Karl Henckell | Weltmusik | Eine Orchesterphantasie

Weltmusik
 Eine Orchesterphantasie

Unergründlich
 Brütet das Schweigen,
 Ballt sich zusammen
 Die schwangere Nacht –
 Taub und tonlos
 Kauert der Reigen,
 Dumpf Verdammen
 Lauert und wacht.

Hinter Blöcken
 Finstre Dämonen,
 Nebelschleichend,
 Tückisch und krumm –
 Matte Monde
 Aus Nebelzonen
 Ziehn erbleichend,
 Totenstumm . . .

Plötzlich verworren
 Regt sich ein Raunen,
 Lichter aufzucken,
 Riesen stehn nackt,
 Schreien ihr Sehnen,
 Stark wie Posaunen,
 Zwerge sich ducken,
 Pan stampft den Takt.

Siehe, da brausen
 Im Orgelorkane
 Urwäldermeere,
 Sonnengesäugt –
 Lustschwärme jauchzen
 Wilde Päane,
 Isis zur Ehre,
 Wollustgezeugt.

Doch aus der schäumenden
 Orgien Tosen
 Löst sich der zarter
 Sich wiegende Bund –
 Kinder der Anmut
 Lagern auf Rosen,
 Innig gepaarter
 Sucht sich der Mund.

Reinere Ordnungen
 Bilden sich leise,
 Venus Urania
 Wandelt die Welt –
 Männer und Frauen, sie
 Wählen sich weise,
 Heilig Halleluja
 Geister gesellt.

Milder erschallen die
 Saiten des Lebens,
 Rhythmen gestalten sich
 Seligen Gedichts –
 Völkerversöhnende
 Musen durchschweben’s,
 Fugen entfalten sich,
 Künder des Lichts.

Freuden und Schmerzen,
 Torheit und Trauer,
 Aufschwung und Untergang
 Tönen im Chor –
 Kämpft das Orchesterheer,
 Schütteln uns Schauer,
 Heldentriumphgesang
 Reißt uns empor.

Unergründlich
 Quellende Laute
 Locken die lauschend
 Andächtige Schar –
 Meisterhorchend,
 Was Kühnheit baute,
 Nimmt tiefaufrauschend
 Die Menschheit wahr.

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
 Die Zeitung “Volksrecht” widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum “als Kämpfer und Sender zum Proletariat” gekommen sei: “Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.” Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, “dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt”.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl


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