Johanna

Donnerstag, 28. Juli 2016

Meine Mutter ruft mich an und sagt mir, meine Großtante Johanna gehe seit einigen Tagen nicht ans Telefon oder gehe zwar dran, sage aber nichts. „Sie atmet dann nur“, sagt meine Mutter und ich antworte, dass das doch das Wichtigste ist. Ich möchte mich nicht kümmern. Wir wohnen seit einigen Monaten in der gleichen Stadt, aber ich habe sie noch nie besucht. Wir kennen uns nur vom Telefon. Vielleicht zehn Telefonate, zwei davon länger oder überhaupt erst so lang, dass es ein richtiges Gespräch war. Ich erinnere mich an einen Besuch bei ihr, da muss ich noch ganz klein gewesen sein, und da war eine riesige dunkelbraune Schrankwand und Yogurette, aber das war bei einer anderen Großtante, sagt meine Mutter dann.

Auf dem Weg zu ihr habe ich Angst, eine Messi-Wohnung vorzufinden. Oder vielleicht macht sie mir gar nicht auf, wir kennen uns ja nicht. Es ist ein Hochhaus, perfekt, um in Ruhe zu verwahrlosen. Durch die Haustür gehe ich mit einem anderen Mieter rein, dann in den achten Stock, dann stehe ich vor ihrer Wohnungstür. Ich klingele mehrmals, dann diskutieren wir durch die geschlossene Tür. Meine Stimme hallt durch den Flur, sie versteht mich nicht, wimmelt mich ab. Sie wolle nichts bezahlen. Schließlich öffnet sie doch und erkennt mich, beziehungsweise meine Mutter, der ich ähnlich sehe. Ich erkenne sie auch, denn sie ähnelt ihrem Bruder, meinem Opa. Die gleichen Augen, aber sonst ganz anders, weich. Am Telefon hatte ich mir immer eine beige, hagere Frau vorgestellt. So ist sie gar nicht, sie ist jeansfarben, kariert, wollig, gebeugt. Sie freut sich, ich bin erleichtert, die Wohnung sieht OK aus, staubig, aber das weiß Johanna und stört sie nicht. Wir sitzen und unterhalten uns. Anscheinend ist alles einigermaßen in Ordnung. Vom Balkon aus zeigt sie mir die toten Kaninchen im Garten, die dort mit Netzen gefangen werden. Ich kann sie nicht sehen. Johanna meint, dafür müsse man geübte Augen haben. Ich vergesse nachzusehen, ob das Telefon defekt ist. Zum Abschied möchte sie mir ein Teeservice aus Silber mitgeben, was ich ablehne.

Freitag, 29. Juli 2016

Ich fahre noch mal zu Johanna, um das Telefon zu checken. Es hat einen Wackelkontakt. Ich kaufe ein Neues, allerdings schnurlos. Wir üben schnurlos telefonieren, was eine Katastrophe ist. Johanna sagt, daran sehe man, dass bei alten Leuten irgendwas im Gehirn eintrocknet. Als es nach einer Weile einigermaßen klappt, ruft sie alle möglichen Leute an, sagt dann nur, „Ich übe telefonieren!“, und legt wieder auf. Schließlich ruft eine Bekannte zurück und schimpft zehn Minuten auf sie ein, sie habe Rücken und könne nicht dauernd springen, verstehst du?! Irgendwann legt Johanna einfach auf, wir sind beide erleichtert. Dann erzählt sie mir von der geplanten Entführung. Ihr Nachbar habe außerdem die Klimaanlage hochgedreht, damit sie Bindehautentzündung bekomme. Es gibt keine Klimaanlage, aber die Bindehautentzündung ist echt. Als wir ein bisschen spazierengehen, will sie zu einem Motorradfachgeschäft, um eine Schutzbrille zu kaufen. Ich bringe sie irgendwie zurück in die Wohnung, gehe allein zu einem Motorradfachgeschäft und kaufe ein Retro-Bikerbrille. Der Verkäufer gibt sie mir für fünf Euro günstiger, als ich den Verwendungszweck erkläre. Dann noch Augentropfen, dies und das. Abends bin ich tot.

