Köln vs. Cork: Der ultimative Städtevergleich

„Was hat denn Köln mit Cork zu tun?“, mag sich manch einer fragen, der diese Überschrift liest. Wer so etwas fragt, war freilich entweder noch nie in Köln oder noch nie in Cork, möglicherweise sogar weder in Köln noch in Cork. Höchste Zeit, diesem Umstand Rechnung zu tragen und all jenen Menschen diese beiden Städte — zumindest mit Worten — ein wenig näher zu bringen. Denn es wird sich zeigen, dass sie sich doch ähnlicher sind, als man zunächst glauben mag.
Die auffälligste Ähnlichkeit offenbart sich dem nach Cork reisenden Kölner (oder umgekehrt), sobald er das erste Mal Kontakt mit Einheimischen hat: Es ist die unbändige und — das muss leider gesagt werden — objektiv so gar nicht nachvollziehbare Liebe zur eigenen Stadt. Sie äußert sich in der standhaften und unverwüstlichen Überzeugung, dass der eigene Wohnort die wahre Hauptstadt des gesamten Landes, ja eigentlich doch der Mittelpunkt der Welt sei, und dass es auf dem ganzen Planeten keinen einzigen Ort gebe, der diesem Kleinod an städtebaulicher Kunst auch nur ansatzweise das Wasser reichen könne. 
Man sollte niemals, wirklich niemals einem Kölner sagen, dass beispielsweise die Bahnen unpünktlich sind oder der Dom mit dem Baugerüst doch eigentlich gar nicht so beeindruckend aussieht. Meckern über Köln, das darf nämlich nur der Kölner selbst. Auch der Corkonian wird auf Hinweise darauf, dass man bei 125.000 Einwohnern jetzt noch nicht wirklich von einer Metropole sprechen kann, mit Unverständnis reagieren. Das Schlimmste daran ist, dass man das diesen Menschen noch nicht einmal richtig übelnehmen kann, weil sie das alles so ernst meinen und überhaupt dafür einfach viel zu liebenswürdig sind. Der rheinische Frohsinn ist nicht umsonst bis ins südliche Baden bekannt und irische Städte erzielen bei Umfragen unter amerikanischen Touristen, wo die freundlichsten Menschen der Welt sind, nicht ohne Grund Spitzenplatzierungen.
Insofern passt es einfach gut zusammen und ist wohl keinesfalls reiner Zufall, dass Cork und Köln sogar ganz offiziell Partnerstädte sind. Eine direkte Flugverbindung zwischen den beiden Städten (der Kölner muss dafür ins so verhasste Düsseldorf oder der Corkonian in die viel zu britische Hauptstadt Dublin fahren) gibt es nichtsdestotrotz nicht.

Partnerstadt hin, Partnerstadt her — auch zwischen Köln und Cork gibt es doch einige Unterschiede, über die man sich vor der Reise in eine der beiden Städte (am besten natürlich in beide) im Klaren sein sollte. Beginnen wir nun also den ultimativen Städtevergleich in insgesamt 15 Kategorien, durchgeführt von einem, der beide Städte (zur Genüge, möchte ich beinahe anfügen) kennt. In der einen Ecke also Köln, die einst von den Römern als CCAA (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) gegründete Domstadt, in der andere Ecke Cork, „The Rebel City“. Wer hat am Ende die rote Nase vorn? Beginnen wir mit den Kategorien:

1. Architektur:
Köln hat den Dom. Cork hat eine Kirche, die aussieht wie ein verunglückter Geburtstagskuchen. „Church of Christ the King“ heißt sie übrigens, falls jemand wirklich dorthin möchte. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.
Vorteil Köln

2. Viertelkultur:
Köln hat eine äußerst lebendige Viertelkultur. Was dem Spanier oder Lateinamerikaner sein barrio ist, ist dem Kölner sein Veedel. In zahlreichen Liedern hat er es besungen. Dabei hat tatsächlich jeder der insgesamt 86 Stadtteile (verteilt auf neun Stadtbezirke) seinen ganz eigenen Charakter in puncto Klientel, vorherrschender Gastronomie und parteipolitischer Präferenz. In Cork hingegen sieht es überall gleich aus, nämlich ungefähr so aus wie in Köln-Porz — nur ohne Saturn.
Vorteil Köln

