Nina George ärgert sich über Lufthansa und Audible
Ihre sehr heiter zu lesende Kritik zum Verhalten der beiden genannten Unternehmen schwappt hier und dort durch unseren Stream. Doch irgendwie schießt das Amazon-Lufthansa-Bashing an einer Idee für mittelfristige Lösungen vorbei. Ich habe auch keine. Der Versuch einer Beurteilung des Eigentlichen.

Wer meine Einlassung hier verstehen möchte, sollte zunächst den Brief an die Branche von Nina George lesen. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wer Nina George ist?! Moment … ok. Ich gehöre nicht zum engeren Leserkreis. Das muss ich dringend ändern.
Denn ich habe Ihr unterhaltsames Pamphlet an die Branche mit Genuss gelesen. Von der eloquenten Schreibe der Autorin zeugt nicht nur Ihr Entrée zum gesundheitsschädlichen Adrenalinüberschuss als Folge des Negierens von Urheberrecht und Vergütung durch andere. Daran leide jeder ehrenamtlich Engagierte für Buchkultur und so mancher Autor. Die Umsonstkultur setze einem ordentlich zu. Auch ihre Formulierungen zum Ritual der Möhrenreligion finde ich sehr gelungen.
Von der Lockrübe „Ist doch Werbung für Dich“
Vorab. Ich verstehe jedes Argument der Autorin und unterstütze die Prämisse unbedingt. Das betrifft auch das Urheberrecht. Wer schreibt und veröffentlicht, weil er diesen Weg für sich gewählt hat; wer darüber hinaus Leser findet, die das in die Waagschale gelegte Talent schätzen, der soll ohne Umwege dafür vergütet werden. Soweit die Theorie. Praktisch gelingt es nur den Besten am besten, einen gut dotierten Autorenvertrag zu erhalten, der das ein Einkommen sichert, das nicht nur zum Auskommen beiträgt.
Schreiben lernen die meisten von uns. Schreiben konnte man immer schön überall. Das heutige Equipment ermöglicht aber auch, dass jeder veröffentlichen kann. So wie Nina George. Mit oder ohne Verlag. Schreibkompetenz kann einerseits technisch nachgewiesen werden. Kunst in Textform orientiert sich meist am Geschmack der Leser. Doch das ist eigentlich egal. Wer glaubt er könne schreiben, kann und darf das veröffentlichen. Kritiken, wie die von Nina George klingen da oft so, als ob diejenigen, die zu Griffel greifen und einfach so schreiben und veröffentlichen als Opposition der etablierten Autorenschaft. Aber bei Nina George geht es um etwas spezielles.
Um was geht es eigentlich?
In Ihrem Brief, das sollte ich vielleicht doch kurz erläutern, verweist Nina George auf eine Bitte von Audible, eines Ihrer vertonten Bücher über eine Kooperation mit der Lufthansa den Fluggästen zur Verfügung zu stellen. Der Prämisse der Autorin folgend, verständlich. Die Nutzung Ihres geistigen Gutes lässt eine Tantieme erwarten. Audible betont aber, es handele sich um keine Lizenz, sondern um eine Marketingaktion. Nina George hält das für einen Etikettenschwindel. Ein halbes Jahr sollen Ihre Texte über den Wolken für kostenfrei abgespielt werden können und sie soll mit Reichweite geködert werden. Das gäbe es schließlich nicht aller Tage umsonst. Ich dachte immer, das sei das Geschäftsmodell von Audible. Andere würden für die Reichweite zu mehreren Millionen potenziellen Lesern sogar bezahlen.
Was ich gleich unterschreibe ist, dass Nina George als von Audible Auserwählte keine Tantieme für die Conversion eines Lufthansagastes zum neuen Audiblekunden erhalten würde, wenn die sich für einen Science Fiction Roman entscheiden. Darüber sollte man streiten. Wir gehen aber noch einen Schritt weiter.
Auch Prämissen leiden unter einem disruptiven Wertewandel
Als jemand, der zum Schreiben kam, weil er ein eigenes Blog veröffentlichte, das zunächst niemand las und der dann ein paar Leute mithilfe von Sozialen Medien und Suchmaschinen einsammelte, Leser fand, die mein eher sonderbares Thema überhaupt interessierte und die gelegentlich wiederkamen, liegt es in der Natur der Sache, dass ich mich dem Thema etwas anders annähere. Ich wurde nicht traditionell durch ein schreibendes Umfeld geprägt, verdiene mit dem Schreiben nicht wirklich oder wenn dann nur als kollateralen Effekt. Schreiben macht Spaß, hilft mir beim Denken und ist irgendwie auch Werkzeug.
Nina George hat übrigens auch nicht immer Geld mit dem Schreiben verdient. Glaube ich. Sie hat gekellnert, bevor es mit dem Schreiben so richtig los ging. Zuvor ließ sie sich journalistisch beim Männermagazin Penthouse ausbilden, fällt aber auch mit geschlechtsspezifischen Titeln unter Pseudonym auf.
