Die rote Wegschnecke und das Löwenmaul

Im kleinen Gehölz am Ende des Parks trat er beinah auf eine rote Wegschnecke. Langsam bog er seinen Rücken, um sie zu beobachten, unendlich vorsichtig richtete er sich wieder auf, als befürchtete er, das Tier könnte beim geringsten Laut explodieren. Der schleimige Strich, den sie über den Weg zog, schnitt ihm für immer ein Stück Erde ab. Seine Frau Johanna brachte ihn nicht mehr dazu, das Gehölz zu betreten.
 Er blieb den Rest des Tages verstimmt.
 Den Bienen aber ging er fleißig nach, seitdem Johanna ihm an einer Pflanze des Löwenmauls gezeigt hatte, wie sie mit winzigen Kopfstößen in die Blüten ihren Schatz von Süßigkeit hoben.
 »Was für ein gescheiter Kopf«, rief er ein übers andre Mal.
 Auf den Fußspitzen näherte er sich dem Beet und forschte durch die Lesebrille wie durch eine Vitrine eines Naturalienkabinetts.
 Dem Umstand, dass die Bienen neben dem Löwenmaul auch andre Blumen angingen, schenkte er keinerlei Beachtung. Beim Löwenmaul suchte er sie und nirgendwo anders, so wie er auch von den Gartengerüchen einzig und allein den Duft des späten Phloxes anerkannte, den er mit selbstbewusster Miene ›sehen ging‹, sobald er ihn witterte. Vor der Rabatte angelangt, setzte er die Stahlbrille auf und beugte sich über die Dolden, um den Duft gewissermaßen durch die Gläser einzuatmen.


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