Samstag, 30. Juli 2016

Ich fahre nicht zu Johanna. Ich kann ja nicht jeden Tag zu Johanna fahren. Meine Mutter und ich suchen nach Altersheimen.

Sonntag, 31. Juli 2016

Johanna geht nicht ans Telefon. Ich fahre zu ihr, sie findet die Wohnungstürklinke nicht, da sei nur eine glatte Wand, sagt sie mir durch die Tür. Ich dirigiere sie mit Klopfen, nach einer Weile schafft sie es, zu öffnen. Ihre Augen sind furchtbar verbacken, sie erzählt vom Glaukom und dass sie kaum noch sehen könne. Ich verspreche, dass wir Montag zur Augenärztin gehen. Wir reden über Seniorenresidenzen. Das schnurlose Telefon finde ich ausgeschaltet in ihrer Handtasche.

Montag, 1. August 2016

Ich vereinbare für Dienstag einen Termin bei der Augenärztin, danach fahre ich zu Johanna. Wir gehen Kaffeetrinken, dabei erzählt sie eindringlicher von der geplanten Entführung. Mir ist alles zu viel. Ich soll bei ihr übernachten, denn für diese Nacht sei die Entführung geplant. Es soll nach Chesterfield gehen und da sei sie verloren. Ich stimme zu, bei ihr zu übernachten und überlege, wie ich es hinkriege, nicht bei ihr übernachten zu müssen. Ich wechsle das Thema. Eine Weile später ist sie wieder völlig klar und die Entführung vergessen. Bevor ich gehe, bestellt sie sich noch Nudeln mit Tomatensoße bei einem Pizzalieferanten, gleich zwei Portionen, damit der Lieferant nicht morgen nochmal fahren muss. Als das Essen da ist, gebe ich vor Erleichterung fünf Euro Trinkgeld, verspreche Johanna, morgen wieder nach ihr zu sehen und fahre nach Hause.

Dienstag, 2. August 2016

Ich stehe wieder mal vor verschlossener Tür und verfluche mich dafür, gestern nicht den Schlüssel mitgenommen zu haben. Aber man kann Leuten ja nicht einfach ihren Schlüssel wegnehmen. Ihre Stimme kommt aus dem Wohnzimmer, sie sei gestürzt und könne nicht an die Tür kommen. Sie klingt gut gelaunt und bittet mich lachend, die Tür zu öffnen, da würde jemand klingeln. Ich gehe zu ihrem Steuerberater eine Straße weiter, der einen Zweitschlüssel hat. Der Steuerberater ist im Urlaub, der Schlüssel im Safe, die Vertretung aber sehr nett. Sie druckt mir eine Vorsorgevollmacht aus. Dann lasse ich die Tür aufbrechen.

Die Wohnung sieht aus als habe ein wildes Tier darin gewütet, fast alle Möbel sind verrückt, Fußleisten von den Wänden gerissen, Vasen zerbrochen, Beistelltische umgeworfen, Polster aus Sesseln gerissen. Meine Großtante liegt barfuß halb unter einer hochbeinigen Kommode und freut sich, dass ich da bin, es wäre doch aber nicht nötig gewesen. Sie weiß nicht, dass sie in ihrer Wohnung am Boden liegt. Sie sitzt im Zug nach Kassel. Ich gebe ihr etwas zu trinken, was falsch ist, sie könnte ja sonstwie verletzt sein, woran ich gar nicht denke, und wir lachen ein bisschen. Dann gebe ich ihr ein Kopfkissen, was man wohl auch nicht machen soll, und rufe den Rettungsdienst. Drei polterige Männer von der Feuerwehr kommen und sind schnell genervt von Johannas fehlender Einsicht. Sie ist empört, weil es doch nicht sein kann, dass man wegen ein bisschen Staub in der Wohnung entmündigt wird. Sie will nicht ins Krankenhaus und scheint körperlich einigermaßen in Ordnung zu sein, also vereinbaren wir, dass später noch mal ein Arzt vorbeikommt. Ich bleibe bei ihr. Sie unterschreibt die Vorsorgevollmacht.