Persönliche Reichweite vs. Content
Ich habe sicher bis heute einiges an persönlicher Reichweite aufgebaut, die ich unter anderem dem Schreiben und kostenlosen, hoffnungsgeschwängerten Veröffentlichen verdanke, mein Thema und mich ins Gespräch zu bringen. Manchmal nutze ich meine Reichweite sogar, um guten Ideen Reichweite zu ermöglichen. In Kombination mit anderen Leistungen, fließt unter Umständen ein Honorar. Am Ende aber wette ich auf den Zirkelbezug als Form entstofflichter Wertschöpfung. Gar nicht mal so flüchtige Reputation, auf die man auch einzahlen kann. Ich darf behaupten, dass ich noch nicht einmal im Ansatz so viele Leser habe wie jene Autoren, die über einen dotierten Vertrag bei einem Verlag verfügen. Kulturell zähle ich mich zwar längst zur Fraktion der Autoren. Schließlich sinniere ich an meinem Buch schon über 10 Jahre und schiebe immer mal Ideen in die mir zugängliche Öffentlichkeit. Einen Arbeitstitel für das Buch habe ich schon. Ich bin ja schließlich nicht nur Content-Produzent, sondern auch Künstler, Kreativer und ein wenig Gesundheitsphilosoph.
Autoren, die sich das Privileg einer Vergütung erarbeitet haben, weil sie mithilfe von Text tatsächlich etwas sagen, oder einfach ausgebildet wurden, um zu schreiben, vielleicht dabei auch Emotionen beim Leser freilegen oder schlicht und ergreifend einen Beitrag leisten, der die Hoffnung weckt, mutmaßlich einen wichtigen Aspekt zum Diskurs beizusteuern, unterscheiden sich auf eine Art von anderen schreibenden Menschen durch die Tatsache, dass sie ihre Geistesarbeit nicht als Content beschreiben würden. Richard David Precht sagt das in seinem Beitrag auf dem Deutschen Medienkongress 2017 im Januar. Ich mache beides. Content und geistige Textarbeit als einen Teil der Auseinandersetzung mit Welt.
Die Philosophische Perspektive auf Content
In diesem Video beschreibt der Philosoph, was meines Erachtens das eigentliche Problem von Nina George ist.
Texte in Büchern sind — egal wie viel Mühe sich ein Autor beim Erarbeiten seiner Gedanken subjektiv gemacht hat — zunächst einmal Informationen. Informationen, die für den Leser mit jeder geblätterten Buchseite mehr Wert entwickeln können, weil er das Gelesene im besten Fall zu Wissen verarbeitet, daraus eigene Schlüsse zieht und neues Wissen generiert. Selbst dann, wenn er sich einfach nur unterhalten fühlt. Informationen heute — für sich genommen — haben aber ein Problem, so Precht in seinen Ausführungen. Sie stehen mit Auftauchen des Internets ständig und überall zur Verfügung. Und diese Verfügbarkeit in Omnipräsenz senkt den Wert von Informationen gegen null. Informationsfluss ist also nicht nur anstrengend, er wirkt auch inflationär auf den eigenen Wert zurück. Der Wert von Information — als Währung verstanden — sinkt, was auch das Einzahlen auf die eigenen Reputation immer teurer macht. Nur so erklärt sich das Verhalten von Audible und Lufthansa, einer Autorin vorzuschlagen, Ihre Reputation zu steigern, in dem man ihr anbiete, ihr geistiges Eigentum einzusetzen und dafür sogar Dankbarkeit in Form von Zustimmung einfordert. Während das eigene Geschäft davon profitiert und eine Beteiligung nicht vorgesehen ist. Das scheint durch die Macher weniger reflektiert als es daher kommt und das ärgert Nina George zurecht. Schreibt sie aber nicht so. Sie kritisiert das Verhalten der Unternehmen und meint eigentlich das neue Wertgefüge und das daraus erwachsene Geschäftsgebaren der angesprochenen Unternehmen. Ob das gut oder schlecht ist, wird sich erst in Zukunft zeigen.
Man könnte glauben: Ein Hörbuch ist doch so etwas wie eine Lesung in Abwesenheit des Autors. Multipliziert versteht sich. Wie lange dauert ein Flug? Kann es nicht sein, dass Nina George wirklich mehr Bücher über diese Reichweite verkauft, sie so berühmt wird wie Joanne K. Rowling und mit dem vielen Geld wunderbare, kreative und gemeinnützige Dinge macht? Oder hat sie Angst, dass die als Marketingkampagne deklarierte Zurschaustellung Ihres Werks nicht den gewünschten Erfolg hat. Was, wenn die vorgetragenen Texte sich nicht eigenen und Audible keine messbare Konversion misst, weil man in einem Düsenjet die Geschichten von Nina George nicht mag? Dann hätten wir ja noch einen Schuldigen mehr gefunden. Den Leser bzw. Hörer, der nicht wertschätzt. Ab diesem Zeitpunkt würde es ziemlich gruselig.
