Notiz zum Wort des Jahres

»Postfaktisch« hat es zum Wort des Jahres geschafft. Das ist nicht besonders überraschend, bietet das damit verbundene Konzept doch eine vereinfachende Erklärung für das (Wahl-)Verhalten derjenigen, die man nun, nachdem sie sich in die Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit zurückgearbeitet haben, als »die Abgehängten« zu bezeichnen pflegt. Dabei bleibt offen, ob sie nun selber Schuld an dieser Abkopplung haben (»Ewiggestrige« nennt man sie dann), oder doch (wovon oder von wem?) abgehängt wurden.

Vereinfachend ist die Erklärung deshalb, weil sie in der Gegenüberstellung von Emotionalem und Faktischem — nach dem einen handelten die ›Postfaktischen‹ angeblich, nach dem anderen sollten sie dem Willen ihrer Kritiker nach handeln — behauptet, es gäbe so etwas wie problemlos einholbare und dann für die politische Meinungsbildung festzuhaltende Fakten. Diese Annahme ist die erkenntnistheoretische Entsprechung zur politischen Alternativlosigkeit Merkels: Was oberflächlich der Fall ist, wird für die Wahrheit gehalten, ohne dass es als Vermitteltes erkannt würde. So erscheint es als zwangsläufig; Politik wird alternativlos.

Um dieser Vereinfachung zu entgehen, müsste Erkenntniskritik geübt werden. Das hieße, die gesellschaftliche Bedingtheit von Erkenntnis zu erinnern. Man käme dann den Schwierigkeiten näher, die sich ergeben, wenn das Erkenntnisobjekt — in diesem Fall Gesellschaft — sich der Vernunft entzieht. Wo sich, angesichts der Unvernunft der gesellschaftlichen Vermittlung, Erfahrung nicht zu einer Erkenntnis synthetisieren lässt, die von sich behaupten könnte, objektiv wahr zu sein, bleibt alles, außer der bestimmten Negation, partikulare Meinung des Subjekts.

Wer nun nach einfachem Halt sucht, den die bestimmte Negation nicht bietet, hat keinen außer den seiner Meinung, die deswegen als unanfechtbar von Erfahrung und unbedingt gültig behauptet werden muss. Dies ahnen Böhmermann und seine Autoren trotz ihrer Faszination für das Konzept vom ›Postfaktizismus‹, wenn sie Hans Meiser als »kleinen Mann« das Mantra in den Mund legen: »Meine Meinung, meine Meinung!« Meinungsfreiheit wird missverstanden als Freiheit davon, die eigene Meinung der Kritik aussetzen zu müssen. Diese nicht mehr hinterfragbare, also pathische Meinung ist nicht ›postfaktisch‹ und auch nicht neu. Sie tritt im 21. Jahrhundert lediglich in anderer Form auf als im vorigen. Über ihre Mobilisierung durch personalisierte Wahlwerbung wird zurzeit an anderer Stelle diskutiert.