“Bibliodrama light” zum Nachbauen (Teil I)

Das Gleichnis vom barmherzigen Vater mit seinen beiden ungleichen Kindern (Lk 15,12–32, siehe auch Bibelskizzen: Barmherziger Vater I, Barmherziger Vater II). In Glaubenskursen lese ich erst das Gleichnis vor und motiviere dann die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Standort zu beziehen.

Ich bitte sie aufzustehen, die Stühle nach hinten zu schieben, damit wir Platz haben und sage: „Ist keine Festlegung auf immer und ewig, hören Sie einfach einmal in sich rein, mit welchem der beiden Kinder Sie sich heute, hier und jetzt mehr identifizieren? Mit dem Kind, das loszog und von zu Hause wegging. Dann finden Sie sich bitte bei der Tür ein. Oder sind Sie mehr bei dem Kind, das zu Hause blieb. Dann gehen Sie bitte auf die gegenüberliegende Seite.“

Meist brauchen die Leute noch etwas Zeit zum Nachdenken: „Setzen Sie sich ruhig erstmal in Bewegung. Sie müssen sich nicht sofort festlegen. Schlendern Sie einfach mal los und schauen Sie, wo es Sie hinzieht.“

Bild: “Siegerehrung Rhein-Erft Akademie-Cup 2014”, Kai Engelhardt, flickr

Und nach einer kurzen Pause: „Ganz wichtig! Den neutralen Standpunkt in der Mitte, nach dem Motto: ‚Sind wir nicht irgendwie beide Kinder, haben wir nicht Anteile von beiden in uns?‘. Diesen Standpunkt gibt es heute hier nicht, den Standpunkt in der Mitte, den nehme ich als Spielleiter ein.“

Grummeln, Gelächter im Raum, doch es wird auch wieder ruhig und wenn die Leute sich entschieden haben, lade ich zuerst die Gruppe der zu Hause gebliebenen Kinder ein, in Richtung Tür zu schauen und ermutige sie: „Gibt es etwas, das sie einmal in Richtung Tür, zu ihren Geschwistern, die loszogen, sagen wollen.“ Und zu denen an der Tür: „Sie hören bitte nur zu, ohne zu antworten.“

Meist dauert es nur kurze Zeit, bis das Eis gebrochen ist und die zu Hause gebliebenen Kinder beginnen in Richtung Tür zu sprechen:

Bild: “World Café”, Julia Kasanzewa, flickr

„Du hast mich hier einfach mit der ganzen Arbeit alleine gelassen. Danke!” 
„Ich bin dann mal weg! Tja, hätte mir auch gefallen, aber einer musste sich ja hier um alles kümmern.“ 
„Und, wie stellst du dir das vor? Darf ich jetzt nochmal mit dir teilen?“ 
„Weißt du eigentlich, wie unser Vater wegen dir gelitten hat?“ 
„Mann, Mann, Mann, du hast vielleicht Nerven! So wie du weg warst, bist du auch wieder da, einfach so, toll!“ 
„Nein, so einfach geht das nicht! Eine Entschuldigung, auch bei mir, ist das Mindeste!“ 
„Ich weiß nicht, ob ich dir schon verzeihen kann. Ich bin einfach noch stinkesauer auf dich!”

Es kommen aber auch andere Äußerungen: 
„Ich habe dich vermisst.“
„Gott sei Dank ist dir nichts passiert! Du lebst, ich hatte schon das Schlimmste befürchtet.“

Wenn die Mitteilungen in Richtung Tür verebben, dann wende ich mich den fortgegangenen Kindern zu und lade sie ebenfalls ein: „Was würden Sie gerne einmal der anderen Seite sagen?“

Bild: “Diskussion & Präsentation”, SPÖ-OÖ, flickr

Und auch hier muss ich nicht lange warten:

„Du hättest ja auch mal losziehen können, du warst ja nur zu feige!“
„Ich musste einfach raus, es war mir alles viel zu eng hier!“
„Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hier hast, aber bist dauernd am Motzen!” 
„Hör mal, es hatte auch mit dir zu tun, weshalb ich es hier nicht mehr ausgehalten habe!“

Auch hier gibt es andere Tonlagen: 
„Kannst du mir verzeihen?“ 
“Es war ein Fehler! Ist so, alles andere wäre herumgeeiert, das will ich nicht!”
“Ich würde einfach nur so, so gerne bei dir, da drüben, zu Hause sein!”

Wenn wir wieder im Kreis sitzen, macht Kopfnicken die Runde, sobald jemand ausspricht, was alle empfinden: Es ist keine große Sache, das kleine Rollenspiel, aber es wirkt! Das eigene Rollenstatement und das, der anderen, beides geht nach und macht viel nachdenklicher als bloßes Vorlesen und Zuhören bewirken können.

Damit ist das Spiel noch nicht vorbei, es gibt noch eine Runde. Für mich ist sie ebenso, wenn nicht noch eindrücklicher! Aber davon demnächst: “Bibliodrama light” zum Nachbauen, Teil II.

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