Zurück zur philosophischen Sichtweise
Im Video zeigt zeigt der Philosoph Precht am Beispiel von Alexa, wie wir gerade dabei sind, den Austausch von Informationen als Kommunikation falsch zu verstehen. Das sei fatal, weil wir Kommunikation dann nur noch als Frage-Antwort-Spiel interpretieren und praktizieren. Frage-und-Antwort-Spiele sind für ihn aber nur die äußerste Wundstufe von Kommunikation. Sich durch Neugierde einen Zugang zu einer Thematik zu erarbeiten, falle dann weg. Sich mit Bücher zu beschäftigen mache so keinen Spaß mehr. Weder für den Autor. Noch für den Leser. In Büchern steckt also mehr als Information?
Die Wette, dass das geistige Eigentum einen Wert hat, der sich erst mit der Entfaltung des Werkes hebt, weil das Buch auch unwissenden Lesern gereicht wird, will sie nicht eingehen. Natürlich sitzen in Lufthansa-Jets auch ihre Leser, die sich das Hörbuch dann nicht kaufen. Wie lange dauert eigentlich so ein Flug? Diese Leser freuen sich, vielleicht mal wieder etwas von ihr zu hören. Andere entdecken sie neu. So wie ich den Namen Nina George heute das erste Mal gehört habe.
Wir müssen den Wert des Buches nicht berechnen, sondern seine Güte neu verhandeln.
Es ist also nicht eine Verweichlichung der Verbraucher durch eine von Konzernen getriebene Umsonstkultur, sondern unser aller Umgang mit Informationen. Dem anachronistisch zu begegnen wäre für mich der falsche Weg. Wäre das der bessere Weg, würden wir noch auf Papyrus schreiben.
Im Video gibt es übrigens gute Hinweise, wie das Geschäftsmodell Zeitung entstanden ist. Es lohnt sich, das mal ganz anzusehen.
Die uns umgebene Matrix Internet erlaubt uns nicht nur, Informationen schneller zu teilen. Sie erhebt das Teilen zum Prinzip. Was sehr nah dran ist an der Umsonstkultur. Woher käme sonst die Metapher, Daten seien das Erdöl des 21. Jahrhunderts.
Und so leiden Bücher darunter, vom Hochwasser des Informationsstroms aus ihren Habitaten am geschützten Ufer herausgerissen zu werden.
Einzelne Unternehmen oder gar Menschen dafür verantwortlich zu machen, wäre Irrsinn. Es gibt weder den Leser noch den Verlag. Noch nicht einmal die Branche. Buch muss neu erfunden werden und das erfordert nicht weniger als ein grundsätzliches Infrage stellen der bisherigen Gepflogenheiten. Damit meine ich nicht Technologie. Auch die Elektrifizierung von Büchern ist zunächst kein neu verhandelter Wert im kulturellen Sinne. Auch das Buch hatte Auswirkungen, die wir zu Zeiten Gutenbergs nicht hätten verstehen können. Ein Wagnis, das es einzugehen gilt.
Um auf Nina George zurückzukommen. Es ist legitim anzusprechen, was einen hier und heute stört. Der Text ist witzig zu lesen, obwohl er ein ernstes Problem anspricht. Das hätte ich mir deutlicher gewünscht. Denn über eine Lösung für mein hier aufgezeigtes Problem spricht die Autorin nicht. Mit dem Finger zu zeigen ist ein gewohnter Reflex. Abgeben ist schwierig. Immer. Beharrungskräfte kenne ich aus vielen Zusammenhängen. Nicht alles muss aufgegeben werden. Wenn um uns herum aber die ganze Welt von einer Noosphäre an Information umgeben ist, muss damit umgegangen werden.
Schreiben entwickelt sich zum Treiber einer Re-Oralisierung, wie sie uns Marshall McLuhan schon in den Sechziger Jahren erklärt hat. Schreiben ist für mich auch reden. Sogar dann, wenn ich lange darüber nachdenke, mich geistig verausgabe, um diese eine Sache zu sagen, auf die andere dann antworten können. Das muss ich nicht immer gleich monetär aufwiegen. Wenn ich gefragt werde, ob man meine geistige Arbeit verwenden kann, wäge ich sorgfältig ab. Wie oben gesagt. Ich bin kein traditionell, sozialisierter Autor. Vielleicht wäre ich das Angebot von Audible sogar annehmen. Vor allem dann, wenn ich glaube, mein Text erreicht so noch andere Menschen. Wie gesagt, ich ticke da weder traditionell noch kann ich vom heutigen Standpunkt aus eine sorgenfreie Zukunft beschreiben.
Vorschläge und Kritik zu diesem Gedankengang gern als Kommentar.
