Herzensgebet

Eine Frau, Mitte Fünfzig, sie hört mir aufmerksam zu. Doch dann unterbricht sie mich: “Das klingt so einfach, wenn Sie das Herzensgebet erklären, aber ich fliege fast vom Stuhl, wenn ich es versuche!” — “Um Himmels willen, wieso das denn!” — “Ich bekomme das nicht hin, … ‘einfach den Namen Jesu in meinen Atem legen’. Ich atme aus und sage dabei … ‘Jee-suu-ss’ … und kaum ist das vorbei, muss ich irgendwie ‘Chris-tuu-ss’ getaktet bekommen. Das 10 Mal in Folge … und ich bin völlig kurzatmig!”

Nein, bitte nicht den Atmen beinflussen! Warten, bis er ruhig fließt und dann den Namen Jesu, mehr als Gedankenblitz, denn als ausgesprochenes Wort hineinlegen. Da muss nichts in Silben zerlegt und künstlich gedehnt ausgesprochen werden. Ruhig und gleichmässig atmen, meinen Rhythmus finden, die Atemfolge gibt mir dann den Impuls, welcher ‘Gedanke’ dran ist: Beim Ausatmen denke ich kurz ‘Jesus’, beim Einatmen ‘Christus’.

Bild: Marcus Rainer, Über den Wolken, flickr

‘Gedanken’ ist das nächste Stichwort. Viele, die das Herzensgebet üben, werden von allen möglichen Gedanken heimgesucht, aber nicht von Jesus Christus! Es ist, als ob diese Gebetsweise Gedanken anlockt wie das Licht die Motten. Fuchtelnd verscheuchen bringt wenig!

Mir hilft das Wolkenbild. Ich lasse die Gedanken vorbeiziehen wie Wolken am Himmel. Sollte ein wichtiger Gedanke dabei sein, ist es gleich noch eine Vertrauensübung: Der Angerufene, Jesus Christus, wird mir helfen, dass mir der Gedanke zu gegebener Zeit, also außerhalb meiner Gebetszeit, wieder einfällt!

Der heilige Ignatius lernte relativ spät Latein. Es kostete ihn viel Mühe und immer wenn er sich zum Lateinpauken hinsetzte, kamen ihm die schönsten religiösen Gedanken. Als Meister in der Unterscheidung der Geister hat er schnell kapiert, dass hier nicht der Heilige Geist am Werk ist! In Abwandlung: Wenn ich ausgerechnet in meiner Gebetszeit die besten Einfälle habe, muss es sich nicht unbedingt um Eingebungen des Heiligen Geistes handeln!

Herzensgebet, ich bleibe dabei, neben etwas Geduld braucht es nicht viel:
1. Einen Sitz, eine Haltung, die mich gut bei mir sein und frei atmen lässt.
2. Kurz Zeit, um ruhig zu werden, bis mein Atem seinen Rhythmus gefunden hat.
3. Dann lege ich, wie einen Gedanken, den Namen ‘Jesus Christus’ in meinen Atem: Beim Ausatmen ‘Jesus’ und beim Einatmen ‘Christus’. 
4. Alle anderen Gedanken, wie viele es auch sein mögen, lasse ich vertrauensvoll weiterziehen.

Bin ich, im Bild gesprochen, doch mit einer Wolke mitgereist und gedanklich in der Vergangenheit oder Zukunft unterwegs, hole ich mich behutsam über den angerufenen Namen wieder in die Gegenwart zurück. Gelingt es mir, ist es schöner als fliegen … und sehr entspannend!