Kostprobe „Epiphania“, die erste: Karneval in Köln

11.11.2005, nachmittags
Köln, Straßenbahn, Linie 1, irgendwo zwischen Lindenthal und Heumarkt

Nein. Niemals werde ich diesem Tag etwas abgewinnen. Auch wenn ich in Köln geboren bin und mich hier eigentlich ganz wohl fühle. Aber an Karneval hasse ich diese Stadt, die sich dann in eine Mischung aus Müllhalde und Ballermann verwandelt. Und das auch noch bei so schlechtem Wetter wie heute. Es ist Nachmittag und es regnet. Wie so oft im November. Naja, im Oktober eigentlich auch, und im Sommer sowieso. 
Während ich so in der Straßenbahn stehe, beschleicht mich schnell der Verdacht, dass es eine Schnapsidee war, Peters Einladung zu seinem „Anti-Karnevals-Stars-Wars-Marathon“ anzunehmen. Der Teil mit Star Wars (natürlich nur die alten Filme!) ist eigentlich gut. Der Teil mit „bei Peter“ ist es nicht. Denn er beinhaltet, dass ich mich an diesem Tag, an dem ich normalerweise nicht einmal den Müll runterbringen würde, mitten in die Stadt begeben muss. Zu allem Überfluss wohnt Peter auf der anderen, also auf der rechten Rheinseite — der lustige Karnevalist würde jetzt wohl kaum verständlich „op dr Schäl Sick“ lallen. Das heißt, dass ich die Straßenbahn nehmen muss, um von meiner Wohnung zu seiner zu kommen.
Und da stehe ich jetzt — denn an Sitzen ist natürlich am 11.11. nicht zu denken. Neben mir steht ein Mann in einem Bananenkostüm, der auf seinem Fahrrad einen Kasten Reissdorf Kölsch transportiert. Der Kasten ist noch voll. Für ihn fängt die Party offensichtlich erst an. Gegenüber steht ein Pärchen mittleren Alters: Er, grauer Schnauzbart und getönte Brille, als Cowboy und sie, blondierte Haare, als Indianerin verkleidet. Unter dem karierten Hemd des Mannes zeichnet sich sein Bierbauch ab. Der Biene, die etwas weiter hinten am Fenster sitzt, geht es nicht mehr sehr gut. Der Haarreif, an dem nur noch einer der ursprünglich vermutlich einmal zwei Fühler aus schwarzen Pfeifenputzern klebt, hängt ihr schief ins Gesicht. Mit der einen Hand stützt sie ihren Kopf, die andere hängt schlaff von der Schulter in einer Ketchuplache auf dem Nebensitz. 
Auf einem der anderen Plätze sitzt ein Pirat und schläft. Der war schon hier drin, als ich in Lindenthal in die Bahn eingestiegen bin. Wahrscheinlich sitzt er schon seit über einer Stunde da und hat seine Station bereits zum zweiten Mal verschlafen.

