Deserteur_innen im Geschlechterkampf

In der Ausstellungsankündigung auf Facebook zu „Non-binary Portraits“ heißt es, die kanadische Fotografin Laurence Philomène zeige ihre Freund_innen so, „wie sie idealerweise selbst gesehen werden möchten.“ Mal inszeniert vor poppig monochromen Hintergründen, mal vor urbaner Kulisse oder in der Natur, oft mit Blumen, Kippen, Lollis, Glitzer, Make-up, noch mehr Make-up, zwischen Zuckerwatte und Goth, so feiert Philomène Femininität und nonkonforme Entwürfe von Geschlecht. Denn das ist die programmatische Gemeinsamkeit der Portraitierten: Sie sind non-binär, das heißt, sie verorten ihr Geschlecht nicht im zweigeteilten Konzept von Mann und Frau. 
Non-binär ist ein Überbegriff, unter den zum Beispiel neutrois (ein drittes, neutrales Geschlecht), genderfluid (ein variierendes Geschlecht), agender (kein Geschlecht) oder demigender (eine gering ausgeprägte Geschlechtszugehörigkeit) fallen, aber auch kulturspezifische Geschlechter jenseits von oder zwischen Mann und Frau finden hier ihren Platz sowie intersexuelle Menschen, wenn sie keinem binären Geschlecht angehören. Non-binäre Personen sind damit meistens trans (Adjektiv), das heißt, das ihnen bei der Geburt zugeschriebene Geschlecht stimmt nicht mit ihrem realen Geschlecht überein. Der Gegenbegriff, also für Menschen, deren Geschlecht mit dem ihnen zugeschriebenen Geschlecht übereinstimmt, lautet cis
Eine Erfindung von Millennials, wie manche unken, ist Non-Binarität nicht. Wie erwähnt kennen andere Gesellschaften das Konzept längst. In Südasien sind Hijra ein drittes Geschlecht, viele indigene Gemeinschaften Nordamerikas nennen eine Mischung von Mann und Frau anglifiziert Two Spirit, auf Samoa gibt es für Transfemininität die Geschlechtskategorie Fa’afafine. Ihre ursprüngliche soziale Stellung ist infolge von Kolonialisation verzerrt und teilweise historisch nicht mehr nachvollziehbar, ihre Existenz zeigt jedoch, dass die Verknüpfung von Physis mit Geschlecht und trennscharfe Zweigeschlechtlichkeit eine grobe Vereinfachung und kulturell nicht universal sind. Auch die Lebenswissenschaften stimmen zu, dass eine strikte zweiteilige Trennung anhand körperlicher Merkmale eine kulturelle Überformung von Geschlecht darstellt und kein „natürliches“ Faktum. 
Wie eine zunehmende Differenzierung von non-binären Geschlechtern in Kulturen ohne Rückbezug auf eine entsprechende Tradition einzuordnen ist, bleibt streitbar und ist insbesondere für emanzipatorische Debatten um Geschlecht relevant. Eine Herausforderung dabei ist, Transgeschlechtlichkeit generell nicht mit dem falschen Maß zu messen, beispielsweise nur daran, ob sie „subversiv“ ist. Diesen Fehler begeht Kritik, wenn sie non-binäre Geschlechter mit dem Aufkommen einer neoliberalistischen Aufweichung der Grenzen zwischen den Geschlechtern, die wir seit einer Weile erleben, diskreditiert und für nichtig erklärt.
Auch trans Menschen aufzutragen, das System Geschlecht von seiner Gewaltförmigkeit zu befreien, ist selbst gewaltvoll, denn dahinter versteckt sich die Annahme, Transgeschlechtlichkeit sei im Gegensatz zu Cisgeschlechtlichkeit eine rein voluntäre Performance oder ein Millennial-Spleen, hauptsächlich Wichtigtuerei oder auf politischen Effekt abzielend. Die meisten non-binären Personen sind vermutlich jedoch (schon aus Solidarität mit binären trans Personen) keine Gender-Abolitionist_innen, die also Geschlecht ganz abschaffen wollen, und spüren sehr deutlich, dass es kein einfaches Ausklinken aus dem binären Geschlechtersystem gibt. Das wiederum macht es schwer, unpolitisch trans zu sein. Es ist kompliziert.
