Familienehre

Zehn Jahre lang gab es kein neues Album von IGNITE, jetzt sind die väterlichen Politpunks wieder da. Die Rückkehr ist keine Reunion, nur ein Zusammenraufen nach sowieso benötigter Pause, die alle Beteiligten gut genutzt haben, aber auch nicht so gut, dass im Studio nicht immer noch die Beleidigungen fliegen würden. Gegen die echten Kriege da draußen ist das immer noch nichts, das weiß Privathistoriker Zoltán Téglás wie kein Zweiter, schließlich macht er das alles von Anfang an nur, damit die Geschichten seiner Vorfahren nicht in Vergessenheit geraten.

Ignite mit Zoltán Téglás (Mitte)

Vielleicht ist ein letzter Rest Stolz Schuld daran, dass die Braunpelikane die Küste Kaliforniens nicht verlassen. Vielleicht wissen sie auch einfach nicht, wohin. Seit Jahrzehnten machen Fischer ihnen das Futter streitig, schießen sie im ungleichen Kampf ab oder lassen sie in ihren Netzen verenden. Wenn dann noch El Nino für viel zu warme Strömungen sorgt, vor denen sich die Fische kaltblütig in kühleren Tiefen verstecken, bleibt den Pelikanen nur, sich vor lauter Hunger in die Nähe der Menschen zu wagen. Sie sind keine ängstlichen Vögel; anders als viele Artgenossen halten die braunen Pelikane nicht einfach nur den großen Schnabel auf, während sie übers Wasser fliegen, sondern stürzen sich zum Jagen kopfüber hinein. Nur hilft all der Mut nicht gegen Schrotflinten. Immer wieder liegen Vögel mit gebrochenen Flügeln, Kugeln im Fleisch oder blutenden Schnäbeln am Strand und warten darauf, zu sterben. Und dann muss Zoltán Téglás sie retten. „Der Ozean“, sagt er, „ist zum Kriegsgebiet geworden. Allein dieses Wochenende haben wir über 80 Pelikane da rausgeholt, und das ist nur der allerkleinste Teil. Wir versuchen, die zu retten, die es am nötigsten haben, aber wir können nicht überall sein. Es macht absolut keinen Spaß, aber wenn wir es nicht machen würden, würde es keiner machen.“

Die ersten väterlichen Punkte sammelt der Sänger von Ignite damit, dass er an einem Samstag Abend fast 40 Minuten vor der vereinbarten Zeit anruft und anschließend das Telefon abwechselnd so weit vom Mund weghält, dass man nur noch Tellerklappern und Stühlerücken hört, und dann wieder so nah hineinbrüllt, dass es wehtut. Dass im Hintergrund keine zweite elterliche Stimme dazwischenruft und nach Weihnachtsplänen fragt, macht die Stimmung ein bisschen kaputt, aber dafür schweift Téglás auch alleine immer wieder so weit in politische Grundsatzdiskussionen ab, erzählt so merkwürdige Anekdoten aus seinem Job und holt so zuverlässig die immergleichen Geschichten von früher heraus, dass es schon wieder passt. Und natürlich schafft er es auch nach einem ganzen Leben in Kalifornien, sich beim Pelikanretten einen Sonnenbrand einzufangen. Dad halt. In diesem Fall einer der Patriarchen des politischen Punk, der mit seiner Band seit über 20 Jahren Missstände anprangert, die Jugend erzieht und damit bis zum letzten Album so oft auf Tour war, dass dabei viel zu viele Pelikane auf der Strecke blieben. „Wenn man neun Monate am Stück durch die Welt reist, bleibt zuhause alles liegen. Das ist kein schöner Gedanke.“ Ein Glück, dass Ignite nach ihrem letzten Album eine Pause eingelegt haben.

