
Die Stolpersteine der globalisierten Welt — oder der Pierre der Weisen
Was wären Klugscheißer ohne Bücher? Zeit also, zum UNESCO-Welttag des Buches am 23. April ein paar sprachliche Pirouetten zu drehen. Fangen wir mit ein paar Lockerungsübungen aus Kalau (liegt übrigens bei Cottbus) an: Hanoi ist nicht Schwäbisch für „ach, nein“, sondern die Hauptstadt von Vietnam. Genauso wenig handelt es sich bei Rabat um die neue Rechtschreibung des Preisabschlags, sondern um Marokkos Kapitale. Die Stolpersteine des globalisierten Dorfs haben uns wohl alle schon im Wege gelegen. Ob nun in der Tagesschau oder im Partyplausch.
Dabei müssen die Begriffe gar nicht so exotisch sein: Es ist zwar jedem bekannt, dass der Eiffelturm nicht in der Eifel steht, aber wer weiß schon, dass Bad Ems gar nicht an der Ems liegt, sondern an der Lahn? Oder dass Ostfriesland westlich von Nordfriesland liegt? Wer es mit noch mehr Lokalkolorit mag, frage einen Hessen und einen Rheinland-Pfälzer, zu welcher Stadt die Stadtteile Mainz-Amöneburg, Mainz-Kastel und Mainz-Kostheim gehören. Wer jetzt schmunzelt, hat vielleicht Recht, denn sie gehören auf den ersten Blick erkennbar zu… Wiesbaden. Das ist die Landeshauptstadt am Rheinufer gegenüber.
Die Anekdoten von Kolumbus und seinen Indianern sind natürlich alte Kamellen. Die Frage nach der interkulturellen Kompetenz und dazugehörigen Geographiekenntnissen ist dennoch legitim, auch wenn die PISA-Studie hat evident werden lassen, welche Basisqualifikationen offensichtlich unterpriorisiert sind. Es ist allerdings auch schon eine Kunst, Länder, Leute und Landschaften richtig zuzuordnen. Guadalupe beispielsweise ist der Name von vier Städten in Mexiko sowie je einer in Bolivien, Costa Rica, Kolumbien und Peru. Die französische Karibikinsel hingegen heißt Guadeloupe. Auch Grenada liegt in der Karibik, Granada bekanntermaßen in Spanien.
Zwischen genannter Karibik und Brasilien liegt die älteste Demokratie Südamerikas: Klein-Venedig.
Die Entdecker — ein Spanier und ein Italiener — gaben dem Land, das sie mit der Pfahlbauweise der Ureinwohner am Maracaibosee an Venezia erinnerte, den spanischen Namen Venezuela.
Ein Schwenk nach Asien verbunden mit einem intellektuellen Schwank beim Dinner könnte dann auch schnell Grundsatzdiskussionen hervorzaubern, wie z. B. der europäisch geprägte Begriff Naher Osten in Abgrenzung von Fernost. Im Englischen, Arabischen und Hebräischen ist für die in großen Teilen deckungsgleiche Region von Middle East die Rede. Literarisch und religiös-kulturell wird es noch spannender: Wer ist schon in der Lage, die auch in aktuellen Diskussionen gern zitierten Begriffe Morgenland und Abendland oder auch (Vorderer) Orient und Okzident auf derselben Karte einzuzeichnen? Wer dann einmal die Aufmerksamkeit gewonnen hat, kann freudig berichten, dass die japanischen Kimonos von Frauen wie von Männern getragen und über der Taille von einem kostbaren breiten Stoffgürtel zusammengehalten werden, dem Obi. Genau wie der Baumarkt, dessen alter Claim “Wie, wo, was weiß Obi” hier durchaus passt.
Ortswechsel: Den Anglizismen verachtenden Germanistikern schwillt wohl stolz die Brust, wenn sie die Amerikaner vom Wunderkind im Kindergarten berichten hören oder der Brite im lupenreinen Oxford-Englisch von einer Festschrift spricht. Bei manchen Vokabeln kommt es allerdings auf die Feinheiten an. Die Briten trinken coffee, weil sie die anregende Wirkung von caffeine schätzen. Das schwarze Lieblingsgetränk der Deutschen hingegen enthält viel Koffein im Kaffee.
Immerhin kann doch der hoch geachtete deutsche Reisende auch im eigenen Land die großen Namen der Tourismusindustrie vorweisen: Kalifornien an der Kieler Ostseebucht. Übrigens in direkter Nachbarschaft von Brasilien. Wie kompliziert es aber erst werden kann, wenn man nicht einmal die Schreibweise vor Augen hat, zeigt z. B. Houston, das sich als Erdölmetropole in Texas von der Aussprache her auch nach dem Londoner Stadtteil Euston anhört. Noch heikler wird es allerdings, wenn noch die jeweiligen landesspezifischen Perspektiven ins Spiel kommen. Die Iraner etwa sind der Ansicht, dass das ans Arabische Meer grenzende Gewässer vor ihren Ufern der Persische Golf ist; die Araber meinen dieselbe Meeresbucht, wenn sie vom Arabischen Golf sprechen.
Der Ärmelkanal zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien wird übrigens nicht von Hoovercraft (das wären Staubsauger), sondern von Hovercraft befahren oder besser — beflogen. Hierbei ist es noch wichtig zu wissen, dass Great Britain Großbritannien ist, wo die Britons leben, wobei die Brittany (Bretagne) von den Bretons bevölkert ist. Im übrigen lohnt es sich selbst bei lockeren Floskeln höllisch aufzupassen, zu wem man was sagt. Beispielsweise werden einem Japaner wahrscheinlich die Haare zu Berge stehen, wenn man ihm mit chin-chin zuprostet, da dieser Ausdruck das beste Stück des Mannes auf Japanisch bezeichnet. Ein ähnliches Missgeschick kann sogar in ein und derselben Sprache passieren. Sagt ein Engländer zu einem Amerikaner Keep your pecker up!, meint er damit ganz einfach Kopf hoch!; während der verblüffte Ami die Bemerkung auf das bezieht, was die Briten willy nennen, die Italiener il cazzo und die Franzosen le pipe. Französisch klingt auch die Hauptstadt von South Dakota: Pierre — die von North Dakota eher Deutsch: Bismarck. Beide haben etwas mit Steinen zu tun. Pierre leitet sich vom griechischen πέτρος ab, so wie Petrus und Peter. Bismarck ist verkürzt aus Biscopesmarck, d. h. die Grenzmark eines Bistums, die im Mittelalter mit Grenzsteinen markiert wurde.
Manchmal ist der Stein der Weisen auch ein Stolperstein.




