Das Milchkaffeegebet

“Beten? Na ja, … nein, … also ich meine, … beten, das täte ich gerne, aber meistens klappt es nicht! Ich komme nicht wirklich dazu … und wenn, dann bin ich zu zerstreut. Also, beten würde ich das nicht nennen!”

Als Seelsorger stelle ich immer wieder überrascht fest: Nicht wenige Menschen scheitern in puncto beten an ihrer eigenen Dogmatik. Ein echtes, ein richtiges Gebet muss mindestens so und so lang sein, eine ordentliche Form haben und mit dieser oder jenen Stimmung einhergehen, sonst zählt, sonst gilt es nicht!

Schade eigentlich, denn damit gehen einem viele schöne Gebetsmomente und -möglichkeiten durch die Lappen! Ich liebe es z.B. mit einer Tasse Milchkaffee morgens, noch nicht ganz wach, am Fenster zu stehen, einfach zu schauen und Gott da, bei mir zu wissen, ohne ihm groß etwas zu erzählen oder vorzudenken. (Zu großen Gedanken bin ich um diese Uhrzeit ohnehin noch nicht fähig.)

Bild. “Cafe amp llet”, Carlos Rios, flickr

“Na ja, … wenn das schon ein Gebet ist, dann bete ich vielleicht ja auch, ohne es zu wissen”, antwortete einmal eine Frau lachend, als ich ihr den Milchkaffeevorschlag mache. “Warum nicht! Mein Anspruch als Seelsorger ist nicht, dass Sie möglichst wenig, sondern so oft wie möglich beten. Geben Sie Ihrer persönlichen Glaubenskongregation öfter mal frei und Sie beten öfter.”

Erst schaute die Frau noch leicht skeptisch, dann lächelten wir beide und überlegten gemeinsam, wo sie noch betet, ohne es bislang so wirklich gewusst zu haben. Denn sieht man es so, glaubt man gar nicht, wie und wo man überall beten kann!

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