Dann kommt der Arzt vorbei, der sie einweisen könnte. Ich entscheide dagegen, weil sie klar sagt, dass sie nicht will. Einweisung hieße Polizei und geschlossene Psychiatrie. Sie will nicht, dann lieber tot. Er sagt mir, man könne in solchen Fällen nichts machen, ich solle zusehen, dass ich da rauskomme. Er geht, ich bleibe. Ich schiebe die Möbel an ihre Plätze zurück, räume notdürftig auf. Wir sprechen noch mal über Altersheime. Sie würde sich gern eins in ihrer Nähe anschauen. Ich vereinbare dort einen Termin für den nächsten Tag. Gott sei Dank. Ich sage mir, es ging bisher auch ohne mich und so schaffe ich es zu gehen. Ich nehme einen Schlüssel des neuen Türschlosses mit, den anderen lasse ich ihr da und hoffe, dass sie ihn nicht von innen stecken lässt.

Mittwoch, 3. August 2016

Ich bin früh bei Johanna und muss mir selbst aufschließen. Sie liegt wieder auf dem Boden, aber es ist nichts passiert. Ich helfe ihr ins Bad, suche frische Kleidung raus. Erst möchte sie sich noch waschen. Ich muss zum Termin ins Heim. Sie sagt, sie ist zu schwach um mitzukommen. Ich gehe allein, weil es wichtig ist. Als ich nach 1,5 Stunden wiederkomme, ist sie wieder gestürzt. Sie liegt halbnackt vorm Schrank, hält sich den Kopf, hat Schmerzen und eine kleine Platzwunde. Ich ziehe sie an, schleife sie in einen Sessel. Soll man alles nicht machen. Zum Glück fällt mir ein sie zu fragen, ob sie nun ins Krankenhaus möchte, was sie bejaht. Es ist furchtbar traurig, ihr Körper ist ganz verdorrt, die Augen rot, geistig ist sie glasklar. Sie sagt, es kann so nicht weitergehen, aber wie konnte es überhaupt so weit kommen. Ich bin traurig und erschöpft. Ich erzähle ihr von dem Heim und sie sagt, sie wolle dorthin ziehen, aber es sei schade, dass sie es sich nicht anschauen konnte. Und ob sie sich dort noch orientieren können wird? Ich weiß es nicht. Sie sagt, keine Operationen, keine lebensverlängernden Maßnahmen. Dann endlich Krankenhaus. Sie ist dehydriert und unterernährt und wird wegen „sozialer Indikation“ stationär aufgenommen. Als ich abends um neun zu Hause bin, stelle ich mich unter die Dusche und heule.

Donnerstag, 4. August 2016

Ich muss dreitausend Dinge organisieren. Ich organisiere dreitausend Dinge. Das Zimmer im Altersheim ist frühestens nächsten Mittwoch beziehbar. Johanna will die Einzugsermächtigung, den wichtigsten Teil des Vertrags, nicht unterschreiben. Sie erzählt wieder viel von Entführung. Ich habe keine Bankvollmacht. Der Steuerberater mit der Bankvollmacht ist immer noch im Urlaub. Ich entsorge Tomaten, einige Packungen Toastbrot und Käse. Abends wieder weinen.

