Klaipeda: Ein Tag am Strand

‘’Das ist er. Der beste Angelrutenhandler in ganz Litauen. Sogar den Polen ist der Weg nicht zu weit, um sich hier die neusten Angelrutenmodelle zu kaufen und ihr Ersatzmaterial an Schnur, Koder, Gewicht und Kurbel aufzustocken. Weisst du, der momentane Ladenbesitzer ist bereits der Urenkel des Grunders. Stell dir vor, hier gingen sogar Besenstile uber den Ladentisch, in Zeiten wo sich die russische Zarenfamilie all unsere Fischerboote unter den Nagel gerissen hat. Und dann erst die…’’ Ich hob meinen schweren Rucksack aus dem Kofferraum und stellte ihn neben einen wackeligen Tisch am Ladeneingang. Auf dem Tisch standen vier Suppenteller, gefullt mit unterschiedlichen Wurmern und Insekten. Ich schaute den eckligen Wurmern zu, wie sie sich, auf der Suche nach frischer Erde, zwischeneinander durchzudrucken versuchten. Jonathan, 59 jahriger Frupensionar und leidenschaftlicher Fischer, tratt neben mich und legte seine saubere Hand auf meine verschwitzte Schulter. Er schielte mich gezielt von der Seite an und lehrte mich: ‘’Der Koder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Merk dir das mein Junge; auf dieser langen Reise, die du doch noch vor dir hast.’’

Ich verabschiedete mich mit einer ehrlich gemeinten Umarmung von Jonathan, mit dem ich die letzten drei Stunden im Auto verbracht hatte. Ich war bereits fruh morgens in Kaunas losgelaufen, um punktlich in Klaipeda zu sein. Doch meine Planung war zu pessimistisch. Ich musste wohl das Potenzial meines Schwiegersohnlachelns unterschatzt haben. Denn mit beschriftetem Kartonschild in der Hand, und hochgerichteten Mundwinkeln im Gesicht, hielt bereits nach zehn Minuten eine erste Autofahrerin. Eine kurzhaarige Brunette; gutaussehend und gutriechend, wahrscheinlich gerade auf dem Weg zur Arbeit. Ich konnte mein Gluck kaum fassen. Doch als ich an ihr Fenster tratt, sprang sie erschrocken zuruck, musterte mich entsetzt und ballte die Faust, wo andere einen Finger gehoben hatten. Sie wies mich zurecht, dass ich nicht einfach so unverschamt an die Autotur einer jungen Frau treten konne, dass sie mich gar nicht gesehen habe, und dass ich hier sowieso nicht einfach so mir nichts dir nichts am Strassenrand stehen durfe. Sie habe hier nur gehalten, so versicherte sie mir nachdrucklich, um Lippenstift nachzutragen; und sowieso ginge mich das ja gar nichts an. Sie sah sehr jung aus, doch sie sprach wie eine alte Dame. Ich trauerte der verpassten Chance nicht lange nach, denn schon zwanzig Minuten spater hielt Jonathan an und fuhr mich ohne Halt bis nach Klaipeda, wo ich nun vor dem historischen Fischerladen stand. Er bestand darauf, mich hier abzusetzen, obwohl ich ihm die ganze Fahrt lang versuchte zu erklaren, dass ich vom Fischen keine Ahnung hatte. ‘’Das kommt noch, das kommt noch,’’ entgegnete er mir mit einem erwartungsvollen Blick, ‘’wieso auch die Heimat verlassen, wenn man auf der Reise noch nicht einmal fischen lernt?’’

