Das Internet ist nicht schuld

Schon vor einiger Zeit hat der letzte Teeladen meiner Kreisstadt geschlossen. Die Gründe sind mir nicht bekannt. Gestern war mir plötzlich danach, mir mal wieder einen schönen Tee zu kaufen, ihn mit der Nase zu kosten und mich dann darauf zu freuen, ihn zuhause gleich ausprobieren zu dürfen. Also fragte ich auf Facebook in einer ganz munteren, lokalen Gruppe, wo man denn in unserer Stadt noch Tee kaufen kann. Guten Tee.

Wie von mir erwartet, konnte die Community mir weiterhelfen. Mir war gar nicht klar, wo noch überall Regale stehen mit Tee. Gut, die Geschmäcker sind verschieden und die Auswahl ist sicher nicht die gleiche wie in einem richtigen Teeladen; trotz der vielen guten Tipps.

Danke nochmal dafür.

Es dauerte eine Weile, aber auch das was dann passierte, habe ich so erwartet. Mein Posting rund um Shopping in Sachen Tee, wurde von einzelnen Kommentaren zur Situation des stationären Einzelhandels besprenkelt. Der Schuldige für die verlassene Innenstädte in den Mittelzentren war schnell ausgemacht. Der Verbraucher selbst. Vor einiger Zeit war es noch das Internet selbst. Jetzt macht sich der Verbraucher Selbstvorwürfe. So schreibt ein Diskussionsteilnehmer:

Das Internet ist nicht schuld. Wir Menschen haben es ersetzt. Es liegt in unserer Hand, ob wir regionale Produkte kaufen möchten und damit die Existenz der kompetenten Anbieter gewährleisten oder lieber das Angebot bevorzugen, das 2 Euro günstiger ist und praktischer zu kaufen ist.

Dem kann man eigentlich nur zustimmen. Doch stöbert man in den Schlagzeilen, die es ja mittlerweile auch mehr im Internet gibt, stellt man fest, dass Schlagzeilen wie „Regionale Produkte gefragter denn je“ seit Jahren funktionieren. Wahrscheinlich, weil darin viel Wahrheit steckt. Regionale Produkte verschwinden nicht einfach, denn sie erfreuen sich offenbar weiterhin einer stabilen Nachfrage.

Kaufverhalten vs. Unternehmergeist

Doch wo das letzte Kaufhaus vor einiger Zeit geschlossen hat, sind viele Dinge knapp. Es wäre müßig das Vermisste jetzt aufzuzählen. Radiergummi kaufe ich jetzt schon bei der Post :) Ja, das Kaufverhalten hat sich geändert. Und hier komme ich endlich zu meinem Punkt, den ich gern mit Euch diskutieren möchte.

Meiner Meinung nach, liegt es nicht nur am Kaufverhalten, das sich einseitig ändert, sondern an einem Unternehmergeist des stationären Einzelhändler, der sich nicht ändert.

Schon im letzten Jahr, kursierten Gerüchte, dass Amazon eigene Buchläden eröffnen will. Vor einigen Stunden erst wurde bekannt, dass Amazon Lebensmittelläden einführen will, um seinen Pantry Service zu stärken und vor allem auch die frischen Lebensmittel vor Ort zugänglich zu machen. Da ist die Rede von einem Drive-In, um die Einkäufe entgegen nehmen zu können, nachdem man sie onine vorbestellt hat. So einen Drive-In habe ich auch schon bei Gebauer in Stuttgart genutzt.

Die Weihnachtseinkäufe im letzten Jahr habe ich unter http://www.abholen.de vorbestellt. Dann sind wir ins Spaßbad, die Zeit nutzen und auf dem Rückweg haben wir unseren zusammengestellten Einkauf bequem abgeholt.

Das Internet richtig nutzen

Könnte es sein, dass wir das Internet falsch nutzen und eher hybrid rangehen sollten, die Geschäftsmodelle so umbauen, dass wir Begegnung und regionalen Bezug erhalten? Das muss nicht für alle Produkte sein. Druckerpatronen und andere Dinge kann man planen, wenn man sich einmal abgewöhnt hat, das nicht alles gleich um die Ecke zu bekommen ist. Doch immer dann wenn ein Produkt Frische und Begegnung bietet, sollten wir darüber nachdenken. So funktionieren doch nach wie vor die Buchläden, die ausgiebig zum Stöbern einladen, vielleicht sogar einen Kaffee dazu anbieten. Osiander im Raum Tübingen ist hier ein gutes Beispiel. Ich kann da fast nicht vorbeigehen, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Auf eine Online-Bücherei muss man da gar nicht verzichten. Haben die auch. Und Bücher werden sicher eines Tages nicht alle elektronisch sein. Auch das Buch wird sich neu erfinden, damit es Begegnung erhält.

So wäre es schon toll, wenn ein Teeladen, der für mich auch Frische, Sinnlichkeit und Begegnung verspricht, irgendwann wieder in meiner Heimatstadt Meschede zu finden sein wird. Ein kluges Angebot kann ein solcher Laden besser vorhalten, wenn er, wie früher Tante Emma weiß, was seine Kunden wollen. Und das lässt sich heute mithilfe internetbasierte Interaktionen gut gestalten. Ich hoffe sehr, dass sich der stationäre Einzelhandel kreativ zeigt und eine Variante findet, die nicht nur mir gefällt.

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