Bist Du auch ein Zahnrad ?

Ganz ehrlich? Ich denke das Industriezeitalter, so wie wir es jetzt noch kennen und welches es seit gut 150 Jahren gibt, findet so langsam endlich ein Ende. Ich sage das nicht als einer, der wirklich Ahnung von den ganzen Zusammenhängen hat und sich mit Finanzmärkten auskennt. Ich habe keine Ahnung von Aktiengeschäften, Politik, Hintergründen und Machenschaften. Ich habe nur einen naiven Blick auf das Ganze, quasi als Zahnrad des Systems.

Die Industrialisierung begann im 19 Jahrhundert. Sie bezeichnet den Teil der Wirtschaft, der zum Herstellen von Produkten standardisierte Verfahren einsetzt und auch weitgehend automatisiert produziert. Ich will auch hier nicht auf die ganzen Vor- und Nachteile dieser Entwicklung eingehen. Für die Mehrheit der Bevölkerung hatte das zunächst einmal den Vorteil der gesicherten Anstellung und eines geregelten Einkommens. Somit war es nun jedem möglich relativ wohlhabend zu leben, was immer das im einzelnen bedeuten mag.

Für den Unternehmer hat es den Vorteil, dass er schneller und somit billiger produzieren kann und auch er — wenn auch in anderen Dimensionen — wohlhabender wird. Wie vorhin erwähnt, habe ich eine sehr naive Sichtweise. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir in einem System leben, in dem jeder (fast alles) tun kann was er will (es könnte auch ein Nachteil sein, aber das ist ein anderes Thema). Deswegen könnte jeder ein Unternehmen B gründen, welches das gleiche Produkt herstellt wie Unternehmen A. Deswegen gibt es 57 Sorten Butter im Kühlregal vom Supermarkt und mindestens 3.000 Hersteller von Gitarrenverstärkern.

Und weil es eigentlich genau das gleiche Produkt ist, kann man es nur verkaufen, wenn es billiger ist als die Konkurrenz. Billiger kann man nur werden, wenn man die Herstellungsprozesse optimiert. Billiger, schneller, noch billiger… Der letzte Schritt ist dann den Angestellten weniger zu zahlen.

Wie erreiche ich das? Indem ich die Arbeitsschritte so optimiere und verzahne, dass jeder Mitarbeiter ohne weiteres austauschbar ist. Und dann entsteht ein Problem, welches wir schon seit längerem haben: Es gibt keinen sicheren Arbeitsplatz mehr. Es entstehen Zeitarbeitsfirmen, die Menschen zu Mindestlöhnen vermitteln. Es gibt nur noch befristete Verträge und unbefristete Festverträge sind nicht mal das Papier wert, auf denen sie gedruckt sind. Jederzeit kann Unternehmen C auf der Bildfläche erscheinen und noch billiger produzieren, dann können A und B den Laden dicht machen, denn wirklich flexibel ist so ein Großunternehmen nicht.

Ich erzähle hier nichts neues, das weiß jeder. Und keiner den ich kenne macht seinen Job gerne. Es gibt mit Sicherheit Menschen die ihre Arbeit lieben. Aber der Großteil der Angestellten in der Industrie hasst ihren Vollzeitjob. Trotzdem versuchen die meisten eine Anstellung in einer großen Firma zu ergattern oder gründen Unternehmen, die auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt sind, weil es einfach schon 20 Imbissbuden in jedem Dorf gibt!

An seine Schulzeit kann sich wahrscheinlich jeder noch erinnern. Hier lernt man auf Sicherheit zu spielen … noch immer. Nicht auffallen, sich unterordnen. Bildung ist wichtig, ohne Frage. Aber brauche ich heute noch ein Fach wie Geschichte, indem ich Daten auswendig lerne und danach benotet werde wie viel davon ich mir merken kann? Ich kenne so einige Musiker und jeder hatte im Fach Musik damals eine 4 oder 5. Schüler, die in ihrer Schulzeit eine 1 in Musik hatten, füllen heute bestimmt Formulare in der Stadtverwaltung aus. Als ich letztens in der Schule meiner Tochter zu Besuch war hing im “Computerraum” ein Poster, welches beschreibt wie man eine Webseite bei AOL einrichtet?! Wir leben jeden Tag im Internet und jeder hat ein Smartphone in der Tasche, aber in der Schule wird dir beigebracht wo Kasachstan liegt, anstatt dir zu erzählen, wie man einen Computer programmiert.

