhören und verstehen zu wollen und die, die nicht mehr bereit sind, zuzuhören und verstehen zu wollen.“

Hier zeigt sich eine Haltung, die von Inhalten absehend die formale Übereinstimmung rechter und linker Aktionsformen nimmt, um beide allumfänglich gleichzusetzen. Es ist dann egal, ob Linke etwa gegen rassistische, antisemitische Äußerungen oder Auftritte von Neo-Nazis anbrüllen, oder ob Rechte die Bundeskanzlerin anbrüllen, weil die einem der reichsten Länder der Welt zumutet, Flüchtlinge aufzunehmen. Vielleicht handelt es sich dabei nur um die déformation professionnelle einer Kulturjournalistin in der arbeitsteiligen Gesellschaft, die Flaßpöhler hier zum reinen Formalismus treibt, vielleicht ist es aber auch ein Beispiel für das, was in der Auseinandersetzung mit der erstarkenden Rechten gerade falsch läuft: Es geht eben nicht darum, diese neuen Rechten, die so neu nicht sind, zu verstehen.

Die Faszination, die die vermeintlichen rechten Vordenker von Schnellroda auf den Kulturjournalismus ausüben (Diese süßen Ziegen!), ist ein erschreckendes Beispiel dieses Verstehen-Wollens, das nur Aufmerksamkeit für rechte Positionen schafft und sie vom Inhalt absehend als gleichwertige Positionen im Kulturgespräch (“promovierte Philosophin”) marktfähig macht. Arno Frank hat in der taz auf den Punkt gebracht, was es an den nun von allen Seiten als neu auf den Markt getragenen rechten Positionen zu verstehen gibt: nichts. Frank schreibt:

Es steckt im Neuen Ungeist einfach kein Geist, mit dem eine Auseinandersetzung sich lohnen würde. Wer sich mit der Selbstentfremdung und den Untergangsängsten des Bürgertums befassen möchte, meint Volker Weiß, ‚kann bereits im gut sortierten Bücherregal seiner Urgroßeltern fündig werden. Oder antiquarisch.’ Inhaltlich und ästhetisch ist Kubitschek nicht einmal ein Epigone von Ernst Jünger, sondern von dessen verstoßenem Privatsekretär Armin Mohler — also der zweite Aufguss eines zweiten Aufgusses, in der Tat ‚dünnes Zeug’.

Wer glaubt, an Kubitschek und Co etwas verstehen zu müssen und so tut, als passiere da nennenswert Neues, der muss bisher auf dem rechten Auge blind gewesen sein. Anders ist die aus vielen Berichten aus Schnellroda sprechende Verwunderung über die Existenz rechter Bücher, Leser und Autoren und die heimliche Bewunderung für deren aufmerksamkeitsökonomischen Erfolg, den man selber befeuert, nicht zu erklären. Wer immernoch glaubt, dass die Entwicklung einer “promovierten Philosophin” zur rechten Publizistin etwas irgendwie Verwunderliches ist, der muss ganze Regale voller rechter Literatur übersehen haben, die deutsche Akademiker seit eh und je produziert haben.

Heute wie früher kommt es darauf an, wirksame Gegenmittel gegen die Rechten mit und ohne Doktortitel zu finden. Den Rechten aus Schnellroda fasziniert-schaudernd zuzuhören und sie so groß zu machen, gehört definitiv nicht dazu. Man muss diese Rechten nicht verstehen, man muss sie effektiv bekämpfen. Verstehen, zuhören, miteinander reden — das wollen die schließlich nur, solange sie nicht an der Macht sind.

Das ist kein Geheimnis, sondern der Inhalt rechter Positionen. Betrachtete man ihre Äußerungen nicht rein formal als gleichberechtigte Positionen auf dem Meinungs- oder Weltdeutungsmarkt, sondern nähme sie inhaltlich ernst, sähe man das. Man muss Joseph Goebbels (1922 zum Dr. phil. promoviert) nicht verstehen wollen, um die Aktualität dessen zu sehen, was er 1935 in einer Rede sagte:

Wenn unsere Gegner sagen: Ja, wir haben Euch doch früher die […] Freiheit der Meinung zugebilligt — –, ja, Ihr uns, das ist doch kein Beweis, daß wir das Euch auch tuen sollen! […] Eure Dummheit braucht doch nicht auf uns anstreckend wirken! […] Daß Ihr das uns gegeben habt, — das ist ja ein Beweis dafür, wie dumm Ihr seid!

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Die Lesart-Sendung lässt sich in der Mediathek von Deutschlandradio Kultur nachhören. Der bezeichnende Titel lautet: Bücher, Partys und Kontakte — Wie war’s auf der Buchmesse?

Der taz-Artikel von Arno Frank ist hier zu finden: http://taz.de/Rechte-Verlage-auf-der-Buchmesse/!5452553/

Die Rede von Goebbels vom 4. Dezember 1935 findet sich in Helmut Heiber (Hrsg.): Goebbels-Reden, Band 1, Düsseldorf 1971, S. 272. Den Originalton findet man unter: https://www.sr-mediathek.de/index.php?seite=7&id=37143 (ab 00:15:05)