Alles nur abhängig vom Ersteindruck? Ist bereits vorherbestimmt, was du leisten kannst?

TL;TR — Man sagt: Kleide dich nicht für die Position die du hast, sondern für die, die du willst. Macht man sich darüber weitreichendere Gedanken, merkt man, wie fundamental richtig diese Aussage ist und wie fundamental katastrophal das für die Performance eines Unternehmens und auch das Land sein kann.

Beeinflussung durch Erfahrung

Dan Ariely und Kollegen haben einmal ein Experiment mit Bier und Studenten gemacht. Sie stellten den Studenten zwei kleine Kostproben Bier zur Verfügung. Nach der Verkostung sollten die Probanden mitteilen, welches Bier ihnen besser gefiel, woraufhin sie ein gratis Exemplar davon erhielten. Kostprobe Eins war ein handelsübliches Bier, Kostprobe Zwei das gleiche Bier mit ein paar Tropfen Balsamico Essig (20 Tropfen auf 0,3L).

  • Die eine Teilnehmergruppe, die ohne jegliche Information eine Blindverkostung vornahm, entschied sich in der überwiegende Mehrheit für das Bier mit Essig.
  • Die andere Teilnehmergruppe, der vor der Verkostung gesagt wurde, dass die Probe B Balsamico Essig enthält, entschied sich ganz klar für das normale Bier.
  • In einer weiteren Teilnehmergruppe, der nach der Verkostung gesagt wurde, dass die Probe B Balsamico Essig enthält, entschied sich, wie in der Blindverkostung, der überwiegende Teil für das Bier mit Essig.

Es war also relativ offensichtlich, dass nur die reine Information über den Zusatz den Geschmack der Studenten beeinflusst hat. Einfach nur das Wort “Essig” löst schon aus, dass man sich ein schlecht schmeckendes Getränk vorstellt — und so ist es dann auch, denn es wirkt…

Der Placebo-Effekt

Placebos wirken, das ist in vielen vielen Studien nachgewiesen worden. Es gab sogar ganze Operationen, die dem Placebo-Effekt unterlagen. Patienten haben das Wissen, respektive die Erfahrung, dass Ärzte einen wieder gesund machen. Alleine schon dieser Glaube, lässt die meisten Menschen wieder gesund werden, sobald sie einen Menschen in weiß in seiner Praxis besucht haben.

Bier mit Essig, das kann ja gar nicht schmecken.
Ärzte, in ihren weißen Kitteln, machen Menschen gesund.

Du siehst, worauf es hinaus läuft. Man hat die Erfahrung oder das vermeintliche “Wissen”, dass X bedeutet, dass Y eintrifft. Und so ist es natürlich auch mit jeder anderen Berufskleidung. Geh in ein Meeting, trag einen Anzug, und du wirst mit viel höherer Wahrscheinlichkeit um deine Meinung gefragt. Der Effekt wird natürlich noch durch die Körpersprache verstärkt, aber all das hat rein gar nichts mit deinem Wissen zutun. 
Und da fängt das eigentliche Problem an…

Wie der Gegenüber wirkt ist wichtiger als das, was er zu leisten im Stande ist.

Zwei erste Eindrücke wirken:

  1. Der virtuelle erste Eindruck durch Informationsbeschaffung vor dem Meeting oder ersten Treffen: Position, Hörensagen, Schulbildung (welcher Abschluss und von welcher Uni/Hochschule), etc.
  2. Der physische erste Eindruck durch Aussehen, Kleidung (Anzug=Macht/Seriös) und Körpersprache.

und dazu gesellt sich, dass…

  1. … bei guter Arbeit meist das Team als Ganzes gelobt wird, oder schlimmer, der Chef. Eine einzelne Person ganz selten, schon gar nicht vor anderen.
  2. … der erste Eindruck nur sehr schwer zu verändern ist.

Natürlich kann man immer auch positiv überraschen, das benötigt aber immer eine Portion extra Anstrengung. Vor allem, weil zunächst ein Punkt der “Verwirrung” überwunden werden muss — immerhin bricht derjenige gerade die Schublade auf, in die er gesteckt wurde.

Auf der anderen Seite kann man auch negativ überraschen, das benötigt dann aber ebenso eine Portion extra Anstrengung. Ein guter Ersteindruck täuscht gut und lange über schlechte Leistung hinweg.