Nachdem Jonathan’s Mitsubishi hinter der nachsten Ecke verschwand, machte ich mich auf den Weg richtung Hafen, wo ich um zwei Uhr Mario und Peter treffen sollte. Ich schaute auf meine Uhr, es war erst halb elf. Ich setzte mich ans Ufer und las ‘’Amerika’’ von Kafka. Ich langweilte mich. Nachdem ich jede Seite dreimal lesen musste, nur um zu realisieren, dass ich das Geschriebene nicht wirklich aufnahm, packte ich meinen Rucksack und lief ein wenig in der Kleinstadt umher. Ich konnte mich glucklich schatzen, denn schon nach wenigen Metern traff ich auf eine kleine Gruppe Russinen von St. Petersburg, die hier als Studentinen auf einer Exkursion waren. Sie hatten das gleiche Reiseziel wie Mario, Peter und ich. Nur waren sie gerade auf dem Weg zur Fahre, wahrend ich noch weitere drei Stunden auf meine beiden Compañeros warten musste. Ich wusste, dass fur mich die einzige Flucht aus Kafka’s Amerika darin bestand, die funf Russinen davon zu uberzeugen, mit mir zu warten. So versuchte ich sie mit einem kleinen Spaziergang im Park zu verfuhren.

At the harbor of Klaipeda. Waiting for my friends.

Ich konnte die Gruppendynamik nicht genau durchschauen, doch glaubte ich der auf Russisch gefuhrten Diskussion entnommen zu haben, dass nur drei der funf Lust hatten, sich mit mir drei Stunden lang zu langweilen. Ich mischte mich, im Wissen daruber, wie unangebracht der Zeitpunkt sein konnte, in die Diskussion ein und schlug vor, als Entschadigung alle auf einen Kaffe einzuladen. Die laute Diskussion wich einem einvernehmendem Murmeln. ‘’Ausgezeichnet. Dann gehen wir mal Kaffe suchen’’, warf ich ubermotiviert in die Runde, mit der Absicht den letzten Zweifelden keine Moglichkeit auf Widerspruch zu gewahren.

‘’Auf wen warten wir nun genau? Und woher kennst du diesen Mario und Peter?’’ fragte mich eine der Russinen, die sich mit ihrem Bio-Chai-Latte-Tee erfreulich nahe neben mich setzte. Ich stellte meinen dampfenden Kaffe, aus dem ich noch keinen Schluck zu nehmen wagte, auf den Tisch und erzahlte: ‘’Wir hatten den gleichen Couchsurfing Host in Warschau, wo wir zusammen das Wochenende verbrachten. Ich kenne sie zwar erst seit 4 Tagen, aber die geteilte Erfahrung macht uns zu Freunden. Trotz stromendem Regen tanzten wir die ganze Nacht an einer Outdoor Party am Flussufer, nur um am nachsten Morgen ubermudet in der neu aufgebauten Altstadt rumzugammeln. Ich hatte mir keinen besseren Reisestart wunschen konnen. Leider hatten die beiden einen Bus richtung Vilnius, wahrend ich mit Autostopp uber Nordpolen richtung Kaunas weiterging. So haben wir beschlossen uns hier wieder zu treffen und ein paar Tage auf der Halbinsel zu bleiben. Freedom Camping im Wald, ein paar Flaschen Bier, Brot, Sonne und Strand. Mehr braucht man nicht oder?’’ Sie lachelte mich an, obwohl ich wusste, dass sie kaum ein Wort verstanden hatte. Es stellte sich in der Tat als schwieriges Unterfangen heraus, funf Russinen drei Stunden lang zu unterhalten, die kaum Englisch sprechen konnten. Doch wo die Sprache versagte, fullten lacherlich anmutende Korpergestiken, die fur sich alleine schon zur Unterhaltung beitrugen, die Lucke. Die Zeit verflog wie im Flug.

