Wiedergeburt des Geistes einer Birke

Das Foto vom Birkenmann ist eher ein Zufallsfundstück und wurde im August 2016 in einer alten Halle neben die Bar Paniek in Antwerpen aufgenommen. Da das Foto vom Birkenmann in einer alten Halle aufgenommen wurde, war der Hintergrund nicht nett anzusehen und somit wurde er freigestellt und auf einen schwarzen Hintergrund gesetzt, so die Fotografen Silvia & Frank, die unter dem Nutzernamen pixel2013 auf dem Portal pixabay Fotografien ihre einstellen. Allein die Bar Paniek ist sehenswert; im Sommer eines der beliebtesten Plätze in Antwerpen, in jeder Ecke waren ausgefallene und alte Dinge zu sehen.

Bei der Überlegung, welcher Text das Foto und seine “Geschichte” ergänzen können, bin ich auf den Lyriker Max Kommerell gestoßen. Bis dahin mir unbekannt, hat mich das nachfolgende Gedicht — ähnlich wie das Foto — in gruselnden Bann gezogen. Im Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm steht zur Birke u.a. gechrieben:

Die birke ist ein baum der freude und der weidenden schäfer, mit deren laub sie sich schmücken, in deren schatten sie lagern, in deren weisze, weiche rinde sie namen einschneiden.

Max Kommerell | Wiedergeburt des Geistes einer Birke

Es bog und bog die Birke
 Mir Tag um Tag
 Ihr Haupt ihr zartes herein zum Fenster

Und atmete mir Hilfe,
 So oft am Tisch
 Ich Haupt, das schwere, vergrub in Händen.

Auf einmal nicht mehr. Wer hat
 Die Axt gedurft
 Ans Leben legen der lieben Schwester?

Nicht weinend und beweint nicht
 Schied sie. Die Luft
 Weiß keine Spur. Nur das Herz hat Heimweh.

Nun trittst am Tag des Todes
 Der Birke du
 Herein und neigest dein Haupt, dein zartes.

So weiß ich gleich: hinüber
 Geglitten ist
 Ihr Geist, ihr scheuer, in deinen Leib jetzt

Und tut mir jetzt in dir,
 Dem Menschen Mensch,
 Was mir der Baum tat, ein andres Wesen.

Max Kommerell
 Aus der Sammlung Mit gleichsam chinesischem Pinsel

Über Max Kommerell | Deutscher Literaturhistoriker, Schriftsteller und Übersetzer. Lebensdaten: * 25. Februar 1902 in Münsingen (Württemberg); † 25. Juli 1944 in Marburg

Kommerell gilt als Begründer der Komparatistik. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte lagen im Barock, der Klassik und Romantik. Seine Publikationen bezogen sich auf Calderon, Hölderlin, Jean Paul, Goethe, Schiller und Hofmannsthal.
 Kommerells Arbeitsbibliothek (1400 Titel) befindet sich seit 2006 in der Marburger Universitätsbibliothek und kann dort eingesehen werden.
 Von besonderer wirkungsgeschichtlicher Tragweite war Kommerells Studie Lessing und Aristoteles (Frankfurt am Main 1940), mit der er der Erforschung des Antikebezuges moderner Intellektueller vielfältige Impulse gegeben hat.


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