Am Heumarkt steigt die Banane aus. Dafür steigen drei Halbstarke ein, die sich als Teenage Mutant Hero Turtles verkleidet haben. Wo ist Donatello, fragt man sich. Mit ihnen kommen unter anderem noch ein weiterer Cowboy, zwei Krankenschwestern, ein Arzt und ein Bernhardiner, der ein Branntweinfässchen mit der Aufschrift „Escht Kölsche Bergrettung“ um den Hals hängen hat, dazu. Aus dem Fässchen ragt ein Schlauch, der direkt in seinen Mund führt. Seinem Blick nach zu urteilen hat er sich schon mehrfach selbst gerettet. 
Kurz nachdem die Bahn abgefahren ist, klingelt das Handy von einem der Turtles — von Leonardo, um genau zu sein.
„Waaaaas? Wo seid ihr?“, schreit er so laut in den Apparat, dass es wahrscheinlich der ganze Zug hört. Sogar der Pirat schreckt plötzlich auf, sieht sich um, nuschelt noch kurz „Wasnlosmannschreidochnichsorum“ und nickt dann wieder ein. Seine Alkoholfahne zieht bis zu mir rüber. Der Bierbauch-Cowboy wirft seiner Frau einen vielsagenden Blick zu.
„Neeeee, wir sind jetzt gleich in Deutz. Komm halt nach, du Otto.“
Leonardo legt auf und wendet sich seinen Kumpanen zu.
„Ey, der Lars, der Vollpfosten, ist in Ehrenfeld, Mann. Voll in die falsche Bahn gestiegen.“
Damit dürfte dann wohl auch das Abbleiben von Donatello geklärt sein. Die drei kichern.
Am Deutzer Bahnhof steigen die Turtles aus — was der Bernhardiner mit einem verächtlich gezischten „Voll die Spastis“ kommentiert. Auch der Arzt und eine der Krankenschwestern verlassen die Bahn. Jetzt erst fällt der Indianerin der zweite Cowboy auf.
„Guck mal, Hachtmut, da ess noch ene Cowboy“, sagt sie und zeigt auf den jungen Mann (übrigens ohne Schnauzbart und auch ohne Bierbauch), der lustlos auf den Boden starrt.
„Nit datt do mer noch fremd jehst“, dröhnt der Cowboy (also der mit Schnauzbart) und lacht dann laut los. So laut, dass der Pirat wieder aufwacht und sich verschreckt umschaut.
Ich frage mich, wieso ich meinen MP3-Player mit den Kopfhörern zu Hause gelassen habe.

Zum Glück sind wir schon bald an Kalk-Post angekommen und ich steige aus. Die Treppen hoch, am Büdchen vorbei, raus auf die Straße. Als ich dort ankomme, strömt mir kalte Luft entgegen. Jetzt fällt mir erst auf, wie stickig und alkoholgetränkt die Luft in der Bahn wirklich war.
Ich laufe ein Stück die Kalker Hauptstraße entlang. Komisch. Ich war noch nie an Karneval hier. Naja, wenn Peter nicht hier wohnen würde, wäre ich wahrscheinlich nie hier. Peter ist mein bester Freund. Eigentlich eine Mischung aus großem Bruder und bestem Freund, wenn man diesen Unterschied überhaupt machen muss. Naja, mit einem großen Bruder prügelt man sich wahrscheinlich gelegentlich, mit einem besten Freund nicht. Wir kennen uns schon seit der Schule. Richtig gut befreundet sind wir eigentlich erst seit der Oberstufe, weil wir vorher in unterschiedlichen Klassen waren. Ich bin so froh, dass wir jetzt beide an der Uni an der selben Fakultät studieren, weil wir uns dadurch jetzt immer noch fast täglich sehen.
Peter wohnt in der Kalker Hauptstraße. Direkt gegenüber von seiner Wohnung auf der anderen Straßenseite ist ein Büdchen, das bis spät in die Nacht offen hat und Bier und Knabberzeug oder auch Energy Drinks — je nachdem, ob gerade Filmabend oder Klausurphase angesagt ist — verkauft. Der Verkäufer, Adil, ist ein freundlicher Mann, der uns mittlerweile schon kennt und uns manchmal sogar noch ein Kölsch oder Schokolade umsonst mit auf den Weg gibt. Als letztes Jahr die Nazis hier in der Straße demonstriert haben, hat er den Gegendemonstranten kostenlos Wasserflaschen ausgeteilt, damit sie den Tag gut überstehen.
Schon bin ich an Peters Haus angekommen und drücke auf die Klingel. Der Summer ertönt und ich nehme die Treppenstufen hoch bis in den dritten Stock, wo er wohnt. Dass aber auch alle meine Freundinnen und Freunde mindestens im zweiten Stock wohnen müssen…

Fortsetzung folgt (?)

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