espresso art | Die Eissphinx

…. In der Nacht vom 12. zum 13. März stieg nach Abflauung der Brise ein ziemlich dichter Nebel auf. Das war bedauerlich, denn es vermehrte die Gefahr eines Zusammenstoßes mit dahintreibenden Eismassen. Das häufigere Vorkommen von Nebeln konnte in jenen Breiten freilich nicht überraschen. Weit auffallender erschien es dagegen, daß die Schnelligkeit unseres Fahrzeuges sich, obgleich der Wind fast eingeschlafen war, allmählich beschleunigte. Von einer schnelleren Strömung konnte das nicht herrühren, denn das Anklatschen des Wassers am Vordertheil bewies uns, daß wir noch schneller als jene vorwärts kamen.
 Diese Erscheinung dauerte bis zum Morgen an, ohne daß wir uns über das, was dabei eigentlich vorging, Rechenschaft geben konnten, wo dann, gegen zehn Uhr, der Nebel, wenigstens in den unteren Luftschichten, sich auflöste. Das westliche Ufer — ein Felsengestade ohne dahinter liegende Berge — wurde wieder sichtbar.
 Da zeigte sich, etwa eine Viertelmeile von uns, eine Masse, die die Ebene um ungefähr fünfzig Toisen überragte und die einen Umfang von zwei- bis dreihundert Toisen haben mochte. Ihrer seltsamen Gestalt nach ähnelte die Masse einer gewaltigen Sphinx mit erhobenem Oberkörper und ausgestreckten Tatzen, in der Haltung des geflügelten Ungeheuers, das die griechische Mythologie auf die Straße von Theben versetzt hat.
 War es ein lebendes Thier, ein riesiges Ungeheuer, ein Mastodon, doch tausendmal größer als die mächtigen Vettern der Elephanten der Polargebiete, von denen sich noch jetzt Ueberreste finden? Bei dem Geisteszustande, in dem wir uns befanden, hätte man das glauben — hätte man auch befürchten können, daß das Mastodon sich auf unser Fahrzeug stürzen würde, um es unter seinen Krallen zu zertrümmern.
 Nach den ersten Augenblicken unverständiger Beunruhigung erkannten wir, daß es sich um eine Bergmasse von eigenthümlicher Gestalt handelte, deren Gipfel oder Kopf eben aus der Dunsthülle klarer hervortrat.
 Ah … diese Sphinx! … Da tauchte in mir eine Erinnerung auf, die nämlich, daß ich in der Nacht, wo sich der Umsturz des Eisberg ereignete und die »Halbrane« in die Höhe gehoben wurde, von einem fabelhaften Thiere geträumt hatte, das auf dem Pole der Erde saß und dem nur ein Edgar Poë, mit seiner scharfsinnigen Genialität, seine Geheimnisse zu entlocken verstanden hatte.
 Da sollten aber noch wunderbarere Erscheinungen unsere Aufmerksamkeit erregen, unser Staunen erwecken und uns in Schrecken und Angst versetzen. …

Aus: Jules Verne: Die Eissphinx. Zweiter Band — Kapitel 16 | deutsch: 1898

espresso art | oliver simon | Die Eissphinx

Originally published at der blaue ritter.

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