Freitag, 5. August 2016

Morgens habe ich Kopfschmerzen und kann eigentlich nicht mehr. Ich muss aber die Wohnung meiner Großtante nach Papierkram durchwühlen. Dabei finde ich ein Testament, alles soll an Ärzte ohne Grenzen gehen. Dann Kontoauszüge. Später im Krankenhaus sage ich Johanna, dass ich all ihre Unterlagen beisammen habe, auch Patientenverfügung und Testament, und mich kümmere. Sie will ihr Testament ändern und meinen Namen einsetzen. Ich fühle mich schlecht. Wir wechseln das Thema. Sie erzählt mir, dass sie manchmal denkt, ihre Tochter sei noch am Leben und das sei dann schön, nur dann fiele es ihr wieder ein, dass es ja anders ist. Oft ist sie so klar, dann wieder Entführung. Die Zimmernachbarin soll involviert sein. Ich helfe ihr beim Abendessen. Später treffe ich einen Freund und haspele alle Ereignisse der letzten Tage heraus. Nachts muss ich kotzen.

Samstag, 6. August 2016

Ich schaffe es nicht ins Krankenhaus. Ich möchte selbst ins Krankenhaus. Alles wird immer mehr und größer. Nun bleibt sie vielleicht bettlägerig und wo bekomme ich so schnell ein Pflegebett her. Wie den Umzug kurzfristig regeln. Und wie bringe ich ihr das alles bei, wenn sie in Paranoia und Demenz versinkt. Kurzes Telefonat mit dem Krankenhaus, sie ist nachts aus dem Bett geklettert und gestürzt. Nichts passiert. Sie richten ihr aus, dass ich heute nicht komme. Morgen wieder. Ich weine und telefoniere mit meiner Mutter. Dann gucke ich drei Stunden lang Pferde auf tumblr an, bis ich schlafen kann.

Sonntag, 7. August 2016

Mittags bin ich 1,5 Stunden bei Johanna. Länger halte ich nicht aus. Sie ist immer noch schwach und sieht schlecht. Keine Ahnung, ob es noch mal besser wird. Sie freut sich auf eine Dusche und einen Friseurtermin im Altersheim. Wir reden einander gut zu. Sie sagt mir, ich solle zusehen, dass ich hier raus komme. Ich bin froh, dass Sonntag ist und ich fast nichts tun kann. Ein Umzugsunternehmen sagt mir ab und ich beschließe, selbst ein Auto zu mieten und über Twitter um Hilfe zu bitten. Für Mittwoch dann. Es finden sich Helferinnen. Ich schaffe das. Aber die Autovermietung sagt mir ab. Dann die Zusage von einem anderen Umzugsunternehmen und Erleichterung. Nur noch bis Mittwoch durchhalten. Hin und her.

Montag, 8. August 2016

In der Wohnung zum Packen. Am Ende sind es vier kleine Umzugskartons, eine Kommode, ein Sessel, ein Schaukelstuhl, ein Tisch, ein Stuhl, viele Bilder. Das Pflegebett ist bestellt. Der Rest bleibt erst mal in der Wohnung. Eine Schublade voller Kontoauszüge, eine Schublade voller Tafelsilber, die Perlbootfossilien, die Standuhr auf ewig halb zehn, uralte Plüschtiere, die gigantische Schrankwand, die wohl doch jede Großtante hat, Telefonbücher. Dazwischen Staub, Pfandflaschen und meine Erleichterung, hier niemals aufzuräumen. An einem der ersten Tage hat sie mir zum Glück gesagt, dass sie seit dem Tod ihrer Tochter nicht mehr an materiellem Besitz hängt. Einige Tage danach sagte sie mir natürlich wiederum, dass sie alle Möbel mitnehmen will. Ich gucke in alle Dosen, Döschen, Kisten, Schubladen, Schränke, Schachteln. Darin: Büroklammern, Kleingeld, Notizzettel, Haferflocken, Kaffeefilter, nein, keine Geldscheinbündel. Ich bin ein Roboter. Der Sozialdienst vom Krankenhaus organisiert für voraussichtlich Donnerstag ein Pflegebett. Danke. Land in Sicht.