3. ÖPNV:
In Köln gibt es ein Ungetüm auf Schienen, das sich nicht entscheiden kann, ob es eine Straßenbahn oder eine U-Bahn sein möchte. Für die Feinjustierung und weniger erschlossene Stadtbezirke (z.B. Köln-Porz) gibt es Busse. Bahn und Bus fahren unter der Woche tagsüber alle 10 Minuten, also in etwa so häufig wie in einer richtigen Großstadt (z.B. Barcelona) am Sonntagabend nach 20 Uhr, und kommen grundsätzlich zu spät, gar nicht, sind voll, oder die Klimaanlage ist kaputt. Letzten Endes zahlt man rund 80 Euro für ein Monatsticket, um am Ende doch das Taxi zu bestellen, um rechtzeitig anzukommen. 
In Cork gibt es Busse, die unter der Woche tagsüber alle 20–30 Minuten fahren, also in etwa so häufig wie in einer Kleinstadt (z.B. Köln) an Heiligabend. Die Busse sind — man ahnt es schon — grundsätzlich zu spät, zu früh, oder es regnet durch das Dach hinein. In manchen gibt es immerhin W-LAN, welches man benutzen kann, um festzustellen, dass die ÖPNV-App falsche Uhrzeiten anzeigt. Letzten Endes zahlt man 80 Euro für ein Monatsticket, um am Ende doch zu laufen. Gut für die Gesundheit.
Unentschieden

4. Straßen:
In Köln muss man mit jedem Schritt aufpassen, dass man nicht über einen losen Pflasterstein stolpert oder mit einem ganzen Bein in einem Loch im Asphalt einsinkt (ist mir schon passiert!). Die Straßen sind überall zu eng, und das bisschen Platz, das noch übrig ist, wird von Fahrrädern oder Außengastronomie blockiert. Überholen unmöglich. In Cork muss man mit jedem Schritt aufpassen, dass man nicht über einen losen Pflasterstein stolpert oder in Hundescheiße tritt. Die Straßen sind überall zu eng, und das bisschen Platz, das noch übrig ist, reicht sowieso nicht zum Überholen. Das ist zum Glück auch nicht so häufig notwendig wie in Köln, weil die Menschen in Irland recht schnell zu Fuß unterwegs sind (vielleicht wegen des verspäteten Busses, s.o.).
Unentschieden

5. Fußball:
Köln hat den FC, ergo: den besten Fußballverein der Welt mit dem besten Maskottchen der Welt, dem Geißbock Hennes. Der FC hätte 1986 fast ein UEFA-Pokalfinale gegen Real Madrid gewonnen. Cork hat eine Fußballmannschaft namens Cork City, die bis vor kurzem eine Wurstfabrik als Trikotsponsor hatte und in der Qualifikation für die Europa League 2015/2016 gegen KR Reykjavik ausgeschieden ist.
Vorteil Köln

6. Eishockey:
Köln hat nicht nur den besten Fußballverein der Welt, sondern auch den besten Eishockeyverein der Welt, nämlich den KEC bzw. die Kölner Haie. Die Haie waren bisher 8mal deutscher Meister. In Cork gibt es zwar manchmal Glatteis, allerdings überhaupt keinen professionellen Eishockeyverein.
Vorteil Köln

7. Dialekt:
Köln ist in ganz Deutschland berühmt für einen verrückten Dialekt mit einem besonders ausgeprägten Singsang. Cork ist in ganz Irland berühmt für einen verrückten Dialekt mit einem besonders ausgeprägten Singsang. 
Unentschieden

8. Musik:
In Cork singt man irische Traditionals. In Köln singt man irische (und bisweilen auch schottische) Traditionals, verpasst ihnen einen kölschen Text und tut dann so, als seien sie immer schon kölsch gewesen, um vor seinen Bekannten aus Hamburg, Darmstadt oder Bayreuth mit der reichen Fülle an genuin kölschem Liedgut anzugeben. So wird aus „I’m a rover“ kurzerhand „Isch ben ne Räuber“, welches zu Karneval (siehe auch: Naturkatastrophen) zum Besten gegeben wird. Clever. Fast hätte es keiner gemerkt.
Vorteil Cork

9. Trinkkultur:
In Köln trinkt man obergäriges Bier aus viel zu kleinen Gläsern (vulgo: Stange oder auch Reagenzglas) und ist der festen Überzeugung, dass alle anderen biertrinkenden Menschen in Europa kulturlose Alkoholiker sind. Wobei die schlimmsten Barbaren aus Kölner Sicht natürlich die Düsseldorfer sind, die ein ebenfalls obergäriges Bier aus exakt gleich großen Gläsern trinken. In Cork trinkt man Bier aus viel zu großen Gläsern (vulgo: Pint) und ist der festen Überzeugung, dass alle anderen biertrinkenden Europäer Engländer sind, die nichts vertragen.
Unentschieden

10. Wetter:
In Köln regnet es die ganze Zeit und im Sommer ist es so unerträglich schwül, dass man sich nicht vor die Tür traut. In Cork regnet es die ganze Zeit und es gibt überhaupt keinen Sommer.
Unentschieden