Wenn ich die Legitimität von Transgeschlechtlichkeit, binär oder non-binär, akzeptiere, bedeutet das jedenfalls, mich von Geschlecht als etwas, das an Körpern festzumachen ist, zu verabschieden. Der Unterschied zwischen cis Personen und trans Personen ist nicht, dass die einen als ihr richtiges Geschlecht geboren wurden und die anderen nicht, sondern dass es nur bei den einen zufällig korrekt identifiziert wurde. Zu sagen, allein Zuschreibung von außen und nicht Selbstidentifikation sei konstitutiv für Geschlecht und somit Positionierung im Patriarchat, ist keine sachliche Beschreibung von Wirklichkeit, sondern eine transfeindliche Verzerrung. Nach dieser Vorstellung ist patriarchale geschlechtliche Sozialisation ein passiver Prozess, bei dem Menschen gemäß ihrer Geschlechtszuschreibung das Wertesystem Geschlecht verinnerlichen und entsprechend behandelt werden. Sozialisation ist jedoch erstens kein einseitiger Vorgang, dem Menschen in diesem Sinne ausgeliefert sind, und zweitens wird durch die wechselseitige Bezüglichkeit binärer Geschlechter nie nur die eine Seite vermittelt, sondern immer beide. Was davon ich verinnerliche und als an mich gerichtet verstehe, ist abhängig von meinem Geschlecht. Diese Subjektivität hat das letzte Wort.
Worin transfeindlicher Feminismus Spaltung sieht, ist damit in Wirklichkeit massive Vielfalt: Geschlechtszuschreibung ist kein reines Cis-Frauengefängnis, sondern betrifft alle (unterschiedlich) negativ, die keine cis Männer sind. Die Sanktionen, mit denen Weiblichkeit sozial geahndet wird, erfahren trans Frauen und non-binäre Personen mit männlicher Zuschreibung mindestens so hart wie cis Frauen. Wie Laverne Cox in einem Interview sagte, wurde ihr als Kind vorgeworfen, kein richtiger Junge zu sein, sondern zu mädchenhaft, und nun wird ihr das Frausein abgesprochen, weil sie zu männlich sei. Dieser unbarmherzige Blick auf trans Menschen ist als solcher zu benennen und abzulehnen, er kann nicht Basis für Konzeptionen von Geschlecht sein, wenn trans Personen nicht die ewigen Verlierer_innen sein sollen.
Welche Blicke werden sich wie auf die Fotos von Laurence Philomène richten? Sie zeigen Menschen, die teilweise in einem sehr konkreten Sinne non-binär sind, nämlich die ihr Aussehen so gestalten, dass Geschlechtszuschreibung von außen irritiert oder sogar unmöglich wird. Gleichzeitig kann das nicht konstitutiv für Non-Binarität sein, ist nicht für alle non-binären Personen erreichbar oder überhaupt ihr Ziel, wie für binäre trans Personen nicht unbedingt cis passing, also in ihrem tatsächlichen Geschlecht nicht als trans erkannt zu werden, erstrebenswert ist. 
Dieser Gedanke stößt ebenfalls in feministischen Kreisen auf Unmut. Billigt man trans Personen schon ihre Existenz zu, so soll es ihnen wenigstens schlecht dabei gehen, sie sollen eine medizinische Transition machen (wollen) und sich um den Segen der Genderpolizei, die von außen Geschlechter zu- und aberkennt, bemühen. Nach dieser reduzierenden Definition sind non-binäre Personen nicht mehr trans. Sie sind lediglich Deserteur_innen im Geschlechterkampf, die wahlweise als „eigentlich doch Frauen“ ihre Kameradinnen zurücklassen oder als „eigentlich doch Männer“ feindliche Infiltration ver-körpern. Nach der gleichen Logik werden trans Frauen zum Feind erklärt, von Feministinnen ausgeschlossen und ihrem Schicksal in einer transfrauenfeindlichen Gesellschaft überlassen.
Die Subjektivität von Geschlecht zu würdigen und es nicht rein fremdbestimmt zu definieren, so dass damit Herrschaft reproduziert wird, verunmöglicht keine Herrschaftsanalyse und -Kritik und verdrängt auch nicht cis Frauen, sondern rückt lediglich das Bild der Betroffenen von sexistischer Gewalt zurecht. 
Philomènes Porträts knüpfen solidarisch an queere Selfies an, in denen trans Personen ihr Selbstbild realisieren, das so wenig Spiegelung im Außen erhält. Die Ausstellung ist damit entschieden keine Wunderkammer für den Cis-Blick, sondern Validierung von trans Menschen in ihrer Subjektivität und Schönheit.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Mai in den coGalleries Berlin.

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