Die Küche meiner Großeltern ist mein Lieblingsraum im ganzen Haus. Sie hat ein großes Fenster zum Garten, eine Glastür, die über eine Stufe auf die Terrasse führt, eine Kochinsel, die in den Raum ragt, so dass man immer einen Slalom auf dem Weg in den Garten laufen muss, und vor allem: blaue Küchenschränke. Die Farbe platzt in der Nähe der Griffe ab und darunter sind mindestens zwei weitere Schichten blau, kühler und dunkler als die oberste Schicht. In den Glasfenstern der Vitrine hängen Bilder, die meine Schwester und ich gemalt haben (Pinguine und ein Schwein) und ein Foto von mir. Über dem Vitrinenschrank ist ein Bord mit einem blaukarierten Vorhang, dahinter steht die Schnuckkiste, die wir nur über einen Tritt erreichen konnten, der unmöglich geräuschlos aufzustellen war. Heute komme ich auch so daran, aber es ist nichts mehr in der Kiste drin.

Im Speiseschrank neben dem Kühlschrank steht die Brotschneidemaschine, an der man selbst kurbeln muss, was ich immer als angenehm geräuscharm empfand. Unsere Brotschneidemaschine zu Hause klang nach Familiendrama. Früher stand hier auch die H-Milch, von der mir immer schlecht wurde. Zimmerwarme H-Milch und zimmerwarme Butter. Schnaps. Blutwurst. Weckgläser. An der Innenseite der Tür sämtliche Radieschengummibänder der letzten fünzig Jahre. Darunter eine Schublade mit Werkzeug und Heftpflaster. Darunter wiederum ein Schrank mit Kartoffeleimer und mehreren Generationen Bratpfannen. Daneben beginnt die Arbeitsfläche, unter der noch ein niedrigerer Tisch zum Ausziehen steht, falls man mal im Sitzen zwanzig Kilo Äpfel schälen möchte.

Oberhalb der Arbeitsfläche ist ein schmaler Fliesenspiegel an der Wand angebracht. Schmal, weil 25cm darüber schon die Fensterbank beginnt. Die Fliesen sind mit Schiffs- und Seefahrtmotiven verziert und sehr alt und kostbar, jedenfalls dachte ich das bis vor ein paar Jahren. Dann sah ich, dass es aufgeklebte PVC-Folie ist. Über die Stufe an der Terrassentür ist meine Großmutter zuletzt zu viel gestolpert, so dass Handgriffe und eine zweite Stufe ergänzt wurden. Jetzt stolpern mein Onkel und meine Tanten dort regelmäßig, weil sie noch an die alte Stufe gewöhnt sind. Ich stolpere dort nie, aber dafür kann ich mich nicht an das vorletzte Küchenblau erinnern.

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