Unterm Altersheim ist ein Café, das Johanna kennt, von dort hole ich nach dem Packen ein Stück Torte und bringe es ihr ins Krankenhaus. Sie schafft die Hälfte, verschluckt sich häufig, ihre Stimme ist schwach. Wir sprechen über ihre Verwirrung und ich sage vorsichtig, dass das vielleicht beginnende Demenz ist. Sie winkt ab und sagt, sie sei schon mitten drin. Wir lachen. Bisher hat sie jedes Mal, wenn ich bei ihr war, etwas gesagt, worüber ich laut lachen musste. Das meiste habe ich leider vergessen. Eins habe ich mir noch gemerkt: Abstand ist der beste Stand. Sie sagt, dass es vielleicht in der Familie liegt, dass die Demenz so plötzlich und in Schüben kommt. Bei ihrer Mutter sei es genauso gewesen. Die habe sich schließlich zu Tode gequält. Dann wieder Entführung. Die ganze Zeit hat sie das Gefühl, im Zug zu sitzen und ist ganz verzweifelt, weil sie nicht weiß, wo sie heute übernachten soll. Ob ich sie nicht noch da hinbringen könne. Ich erkläre ihr mehrmals, dass sie bereits dort ist. Sie erzählt mir von vorbeifahrenden Autos, Waschbären und einem Springbrunnen, und ich sage, dass das eigentlich alles nicht sein kann, da ist nur Wand. Da lacht sie und sagt, ich soll ihr doch die Freude gönnen. Ihre Welt sehe immerhin schöner aus als meine. Sie rät mir davon ab, so alt zu werden. Alles ist zu viel.

Dienstag, 9. August

Am Nachmittag kommt meine Mutter für einige Tage zu meiner Unterstützung. Im Krankenhaus finden wir Johanna in ihrem Bett wie eine Tote, eingefallen, der Mund steht offen, aber ich weiß schon, dass es nicht so einfach ist. Sie erkennt uns, freut sich, spricht dann angestrengt von den Kindern. Die Kinder haben solche Angst und das ist das Furchtbare. Sie hat keine Angst, aber wie kann man den Kindern so etwas antun? Dann fragt sie nach ihrer Tochter, die vor vier Jahren gestorben ist und meine Mutter bringt es nicht übers Herz, sie daran zu erinnern. Mir wird übel. Johannas Stimme ist dünn und alles ist dringend, aber auch weit weg. Beim Abschied fragt sie, ob ich die Kinder hier lasse und ich antworte, dass ich sie jetzt mitnehme, wenn das in Ordnung ist. Ich glaube, Johanna ist im Krieg.

Mittwoch, 10. August

Ich habe schlecht geschlafen, stehe um sechs Uhr auf und fahre um sieben quer durch Berlin zu Johannas Wohnung. Drei Umzugsmenschen kommen, lachen freundlich über die wenigen Möbel, alles ist leicht. Im Altersheim dann der Part, auf den ich mich vergleichsweise gefreut habe: das Zimmer schön herzurichten. Und tatsächlich sieht es am Ende schön aus. Eine angenehme Lücke bleibt für das Pflegebett, das morgen kommt soll.

Donnerstag, 11. August

Das Pflegebett kommt nicht. Wir telefonieren herum. Morgen dann. Johanna muss einen Tag länger im Krankenhaus bleiben. Unseren Besuch verschläft sie heute.