11. Naturkatastrophen:
In Köln verursacht der Rhein, von den Einheimischen liebevoll „Vater Rhein“ genannt, ständig Hochwasser. Warum man eine braune Brühe, die einem regelmäßig die Keller überflutet, als Vater bezeichnet, erschließt sich dem Nicht-Kölner nicht so ganz und bedürfte wohl einer ausführlicheren psychoanalytischen Untersuchung, an der Sigmund Freud … nun ja … seine helle Freude hätte. In Cork verursacht der River Lee (warum das „River“ offensichtlich immer mitgesprochen wird, erschließt sich dem Nicht-Corkonian nicht so ganz) ebenfalls ständig Hochwasser. Sigmund Freud war übrigens wirklich einmal in Köln. Ob er auch in Cork war, ist nicht überliefert. Ist vielleicht auch besser so.
Eine weitere besonders schlimme — weil regelmäßig wiederkehrende — Naturkatastrophe in der Domstadt ist der Karneval. In Cork gibt es keinen Karneval.
Vorteil Cork

12. Fauna:
In Köln gibt es Hunde, die die Straßen vollkacken, und Tauben, die die Brücken (und einmal — an der Haltestelle Dasselstraße/Bahnhof Süd, falls es jemand genau wissen will — sogar meinen ehemaligen Mitbewohner M.) vollkacken. In Cork gibt es Hunde, die die Straßen (und unseren Vorgarten) vollkacken, aber außerdem noch Saatkrähen, große Möwen, die vom Meer erzählen, Bachstelzen, die lustig laufen, und Seehunde.
Vorteil Cork

13. Gastronomie:
In Köln ist der „Halve Hahn“ zwar nicht vegan, aber doch zumindest vegetarisch. Außerdem gibt es hier das netteste vegane Café der Welt. In Cork gibt es beim Inder oder beim Chinesen Pommes als Beilage und viele Leute bestellen das auch noch allen Ernstes.
Vorteil Köln

14. Karriere:
In Köln kann man an der Universität Politikwissenschaft, Geschichte oder Soziologie studieren, einen Katalanisch-Kurs besuchen und dann nach Cork auswandern, um dort in einem Call Center zu arbeiten. In Cork kann man an der Universität Politikwissenschaft, Geschichte oder Soziologie studieren, einen Katalanisch-Kurs besuchen und kann direkt in einem Call Center anfangen, ohne umziehen zu müssen. Praktisch.
Vorteil Cork

15. Überlebenschancen bei einer Zombie-Apokalypse:
In Köln könnte man (und würde man vermutlich auch) zur kölschen Universallösung gegen alles Übel dieser Welt greifen und versuchen, ein großes Fest mit Luftballons, Kölsch, Schunkeln und genuin kölschem Liedgut (s.o.) zu veranstalten — in der Hoffnung, dass das die Zombies vertreibt. Alternativ könnte man auch einen nicht gewünschten Stadtteil (z.B. Köln-Porz) quasi als Bauernopfer an die Angreifer opfern. Ob die sich damit zufrieden geben, ist jedoch fraglich. In Cork hingegen könnte man aus einem reichhaltigen Erfahrungsschatz aus dem jahrhundertelangen Kampf gegen den britischen Imperialismus schöpfen und ist somit bestens auf Angriffe jedweder Invasoren vorbereitet.
Vorteil Cork

Endergebnis:
5:5. Unentschieden! Jegliche Vorwürfe, ich hätte die Kategorien absichtlich so gewählt, dass dieses Resultat herauskommt, weise ich natürlich aufs Allerschärfste zurück.

Fazit:
Bei näherer Betrachtung sind Köln und Cork Dörfer. Dörfer, die dennoch über alle Maßen davon überzeugt sind, die schönste Stadt der Welt zu sein. Es könnte sich dennoch für beide lohnen, die Devise „Hinger Kölle fängk dr Dschungel an“ einmal hinter sich zu lassen und die Welt zu erkunden. Wahrscheinlich würden sich Kölner und Corkonian beim gemeinsamen Warten auf verspätete Busse und Bahnen näher kennen und lieben lernen. 
Um das zu intensivieren, rege ich eine direkte Flugverbindung zwischen Köln und Cork an. Am besten nicht mehrmals am Tag, denn die Reisegäste könnten mit der plötzlichen Häufigkeit von Verbindungen überfordert sein — sie kennen es ja aus ihrer Stadt nicht. Auf der Fahrt könnte man dann abwechselnd ein irisches Lied und anschließend die kölsche Version desselben Liedes spielen und sehen, ob es überhaupt irgendjemand bemerkt. Zum Trinken gäbe es Murphy’s für die Kölner, Kölsch für die Corkonians und Barry’s Tea für den Piloten und die Kinder.

Nä, wat es dat schön. That’s the story.