Konkrete Poesie | Das Hirschel

Die schöne Prinzessin schoss und traf
 Eines jungen Hirschleins Leben;
 Es fiel dahin in schweren Schlaf,
 Und wird ein Brätlein geben.
 Der Jagdhund boll ! Ein L zu Hirsch,
 So wird es dann ein Hirschel;
 Doch setzt ein römisch L zu Hirsch,
 So macht es fünfzig Hirschel.
 Ich mache hundert Hirsche draus,
 Schreib Hirschell mit zwei LLen.«

Jakob Michael Reinhold Lenz | 1771

***
 Den Namen Hirschel tragen für gewöhnlich Jungen; er entstammt dem Jiddischen. Der Vollständigkeit halber, wenn auch nicht überraschend: er bedeutet Hirsch.

Lenz fertigte eine Übertragung der Shakespeareschen Komödie »Love’s Labour’s Lost« (»Verlorene Liebesmüh«, 1594/95) an. Diese betitelte er mit »Amor vincit omnia« (»Die Liebe überwindet alles«).

Goethe schrieb im elften Buch von “Dichtung und Wahrheit” aus 1814 dazu: Lenz behandele »seinen Autor mit großer Freiheit, ist nichts weniger als knapp und treu, aber er weiß sich die Rüstung oder vielmehr die Possenjacke seines Vorgängers« gut einzufühlen. »Die Absurditäten des Clowns machten besonders unsere ganze Glückseligkeit, und wir priesen Lenzen als einen begünstigten Menschen, da ihm jenes ‚Epitaphium‘ des von der Prinzessin geschossenen Wildes … gelungen war.”

Die 10-Zeilen-Lyrik ist in der zweiten Szene des vierten Aktes festgehalten.

Schaut man in die englische Originalausgabe von Alexander Pope (1725 ) zeigt sich, dass es dort überhaupt kein Gedicht gibt. JMR Lenz hat diese locker-flockige Totenrede erschaffen und fantasievoll in die Szene »Ein Schuss im Walde« eingebunden. Zum Inhalt: Der assyrische Feldherr Holofernes bietet Nathanael — dem Dorfpfarrer & studierten Theologen — an, ihm ein »epitaphieum ex tempore« auf das ermordete Tier vorzutragen. Nathanael, nachdem er obigen Text gehört hat, ruft aus: »Ein rares Talent.« Der Redner ergänzt, sein Text sei »simpel und außerordentlich«.
 Die von Lenz fabulierten und in die Handlung eingeflochtenen Verse werden im sich anschließenden Komödientext Gegenstand des Dialogs. Der Redner erläutert also gewissermaßen seine Lyrik.

epitaphium [lateinisch] geht auf das Griechische ἐπιτάφιον (epitáphion) zurückgeht: „Grabschrift“ | Diese Grabinschrift oder ein Grabdenkmal für einen Verstorbenen findet sich in der Regel an einer Kirchenwand oder einem Pfeiler. Epitaphe können künstlerisch aufwendig gestaltet sein und befinden sich im Unterschied zum Grabmal nicht zwangsläufig am Bestattungsort.


Originally published at der blaue ritter .

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