Am besten ist es, wenn Verhalten und Eindruck zueinander passen, nicht, dass man mich falsch versteht, aber es wird einem die Macht in die Hand gelegt, sein Gegenüber zu beeinflussen. 
Andererseits sieht man hier jetzt das erste Problem für Unternehmen, insbesondere tritt dieses häufig in Konzernen auf: Extrem “vielversprechende” Meetings, zu denen sowieso keiner gehen will, mit lauter Menschen, die ihr gegenüber aufgrund von Kleidung oder anderen Ersteindrücken in eine Schublade gesteckt haben. Wenn der Ersteindruck also nicht zu der tatsächlichen Leistung des Kollegen passt, kann niemand eben von dieser Leistung profitieren — der Kollege wird sich in solch einem “geliebten” Meeting idR. nicht sonderlich anstrengen und die Leistung leidet unter dem Ersteindruck des Arbeitsäffchens, den er vielleicht vermittelt.
Die Spirale kann sich aber noch beliebig weiterdrehen. Wenn das Ernstnehmen auch im Alltag selten auftritt oder auf diese Personen gar nicht erst zugegangen wird, noch schlimmer sie bewusst ausgeschlossen werden, geht dem Unternehmen jede Menge Potential flöten. Irgendwann passt sich jeder Mensch an, auch der beste Mitarbeiter wird dann nur noch das, für das er gehalten wird, zum Beispiel eine Ressource die stillschweigend, kreativlos und ohne Gedanken möglichst viele Vorgaben umsetzt. Das führt mich dann auch zum Abschluss. Hier möchte ich noch kurz das Konzept Fixed- & Growth-Mindset erwähnen:

Wie das fixed Mindset im Kindesalter geprägt wird und später alle darunter leiden.

Grob gesagt ist die Unterscheidung zwischen dem Fixed- und dem Growth-Mindset, dass das Erstere glaubt, alles Potential an Fähigkeiten wäre angeboren, jede Niederlage ist die Grenze des Machbaren für einen selbst. (Näheres kann dem tollen (Höhr-)Buch von Carol Dweck — “Mindset” entnommen werden)

Welches Mindset eine Person annimmt, wird — wie vieles — in den frühen Kinderjahren entschieden (kann aber glücklicherweise geändert werden). Das ganze Schulsystem ist auf das Einprägen eines fixed Mindsets ausgelegt, zumindest 80% der Lehrer agieren so. Es ist also absolut kein Wunder, dass in Deutschland der überwiegende Großteil mit einem Fixed-Mindset lebt.

Meine Theorie ist jetzt, dass ein Fixed-Mindset, mit der Prägung durch den Ersteindruck eine fatale Kombination ist:

Mitarbeiter Mustermann hat ein fixed Mindset, hat aber sehr viel spass an seiner Arbeit, bzw. seinem Beruf, und beschäftigt sich auch in der Freizeit viel mit Themen der Arbeit und zusammenhängend weit darüber hinaus. Er hat aber aufgrund seiner durchschnittlichen Noten in der Schule und dem fehlenden Akademischen Abschluss nur eine Ausbildung durchlaufen und anschließend eine Anstellung als unterstes Zahnrad im Getriebe gefunden. Die mittlerweile große Erfahrung, die gewonnene Reife und das Engagement haben seine Leistungsfähigkeit in Bereiche steigern lassen, die sogar weit über die seines Chefs hinausgehen. Er traut sich aber nicht, seine Meinung wirklich von sich aus zu sagen, hat er doch gelernt, dass sein Potential beschränkt ist. Eine falsche Aussage könnte ein weiterer Beweis für seine “begrenzte” Leistungsfähigkeit sein. Ihn bei Themen zu Fragen die nicht seinem normalen Arbeitsbereich entsprechen: Für seinen Chef kein praktikabler Weg. Sein fehlendes Selbstbewusstsein prägt den Ersteindruck bei Meetings, sodass jede Meinung von ihm extra kritisch beäugt wird, solange bis er lieber still bleibt…

PS: Weitere Stichworte sind “Imposter Syndrom”, “Schwarmdumm” und “Fehlerkultur”. Vor allem die fehlende Fehlerkultur und die abtrainierte Kreativität sind ein großes Problem für die Etablierung neuer (innovativer) Geschäftsideen in Deutschland.