Einen großen Teil davon verbrachte Téglás natürlich als neuer Sänger von Pennywise, nachdem Jim Lindberg erst in Elternzeit gegangen war und dann auch noch den Film The Other F Word über punkige Väter drehte. „Das war eine großartige Zeit, weil es gar nicht so anders war als mit Ignite, ich nach all den Jahren in derselben Band aber einfach mal etwas Abwechslung brauchte. Das ist wie in einer Beziehung, da muss man sich ja auch manchmal für eine gewisse Zeit trennen und mit anderen rummachen, um wieder Spaß aneinander zu haben. Und mit All Or Nothing haben wir ein Album aufgenommen, auf das ich wirklich stolz bin.“ Etwas wirklich Eigenes fand er aber erst, als Lindberg zurückkam und Ignite noch nicht bereit waren, es noch mal miteinander zu versuchen. „Ich habe anderthalb Jahre keine Musik gemacht und hatte endlich Zeit, meine Organisation auf vernünftige Füße zu stellen, weil ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten eine längere Zeit am Stück zuhause war.“ Seitdem hat sein Pelikanprojekt eine Website, auf der man sich zwischen wirren Schriftarten und toten Links zwar in die 90er versetzt fühlt, die aber irgendwo darin auch über gerettete Vögel informiert und Spenden von Pelikanfreunden sammelt. Offline pflegt die Organisation verletzte Pelikane gesund und läd planlose Jugendliche dazu ein, ihre Freizeit lieber mit guten Taten als mit Drogen und Verbrechen zu verbringen. Téglás selbst hat seinen guten Zweck so vor Ewigkeiten gefunden, als er als Teenager Sozialstunden am Strand ableisten musste und zum ersten Mal mit gebrochenen Flügeln in Berührung kam. Inzwischen ist sein eigenes Projekt aber nur eine von vielen sozialen Baustellen in seinem Leben. Wenn er kann, schippert er mit Sea Shepherd auf die Meere hinaus, und weil das noch nicht reicht, springt er regelmäßig im Drogenhilfe-Projekt eines Freundes ein. Und überhaupt ist auch das ganze Musikding vor allem eine gute Tat.

„Ich bin zum Aktivisten geboren. Deshalb mache ich Punkrock. Das ganze Genre war ja von Anfang an dazu gedacht, die Welt zu verbessern. In den 80ern ging es bei den Engländern um die Arbeiterklasse, dann kam der amerikanische Hardcore mit Themen wie Straight Edge, und irgendwann Bands wie Earth Crisis oder Rise Against, die Aspekte wie die Umwelt oder Tierschutz behandelten. Punk ist nicht wie Rock’n’roll oder Country, wo man einfach über irgendwas singen kann, sondern man braucht eine Botschaft, sonst kann man es auch gleich sein lassen. Und diese Botschaft geht immer über die eigentliche Musik hinaus. Wir haben von Anfang an versucht, Menschen dazu zu bringen, selbst etwas bewegen zu wollen, indem wir ihnen zum Beispiel Organisationen aufgezeigt haben, die Freiwillige suchen. Im Punk gehört das dazu, man muss etwas verändern wollen.“

Den Vögeln kann er viel erzählen, aber seine Botschaften an die Massen wird Téglás am Strand nicht los. Deshalb hat er Ignite schließlich doch wieder zusammengetrommelt, um nach zehn Jahren endlich einen Nachfolger zu Our Darkest Days aufzunehmen. Leicht war das nicht, sagt er, und lacht dabei, weil es schon zu viele langweilige Geschichten über Songwritinghürden gibt. „Kurz gesagt: es war eine verdammt schwere Geburt. Ich hatte nach der langen Pause bestimmte Vorstellungen fürs Album, die anderen hatten andere Vorstellungen, und wir kennen uns so lange, dass wir sowas nicht besonders zivil austragen. Einer kommt mit einer Idee an, die anderen finden sie beschissen. Dann schreib ich Texte dazu und mir wird gesagt, dass das die größte Scheiße aller Zeiten ist. Ich versteh wirklich nicht, wie Leute direkt gute Songs schreiben, bei uns läuft immer alles auf die idiotischsten Streitereien hinaus, haha. Ich kann die beste Zeile schreiben, und irgendwer hängt sich garantiert daran auf, dass ich ‘oder’ statt ‘und’ geschrieben habe, und dann fangen wir alle an, uns wegen eines kleinen Wortes anzuschreien. Wenn uns jemand im Proberaum sehen könnte, würde er uns für komplette Idioten halten. Wir fangen an, gegenseitig unsere Mütter zu beleidigen, wir werden richtig persönlich und machen die kompletten Familien der anderen runter, haha. Aber das ist nicht mal so besonders, das machen viele Bands, die ich kenne. Bei Pennywise haben sie mir mal die Gesangskabine angezündet, das war schon ziemlich lustig.“