Aber ich schweife ab. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass dem Großteil meiner Generation in der Schule und natürlich auch im Elternhaus beigebracht wurde, dass es besser ist sich einzuordnen und einen “anständigen” Job zu suchen. Aus diesem Grund bevorzugen Firmen auch Bewerber mit einem Schulabschluss und einer abgeschlossenen Berufsausbildung, die Fachkenntnisse sind da vielleicht ein willkommener Nebeneffekt. Es ist gar nicht so lange her, da haben große Unternehmen nur Männer eingestellt, die auch ihren Grundwehrdienst bei der Bundeswehr absolviert haben.

Wenn man sich am Wochenende mal mit Freunden zusammen setzt, kommt irgendwann auch immer das Thema “Arbeit” zur Sprache. Schließlich verbringt man damit im “besten” Fall ja auch 40 Stunden seiner Woche. Wie bereits weiter oben erwähnt bekomme ich hier verdammt wenig Positives zu hören. Besonders einen Satz höre ich immer wieder: “Was soll ich denn sonst machen?” oder “Hätte ich in der Schule man besser aufgepasst früher!” Hmmm, hättest du mal besser nicht…

Die Gehirnwäsche der Kindheit und Jugendzeit hat ganze Arbeit geleistet. Die Denkweise ist so festgefahren, dass man höchstens auf die Idee kommen könnte, sich bei einer anderen Tretmühle zu bewerben. Während ich hoffe, dass sich das Schulsystem so langsam an die fatalen Verhältnisse der Industrie anpasst und den kommenden Generationen Wissen anders vermittelt, muss unsere Generation endlich aufwachen. Ich denke nicht, dass eine Anstellung in der Industrie noch ein erstrebenswertes Ziel ist. Weder für den Schulabgänger nach der 9.Klasse, der auf dem Werk eine Maschine zum Verseilen von Seekabeln bedient, noch für den Absolventen einer Hochschule, der die optimale Isolierung für das Kabel entwickelt.

Bleibt trotzdem noch die Frage “Was soll ich denn sonst machen?” Die Frage ist im Grunde leicht zu beantworten: “Das, worauf du Lust hast. Das, was dich glücklich macht. Das, was dich morgens mit Leichtigkeit aus dem Bett bringt…” Man liest es ja immer wieder in unzähligen Selbsthilfebüchern und -Blogs. “Wenn dich dein jetziger Job unglücklich macht, dann kündige und mach das, was du liebst” Das ist natürlich eine romantische Vorstellung und man verspürt immer so einen ruckartigen Motivationsschub, wenn man solche Zeilen liest. Aber ein Thema versauert diese Romantik relativ schnell: Geld!

Es ist natürlich eine himmlische Vorstellung nur mit einem Rucksack auf dem Rücken von Kontinent zu Kontinent zu reisen und mithilfe eines Laptops einen erfolgreichen Blog zu betreiben, der das alles finanziert. Aber meine Generation hat eine Familie, vielleicht sogar ein kleines Häuschen und einen Kredit für das Auto zu bezahlen. Ich kann und will weder den Rucksack packen, noch kann ich so einfach meinen Vollzeitjob kündigen.

Aber wenn ich nicht für den Rest des Lebens in einer Anstellung bleiben will, die mich unglücklich macht, mit 30 Tagen Urlaub im Jahr, die ich mit einem viel zu teuren Pauschalurlaub verbringe, dann sollte ich etwas ändern. Dann sollte ich mich am Wochenende mal in den Garten setzen, mit einer Flasche Bier und mir ein paar Gedanken dazu machen. Die heutige Technik gibt uns soviel Möglichkeiten, dass man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Jeder findet ein paar Stunden in der Woche, die man etwas widmen kann, dass einem erfüllt und mit der Zeit vielleicht Möglichkeiten eröffnet, denen man sich jetzt noch gar nicht bewusst ist. Eine Anleitung kann ich leider auch nicht geben, man wird auch keine finden, denn das würde nicht funktionieren.

Viele Leute die ich kenne, bezeichnen mich gerne als Spinner oder unrealistischen Träumer. Aber das ist okay. Es ist halt nicht so einfach die Scheuklappen von heute auf morgen abzulegen.