Kunst | Séraphine Louis | Eine Malerin mit überbordender Phantasie

Foto: Wilhelm Uhde

Foto: Wilhelm Uhde

Séraphine, die mit ihrem eigentlichen Namen Séraphine Louis hieß und bisweilen Séraphine de Senlis genannt wurde, kam 1864 in Assy (Oise) zur Welt. Sie starb 1934. Ihre Kindheit hatte sie als Hirtin verbracht, als Haushaltsgehilfin zog sie dann nach Senlis. Man weiß kaum etwas über ihr Leben, auch nicht, wie sie zur Malerei kam. Wilhelm Ude hat sie 1912 entdeckt. Um sich auszuruhen, hatte er eine kleine Wohnung in Senlis gemietet und eine Putzfrau engagiert. Eines Tages entdeckte er bei Bürgern des Städtchens ein kleines Stilleben, das Äpfel auf einem Tisch darstellte und bei ihm einen tiefen Eindruck hinterließ. Er erfuhr, dass das Bild von seiner Putzfrau Séraphine stammte. Die ersten Bilder, die Uhde dann erwarb, wurden mit seiner Sammlung zu Beginn des ersten Weltkrieges beschlagnahmt und verkauft; sie gelten als verschollen.

Wilhelm Uhde | Porträt von Pablo Picasso 1910 | Pulitzer Kollektion

Wilhelm Uhde | Porträt von Pablo Picasso 1910 | Pulitzer Kollektion

Erst viel später sah Wilhelm Uhde, der sich nun in Chantilly niedergelassen hatte, auf einer Ausstellung provinzieller Maler im Rathaus von Senlis Bilder von Séraphine wieder. Betroffen von der Weite und Tiefe dieser neuen Werke, suchte er die alte Frau auf, die klösterlich zurückgezogen in einem armseligen Zimmer lebte, wo eine kleine Lampe Tag und Nacht vor einem bild der Jungfrau Maria brannte. Séraphine, klein und verwelkt, mit fanatischem Blick und blassem Gesicht, das von ausgebleichten Haarsträhnen umrahmt war, verbrachte ihre ganze Zeit mit Malen. Mit Uhdes Hilfe, der ihr die großen Leinwände beschaffte, nach welchen ihre überfließende Vorstellungskraft verlangte, vollbrachte sie in wenigen Jahren ein einmaliges Werk. Séraphine hat ausschließlich Blumen, Blätter und Früchte gemalt, visionäre Gebilde, entsprossen der Phantasie.

Möglicherweise haben die großen farbigen Flammen auf den Glasfenstern der Kirche von Senlis ihr die Idee zu den aufstrebenden Rhythmen ihrer großen Leinwände eingegeben, deren Details eine seltsame Welt offenbaren: Blätter, deren Herz eine Frucht ist, oder auf denen sich Augen öffnen, von Wimpern umgeben, die an die Federn kostbarer Vögel denken lassen. Man muss der Präzision und der Sicherheit ihrer erfunden Formen und dem magischen Reichtum der Farben, dem Gleichgewicht und der Harmonie ihrer Bilder, die so gar keiner natürlichen Ordnung entsprechen und die wahrscheinlich der unmittelbare Ausdruck einer Seele sind, größte Bewunderung zollen.

Sie zählt bis heute zu den bedeutendsten Vertretern der naiven Kunst in Frankreich.

Serpahine Louis_L'arbre
L'arbre de vie (1928)

L’arbre de vie (1928)

Bouquet de fleurs [Jahr unbekannt]

Bouquet de fleurs [Jahr unbekannt]

L'arbre de Paradis (1928-30)

L’arbre de Paradis (1928–30)

fsqeya6uwcylcfeoptercouzyxae
Séraphine Louis

Séraphine Louis

Bouquet de fleurs [Jahr unbekannt]

Bouquet de fleurs [Jahr unbekannt]

trennlinie2

Das Leben der Séraphine ist übrigens verfilmt worden:

Séraphine: Die außergewöhnliche Lebensgeschichte der Séraphine inspirierte den Regisseur Martin Provost zu der Filmbiografie Séraphine (Erstaufführung 1. Oktober 2008). Das Drehbuch verfasste Martin Provost gemeinsam mit Marc Abdelnour. Die belgische Schauspielerin Yolande Moreau verkörpert die Malerin, Ulrich Tukur den Kunstsammler Wilhelm Uhde. Des Weiteren spielten in dem Film Anne Bennent (Anne Marie Uhde, Schwester), Geneviève Mnich (Madame Duphot), Nico Rogner (Helmut Kolle), Adélaïde Leroux (Minouche), Serge Larivière (Duval), Françoise Lebrun (die Ordensvorsteherin).
 Der Spielfilm gewann im Jahr 2009 sieben Césars, darunter in den Kategorien Bester Film und Beste Hauptdarstellerin (Yolande Moreau).

Die Bilder einer Aufwartefrau — Séraphine Louis (1864–1942). Dokumentarfilm, Deutschland, 1992, 14:40 Min., Buch und Regie: Lucie Herrmann, Produktion: WDR, Erstsendung: 9. Dezember 1992 bei West 3, Inhaltsangabe (Memento vom 10. August 2014 im Internet Archive) von WDR.

trennlinie2

Aktuelle Literatur zu Séraphine Louis:

Séraphine Louis: 1864–1942 (Französisch) Gebundene Ausgabe — September 2015
 von Hans Körner (Autor), Manja Wilkens (Autor), Annette Gautherie-Kampka (Übersetzer)

Gebundene Ausgabe: 277 Seiten
 Verlag: Reimer, Dietrich
 Sprache: Französisch, Deutsch
 ISBN-10: 3496015470
 ISBN-13: 978–3496015475


Originally published at der blaue ritter .