Vielleicht nimmt Zoltán Téglás die kleinen Streiche und größeren Streits seiner Band auch deshalb so leicht, weil er andere Kriegsgeschichten zu erzählen hat. So wie The Clash die englische Arbeiterklasse angetrieben haben und Bad Religion immer noch gegen die Kirche anspielen, so hatten auch die melodischen Punkhymnen von Ignite von Anfang an eine Agenda. Besonders punkig links ist die allerdings nicht, dafür aber umso persönlicher motiviert: Seine Eltern sind nach dem zweiten Weltkrieg aus Ungarn in die USA gekommen„Es ist schon komisch, dass vor allem bei euch in Deutschland nie jemand über die Verbrechen der Kommunisten spricht. Ihr sprecht über die Nazis, natürlich, und das solltet ihr auch, weil so etwas nie wieder passieren darf. Aber ihr sprecht kaum darüber, wie viele Menschen die Kommunisten umgebracht haben. Lenin, Mao, die haben alle Millionen Menschen umgebracht. Die Kommunisten sind die größten Massenmörder der jüngeren Geschichte. Aber im Punk ist es nicht cool, das zu sagen, weil alle Sozialismus und Kommunismus durcheinanderwerfen und glauben, wenn sie gegen die aktuelle Regierung sind, müssten sie für die Kommunisten sein. Also kleben sie sich rote Sterne auf die Klamotten, ohne irgendeine Ahnung zu haben, wofür die stehen. Deshalb mache ich das in meinen Songs zum Thema.“ Tatsächlich hat dem Sänger, der verschiedene ungarische Tattoos auf der Haut trägt, regelmäßig in Ungarn Urlaub macht und auf Alben gerne ungarische Volkslieder unterbringt, seine spezielle Sorte Vaterlandsliebe unter Fans und Kollegen schon Nazivorwürfe eingebracht, die er immer wieder dementiert. „Patriotismus in den USA ist etwas anderes als Patriotismus in Ungarn.“ Was auch immer das heißen soll.

Besonders extremen Gedankenguts macht sich Téglás aber wirklich nicht verdächtig. Man könnte ihn am ehesten als Sprachrohr eben nicht der Jugend, sondern der älteren Generation aus Vätern und Großvätern sehen, denen nie jemand zuhört, wenn sie bei der Familienfeier vom Krieg erzählen. Und in seinen Punkvertonungen wettert der Sohn und Enkel sowieso nicht problematisch gegen vergangene Regimes, sondern erzählt lieber möglichst aufregende Geschichten, wie sie für alle Unterdrückten gelten. Und wenn die Musik nach langen Kämpfen endlich steht, geht das mit den Inhalten fast von selbst. „Der Song Alive auf dem neuen Album handelt vom Vater meines Vaters, der an der Ungarischen Front gekämpft hat. Als die Russen kamen, hat er sich seine Familie geschnappt und ist geflohen, in einem Pferdewagen, tagelang. Sie wurden verfolgt, sie haben miterlebt, wie kurz hinter ihnen die Menschen erschossen wurden. Aber sie haben es schließlich geschafft. Meine Familie ist schließlich über Bremerhaven bis nach Ellis Island gekommen, und dann weiter bis zur Westküste. Sie haben sich nicht einfach in irgendeinem hässlichen Teil der USA niedergelassen, sondern sind mitten in LA unter Palmen gelandet. In denselben dreckigen, stinkenden Klamotten, in denen sie Europa verlassen haben, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, aber am Leben, wie mein Vater immer sagt. Sobald ich einen Song höre, spüre ich, wovon er handeln muss. Viele Leute vergessen gerne, dass Musik immer etwas Spirituelles hat, wie schon die allerersten Lieder der Gregorianischen Mönche. Die durften nur singen, um damit zu beten, der Gesang selbst war also religiös. Und auch wenn ich jetzt auf der Bühne stehe, ist das eine spirituelle Erfahrung. Es geht wirklich nicht darum, reich oder berühmt zu werden, es geht um dieses Gefühl. Deshalb mögen auch viele Sänger es überhaupt nicht, auf der Bühne zu stehen: Es verlangt einem viel zu viel ab. Ich hasse es, zu singen, weil dabei viel zu viele Emotionen im Spiel sind. Ich wünschte, ich könnte Songs wie Justin Bieber schreiben, über Mädchen und Partys, hahaha, dann würde ich mich nach Konzerten besser fühlen. Aber ich schreibe Songs über den Krieg und über Probleme und Krankheiten und über meine Familie, und ich bin am Ende eines Konzerts komplett durch. Es macht mich fertig.“