Die Sonne hatte ihren Zenit bereits uberschritten, als der Bus mit erfreulicher Punktlichkeit im Depot einfuhr und Mario gefolgt von Peter mit einem breiten Grinsen ausstieg. Endlich. Die Begrussung musste kurz ausfallen, den die nachste Fahre fuhr bereits in zwanzig Minuten. Ich stellte die Compañeros den funf Russinen vor, wobei ich beschamt zugeben musste, dass ich mir nur zwei Namen merken konnte: Anna und Alexandra. Von jetzt an ging’s schnell. Wir rannten zum Supermarkt, diskutierten eifrig, welches Bier wir kaufen sollten, standen ungeduldig an der Kasse an und stolperten mit uberfullten Plastiksacken zum Hafen, wo wir noch in letzter Minute die Fahre erwischten — wir waren auf dem Weg richtung Kuhrische Nehrung. Die Kuhrische Nehrung ist eine 98 Kilometer lange, dunn gekurvte Sandduhne, die zwischen der Baltischen See und Littauen eine naturliche Lagune schafft. Historisch war die Halbinsel mit ihren perfekten Bedingungen fur Hafen und Fischrei, hart umkampft. Wahrend sie im zweiten Weltkrieg von den Nazis besetzt wurde, stand sie im Kalten Krieg unter russischem Einfluss, bis sie schlussendlich in den 90er Jahren Littauen zuruckgegeben wurde. Doch fur uns war sowohl die Geographie, als auch die Geschichte des Ortes vollig irrelevant. Wir freuten uns auf einen Tag am Strand. Mit den Wellen spielen, als waren wir kleine Jungs, Fussbalturnier im Sand; trinken, tanzen, Fotos schiessen. Der Sonnenbrand wird es wert gewesen sein.

En Tag am Strand
Wasser

Die russische Gesellschaft war allerdings von kurzer Dauer. Bereits am Abend musste wir uns von ihnen verabschieden, doch was blieb, war die Freude daran, noch weiter uber sie sprechen zu konnen. Mario, Peter und ich waren ein gutes Team, weil wir uns was Frauen anbelangt, immer gut erganzten. Ich mochte die kleine Blondine (Anna!), Mario die grossgewachsene Brunette mit analoger Fotokamera und fur Peter war keine der funf gut genug. Als der Mond den Himmel besetzte, verliessen wir den Strand und suchten uns einen geeigneten Zeltplatz im Wald. Was sich am Tag nach einer guten und stressfreien Idee anhorte, wurde nach Einbruch der Dunkelheit, wenn sich Bier und Paranoia die Hand reichten, ein wenig grusselig. Immer mal wieder horten wir knackende Aste in der Nahe und heulende Tiere in der Ferne. Drei Stadtkinder im Wald, die keine Ahnung hatten, wie man mit der Natur umzugehen hat. Wir beschrankten uns darauf, die Nahrungsmittel in einer Baumkrone zu verstecken und wendeten uns wieder dem Bier zu.

Freedom Camping im Wald

Ein Feuer hatte nicht nur die unzahligen zahneflatschenden Tiere, die uns sicherlich schon umzingelten, abgeschreckt, sondern uns auch warm gehalten. Doch gleichzeitig hatte es die Sicherheitsleute, die pflichtbewusst in den edlen Dienst der Campingverbotskontrolle getretten sind, auf uns aufmerksam gemacht. So liessen wir es sein, sassen im dunkeln Wald und erzahlten uns Geschichten. Wahrend Peter, als deutscher Soziologie Student mit klarem Verstand sein Leben im Griff zu haben schien, ohne dabei auf Spass verzichten zu mussen, war Mario eher der vertraumte Typ. Er kam ursprunglich aus Chile und hatte sich bis vor noch wenigen Monaten mit seinen uber dreissig Jahren im Trott des Alltags verschanzt, bis er den Panzer aufbrach, sein ganzes Eigentum verkaufte und sich auf die Reise machte. Er war, wie er mir erzahlte, auf der Suche nach Etwas, das zu benennen er nicht in der Lage war. Ich horte ihm gerne zu, denn er sprach aus Erfahrung und nicht aus gelerntem Wissen.

Nach drei Tagen, verliessen wir die Halbinsel und machten uns auf den Weg Richtung Riga. Wir hatten uns in der Stille der Natur vom hektischen Wochenende in Warschau erholt und waren bereit fur Lettlands Hauptstadt.

Like what you read? Give Roman Meier a round of applause.

From a quick cheer to a standing ovation, clap to show how much you enjoyed this story.