Mobile first?
Nein Consumer first!

Brauche ich überhaupt eine Mobile Webseite & Marketing Ausrichtung?

„Wir müssen sowas auch haben“

In den letzten Jahren hat sich der Ansatz “mobile first” beim Aufbau von Webseiten, Accounts oder Strategien festgesetzt. Aber weder ist jedes Unternehmen oder jedes Produkt für „mobile“ geeignet, noch ist dieser Ansatz sehr modern, geschweige denn Kundenorientiert.

Als ich um das Jahr 2000 meine ersten Erfahrungen mit dem Aufbau von Webspräsenzen gesammelt habe war die Losung „Wir müssen sowas auch haben“, später als Foren und Communities in Mode kamen sagten die Chefs „Wir gründen eine Community“, als dann soziale Netzwerke auf der Bildfläche erschienen hieß es auf einmal „brauchen wir denn noch eine Webseite, wir haben doch ein Facebook“. Und nun ist es eben das Schlagwort „mobile first“, das als Heilsbringer auserkoren wurde.

Doch schaut man sich diesen Ansatz mal genauer an, merkt man schnell, dass es heutzutage gar nicht mehr um die Frage mobil oder immobil geht. Es gilt viel weitreichendere Fragen zu beantworten.

„.ist mein Kunde ein Gerät?“

Wir wissen längst „mobile“ ist nicht gleich „mobile“! Und mal ehrlich, ist mein Kunde ein Gerät? Die Definition von „mobile“ ist genauso facettenreich wie die Ansätze mit der ständigen Mobilität von Zielgruppen umzugehen. Und was der eine unter dem Schlagwort versteht hat nichts mit den Zielen des Anderen zu tun. Ein Beispiel: Ist mein User, weil er auf dem Sofa mit seinem Tablet sitzt jetzt „mobil“ oder „lokal“? Ändert sich etwas, wenn er sich seinen Laptop in die Hand nimmt? Was ändert sich daran, wenn er mit seinen Tab 4 Stunden in der Bahn sitzt?

Jeder Mensch unterhält heute verschiedenste Endgeräte, die zum großen Teil mit dem Internet verbunden sind oder zumindest internetfähig sind. Von der Spieleconsole, zum Handy, vom Auto zum Laptop, vom Kühlschrank zur Smartwatch oder bald Smart-Brille. Menschen können heute nicht mehr auf Ihre Endgeräte beschränkt werden. Die Definition „mobil“ als Synonym für „bewegliche internetfähige Endgeräte“ kommt heute also an Ihre Grenzen. Denn sowohl der Nutzer als auch das Gerät sind heute größtenteils eben nicht mehr an eine Steckdose oder einen festen Platz gebunden. Und viele Endgeräte bieten heute mehr als einen Nutzen. Es ist also unsinnig weiterhin Kampagnen primär auf die vermeintliche ortbedingten oder ortungebundenen Nutzung von Endgeräten zu zuschneiden.

„… es geht um die Situation“

Spielt man einige Szenarien durch um herauszufinden wie man den User nun am besten ansprechen kann, dann merkt man schnell: Es geht nicht um das Gerät es geht um die Situation. Die Situation diktiert natürlich oft das gewählte Gerät. Niemand möchte mit einem PC + Monitor + Stromaggregat im Bus sitzen. Und ein Notebook ist manchmal einfach immer noch zu schwer für die Lesestunde im Bett.

Aber es steht dem User ja nun frei wie, wann und wo er eines seiner vielen Geräte benutzt. Und wie er die Nutzung verschiedener Geräte ggf. kombiniert. Und, auch wenn viele Consultants es Ihnen einreden wollen, es gibt da draußen wirklich noch Menschen ohne Smartphone, Tablet oder Netbook.

Einen User über eine Werbebotschaft anzusprechen, die auf ein Gerät optimiert ist und nicht auf die Situation in der sich der User befindet ist also unlogisch.

Ein User der abends vor dem zu Bett gehen noch ein wenig mit dem Smartphone surft muss anders angesprochen werden als derselbe User der um dieselbe Uhrzeit am nächsten Tag in der Stadt unterwegs ist. Und weitaus wichtiger ist die Frage: Wo möchte ich meinen User eben nicht ansprechen!

„…Ansprache & Verzicht“

Wie oben gesagt gibt es Produkte oder Unternehmen, die m.E. bis auf weiteres kein Geld für „mobile“ verbrennen müssen. Grund dafür ist die Art des Produkts oder die angesprochene Zielgruppe. Zu diesen Unternehmen würde ich alle Produkte zählen, die die a.) nicht sehr emotional daher kommen, b.) die eine Investition für einen längeren Zeitraum darstellen und/oder die c.) überwiegend über einen Filialisten bzw. Großhandel vertrieben werden. Ich denke hier z.B. an Bad- & Kücheneinrichtung sowie & Installation, Fertigbauhäuser & Baugewerbe, Gartencenter & bestimmte Dienstleister (zB. Pflegedienste).

Natürlich sollte man sich der Entwicklung nicht verschließen, aber ein Betonbauer oder ein Fliesengroßhandel braucht keine Webseite, die primär auf mobile Endgeräte optimiert ist. Hier geht es eher um die richtige Ansprache und eine sinnvolle Erklärung.

Es muss klar gestellt werden, für welchen Nutzer und für welche Art Nutzung das Internetangebot des Anbieters optimiert ist. Online Consulatants, die generell „mobile first“ empfehlen liegen m.E. falsch. Jeder User/Kunde versteht es wenn man Ihm sagt, das das Angebot ist aus einem bestimmten Grund nicht mobile abzubilden ist. Der Verzicht auf „mobile first“ muss nicht den generellen Verzicht auf „mobile“ bedeuten. Es bedeutet hier lediglich eine mobile Visitenkarte zu haben mit der man auf die Kontaktmöglichkeiten und die „normale“ Webseite verweist. Verzicht bedeutet hier Geld zu sparen, das man in den Ausbau einer nützlicheren Präsenz investiert. Verzicht bedeutet hier auch z.B. keine Werbung für mobile Endgeräte zu schalten, zumindest nicht mehr abends um 20Uhr, wenn meine Zielgruppe mit sozialen Medien oder dem TV Programm beschäftigt ist.

„…Warten, sparen, optimieren und dann starten!“

Warten Sie mit dem Aufbau einer echten „mobile first Präsenz“ solange bis Ihre Kunden soweit sind. Optimieren Sie Ihre bestehenden Assets und investieren Sie solange Geld in einen solide nicht-so-mobile Ansatz bis absehbar ist, dass sie mobile Geld verdienen können. Und machen Sie sich bis dahin Gedanken darüber wo sie, wann und wie Ihre Kunden optimal ansprechen können. Dann, wenn sie Erfahrungen gesammelt haben und Ihre Kunden es fordern, dann investieren sie in „Consumer first“

Author: Bernd Hellmuth

PS: Ein älterer Artikel von mir, der m.E. immer noch gültig ist.

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