Berlin ist eine von Zugezogenen abgenutzte Stadt

Diesen Satz schrieb ich in mein Notizbuch; irgendwo hatte ich ihn aufgeschnappt.

Was ist überhaupt dem Prozess der Abnutzung ausgesetzt?
 Abgenutzte Kleider? Autoreifen? — Soweit klar. Und sonst?
 Abgenutzte Geschichten? Herzen? Seelen?

Beim Herumstöbern zum Wort Abnutzung habe ich nachfolgendes bei Friedrich Maximilian Klinger in seinem Schauspiel Die neue Arria gefunden. Donna SOLINA sagt hier:

… Ich wollte einem abgenutzten, philosophischen Herzen mehr Vertrauen, Unternehmen und Stärke eingehaucht haben, als dir fieberhaften, eingebildeten Schwärmer. Ich seh’s Solina, es ist keiner für dich, du pflanzest es keinem ein. Alle Männer einem falschen Instrument gleich. Zieh Saiten auf, wie du willst, sie antworten dem angeschlagenen Ton nicht. Im Innern liegt’s. Schnarr! Schnarr! da fällt’s zusammen, was vor so harmonisch klang. Ha! der Junge spielte eine Komödie mit mir! Er hat den Plutarch im Fieber gelesen, nun glaubt er sich inspiriert. O du großer Mensch! Komm! leg die Maske ab! Verleugne dich nicht weiter! Wo ist der Julio, der mich sonst so gut verstund?
Friedrich Maximilian Klinger | Jugendfreund Goethes. | 1775 Kreidezeichnung von Goethe.

Friedrich Maximilian von Klinger (* 17. Februar 1752 in Frankfurt am Main; † 25. Februarjul./ 9. März 1831greg.in Dorpat, Estland), war ein deutscher Dichter und Dramatiker. Sein Drama Sturm und Drang wurde namensgebend für eine ganze literarische Strömung. | Die neue Arria (Ein Schauspiel) — Erstdruck: Berlin 1776 (August Mylius). Zitat aus: [3. Akt | 2. Szene]

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Ein anderes Beispiel:

Manche Männer gehören der Liebe, manche waren der Soundtrack einer Romanze, und ja, sie alle werden dosiert, damit sie sich nicht abnutzen, gerade die süffigen. [AutorIn unbekannt]

Und dann wieder der Satz: Berlin ist eine von Zugezogenen abgenutzte Stadt.
 Wie mag diese Abnutzung ausgesehen haben?


Originally published at der blaue ritter.

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