Auf A War Against You zieht Téglás Parallelen zwischen seiner Familiengeschichte und allen anderen Geschichten von Vertreibung, Hunger, Krieg und dem Überleben. Natürlich lässt ihn die Flüchtlingskrise nicht kalt, und natürlich hat er dazu eine Meinung. „Ich verstehe nicht, warum niemand aus den letzten beiden Weltkriegen gelernt hat. Krieg löst keine Probleme, das könnte nicht offensichtlicher sein. Und trotzdem steht schon wieder die Welt in Flammen und die Menschen wissen nicht, worhin. Warum arbeiten wir nicht zusammen daran, diesen Mist ein für alle Mal zu beenden? Die Lösung kann doch nicht sein, all diese Menschen zu entwurzeln, Familien zu zerreißen und das Problem auf andere Länder abzuschieben, die nicht wissen, wohin mit ihnen.“ Zoltán Téglás selbst hat nie erlebt, wie sich der Krieg anfühlt, aber gerade deshalb schreibt er umso eindringlicher darüber. Im knapp geschafften Alive, im nachdenklichen Abschlusssong Work und in Oh No Not Again, das im Titel zwischen Resignation und Verzweiflung schwankt, um sich im Text dann auf die Seite der Wut zu schlagen. Und immer, immer, immer aber in den zugänglichsten, hoffnungsvollsten Punkhymnen diesseits von Rise Against. Und auf A War Against You noch größer, poppiger und rockiger als je zuvor. Ignite haben nie zu den Bands gehört, die sich aus Prinzip in die kleinsten AZs quetschen, wenn sich auch eine Halle ausverkaufen lässt. Mit den stampfenden, fäustepumpenden, herzkasperfreundlich temperierten neuen Songs müsste es eigentlich ins Stadion gehen.

„Ich wurde zum Ende des Vietnamkrieges geboren, im Jahr 1969, deshalb bin ich ganz klar mit Stadionrock aufgewachsen. Natürlich könnte ich jetzt irgendwas anderes erzählen, aber damit würde ich mich ja nur selbst belügen. Also: ich bin der größte Stadionrockfan. Kiss sind meine Helden, und Van Halen und Led Zeppelin. Bevor ich mit Hardcore und Punk angefangen habe, habe ich die ganzen 80er durch Foreigner und AC/DC gehört. Ich kann gar nicht anders, natürlich kommt das auch in meiner eigenen Musik durch. Ich liebe die Scorpions, ich liebe Klaus Meines Stimme. Ich liebe solche Musik. Ich schreibe nicht absichtlich so, aber ich kann nicht anders.“ Ob das dem Publikum, das andere Punkbands für ähnliche Moves gerne abstraft, gefallen wird, bleibt abzuwarten. Téglás, der die Energie seiner Band ganz ähnlich wie Tim McIlrath von Rise Against oder Greg Graffin von Bad Religion live lieber in gutgemeinte Ansagen steckt als in wilde Tänze und Selbstzerstörung, jedenfalls würde es gerne auf den Touren zum Album unterhalten. „Ich schätze, ich habe so etwas wie eine Begabung dafür, zu labern“, sagt er. „Ich bin gut darin, über Dinge zu sprechen, die mir wichtig sind. Wenn ich auf der Bühne steht und mich Tausende junge Menschen anschauen, die etwas aus ihrem Leben machen wollen, dann hoffe ich, dass ich ihnen ein wenig dabei helfen kann, herauszufinden, was das ist. Ich kann von meinem Leben erzählen und ihnen das Gefühl geben, dass sie erreichen können, was sie wollen.“

So gerne Téglás auf der Bühne die Vaterfigur gibt und so gerne er die Geschichten seiner Vorfahren erzählt, so verschlossen schützt er seinen eigenen Nachwuchs. Seit dem letzten Album ist er Vater geworden, was Produzent Cameron Webb in Interviews gerne erzählt, um zu erklären, wie persönlich A War Against You zu verstehen ist, aber der Sänger selbst will dazu nichts sagen. „Ich verstehe nicht, warum die das in die Pressemitteilung zum Album gepackt haben. Das ist persönlich, das geht niemanden etwas an.“ Wie die neue Rolle sein Leben und seine Ansichten verändert hat, ob er absichtlich bis über 40 gewartet hat, wie wohl er sich als abwechselnd sehr abwesender und sehr anwesender Punkvater fühlt, was er seinem Kind von Kriegen und dem Rest der Welt erzählt und ob es Ungarisch lernt — kein Kommentar. Zoltán Téglás erzählt Familiengeschichten, aber er erzählt nicht von sich selbst. Nur einmal macht er ein merkwürdiges Paralleluniversum auf. Ob er je darüber nachgedacht wäre, wo er heute wäre, wenn seine Familie nicht aus Ungarn in die USA gekommen wäre? „Ja, das weiß ich ziemlich genau. Ich wäre ein sehr reicher Mann. Ich weiß nicht, welche Persönlichkeit ich entwickelt hätte, aber ich weiß, dass ich sehr reich wäre. Mein Urgroßvater hat sich zu Tode gearbeitet, er hatte sechs oder sieben Mühlen und riesigen Flächen Land, bis die Kommunisten es ihm weggenommen und ihn enteignet haben. Über Nacht hatte wir plötzlich fast nichts mehr. Meiner Familie ist nichts geblieben außer einem kleinen Haus und das Stückchen Land, auf dem es steht. Ich kämpfe bis heute vor Gericht gegen die Gemeinde darum, das Grundstück behalten zu dürfen, das ist immer noch nicht beendet.“ So locker er alles andere erzählt, so bitter wird er bei dieser Geschichte. Es geht ums Prinzip.

Wenn man Pelikane in Ruhe lässt, führen sie ein sehr entspanntes Familienleben. Sie bauen ihre Nester nah beieinander, legen nur wenige Eier und wechseln sich beim Ausbrüten der Jungen ab, wobei sie sich fast ohne Laute verstehen. Bis der Nachwuchs ausfliegt, wird er erst mit Fischmatsch von Schnabel zu Schnabel gefüttert und später mit ganzen Fischen. Untereinander streiten sich Braunpelikane kaum, und auch mit ihren natürlich Feinden wie den Möwen, Krähen und Adlern kommen sie weitgehend klar.. Erst wenn die Menschen auftauchen, werden sie unruhig. Dann watscheln die Elterntiere alleine durchs Watt, um Nahrung zu suchen, die es nicht mehr gibt, und wagen sich schließlich alleine an Fronten, von denen sie nicht zurückkommen. Was Zoltán Téglás einen Krieg nennt, ist in Wahrheit so einseitig wie die meisten großen Kämpfe. Und er selbst kommt immer erst, wenn es schon fast zu spät ist, um die Verwundeten aufzusammeln. Was, das weiß er auch, immerhin heißt, dass es in seinem Leben keine menschlichen Kriege gibt. „Man hat nur Zeit und Ressourcen, sich um Tiere oder die Umwelt zu kümmern, wenn man selbst nicht verhungert oder in unmittelbarer Gefahr ist. Ich weiß, dass ich diese Arbeit nur machen kann, weil meine Familie sehr große Schwierigkeiten auf sich genommen hat, um nach Kalifornien zu kommen. Und dafür bin ich sehr dankbar.“

Was das alles für die Zukunft von Ignite bedeutet? Wer weiß. „Keine Ahnung, ob wir noch mal ein Album machen. Ich würde es jedenfalls niemand anderem empfehlen.“ Zoltán Téglás lacht. „Ich sage allen Kids immer, macht die Schule zuende, lernt Mathe und werdet Buchhalter oder irgendwas. Hauptsache, ihr werdet keine Musiker, das rentiert sich kein bisschen. Wenn man die Zeit, die man in so ein Album steckt, mit dem Geld aus dem Plattenvertrag gegenrechnet, verdienen wir so ungefähr minus 20 Cent pro Stunde. Ich habe 5.000 Dollar aus meiner eigenen Tasche in A War Against You gesteckt, und ich habe keine Ahnung, was damit passiert.“ Er lacht noch mal, weil das mit den Buchhaltern natürlich ein weiser Scherz war. „Aber wenn man dann fertig ist und das Album selbst mag, dann ist es den ganzen Mist wert. Nur mal sehen, ob wir dazu noch mal Lust haben.“ Bis dahin hat er erst mal noch genug zu tun und nichts zu bereuen. Er könnte noch zig Songs über seine Familie schreiben oder es bei zig belassen, die er schon geschrieben hat. Das Tellerklappen im Hintergrund des Gesprächs verrät, dass sein Nachwuchs auf ihn wartet, auch wenn er nichts über ihn sagen will. Und die Pelikane helfen sich auch in Zukunft nicht von alleine. „Mein Leben ist schon ziemlich gut. Ich fliege durch die Welt, verbringe die Sommer in Ungarn und die Winter in Kalifornien am Strand. Jetzt gerade steht ich am Fenster eines Wolkenkratzers in den Hollywood Hills und habe eine wahnsinnige Aussicht. Draußen sind es 27 Grad, und am Wochenende sind wir mit der Drei-Millionen-Dollar-Yacht meiner Freunde nach Catalina rausgefahren, um Pelikane zu retten. Ich bin vom Boot aus ins Wasser gesprungen, neben uns sind Wale geschwommen und ich habe mir bei der Aktion einen Sonnenbrand geholt. Wenn ich jetzt sterbe, dann sterbe ich glücklich.“

Erschienen in Visions 274, 2016

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