Freitag, 12. August

Morgens der erlösende Anruf, dass das Pflegebett da ist. Ich fahre ins Krankenhaus und warte gemeinsam mit Johanna auf den Krankentransport ins Altersheim. Dort angekommen wird sie in ihren Sessel gesetzt und ich versuche ihr das Zimmer zu erklären, das sie wegen ihrer Augenprobleme kaum erkennt. Nur dass es zu klein ist, weiß sie. Zwischendurch kommen Leute vom Pflegedienst, der Hausmeister und die Leiterin, um sich vorzustellen. Es wird Johanna zu viel und sie wird wütend. Dann sprechen die Leute aus Effizienzgründen mit mir über sie und sie wird misstrauisch. Das Mittagessen schmeckt ihr, immerhin. Den Rollstuhl will sie nicht, Pflege will sie nicht. Wir sind wieder an dem Punkt, an dem sie nicht sieht, wie viel Hilfe sie braucht, denn vor einigen Tagen war es ja noch nicht so. Ich werde wütend, denn wie kann man so stur sein? Meine Mutter sagt später, das sei die menschliche Natur und wir schwören uns einmal mehr, nie so zu werden, was Unsinn ist. Ich weiß, dass es schwer ist und Johanna mir unangemessen viel vertrauen muss. Wir kannten uns bis vor zwei Wochen ja noch gar nicht, räume ich ein, und sie antwortet, da hätte ich aber nichts verpasst. Ich lache und merke, dass ich traurig wäre, wenn sie jetzt stirbt. Heute geht es ihr nicht allzu schlecht. Dann möchte sie über Selbstbestimmung und Sterbehilfe sprechen, was eigenartig feierlich ist. Sie will nicht abhängig sein und sollte es einmal so weit kommen, möchte sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie fragt mich nach einem Mittel. Ich denke an die lächerlichen 2mg Tavor in meinem Portemonnaie und an meine Oma. Ich denke daran, dass Johanna mich in ihr Testament einfügen will und wie das aussähe, wenn ich ihr Tabletten besorge und dann erbe. Ich denke an ihre Herzschwäche und an meine Recherche zu Fingerhut und Buscopan und es ist alles nichts. Ich denke an eine mündliche Prüfung in Ethik, in der mich mein Professor fragte, ob ich ihm ein solches Medikament aus der Apotheke holen würde, wenn er tödlich erkrankt wäre und es nicht mehr selbst könnte und es sein Wunsch wäre und so weiter und so fort. Ja, würde ich. Meine Großtante ist 87 Jahre alt, so alt wie meine Oma, als sie nach einiger Quälerei starb. Muss man sich quälen? Es ist in Ordnung zu sterben, wenn man alt ist, finde ich. Dann sagt sie, Leben ist aber auch ganz schön. Und das Zimmer gefiele ihr auch immer besser.

Zweite Augusthälfte 2016

Ich bin nun drei mal pro Woche bei Johanna. Immer ist irgendwas. Wenn ich ins Zimmer komme, hat sie sofort einen Auftrag. Bananen oder Unterwäsche oder irgendwas pürieren. Wenn es erledigt ist, braucht sie es nicht mehr. Sie möchte nach Kassel umziehen. Alles dreht sich im Kreis. Meine Verwandten in Kassel bringen es nicht übers Herz ihr zu sagen, dass sie sich nicht kümmern können, bis ich ihnen durchs Telefon halb an die Gurgeln springe. Seitdem sagen sie ihr, sie seien jetzt im Urlaub oder W. müsse seine Doktorarbeit noch mal neu schreiben.

September 2016

Ich bin zwei mal pro Woche bei Johanna. Mehr schaffe ich nicht, weil — ich weiß nicht. Es ist traurig dort. Das Zimmer ist zugestellt mit Rollator, Rollstuhl, Toilettenstuhl. Ich denke oft an die Zeit im Hospiz mit meiner Oma vor einem Jahr. Johanna ist wie meine Oma, also nicht die, die ich hatte, sondern wie eine zweite Oma, die manche ja haben und ich nun auch. Manchmal möchte ich sie da rausholen, heute zum Beispiel, wo sie ganz still ist und ein ärmelloses Hemd trägt und ihre Augen so starr sind wie bei meinem Opa manchmal, wenn er nicht fassen kann, wie weit es gekommen ist. Sie sagt mir, werd bloß nicht so alt, und ich nehme es mir fest vor, bloß nicht so alt zu werden.

Ich habe zwei jüdische Sprichwörter gelesen: Alle möchten alt werden, aber niemand möchte alt sein. Und: Wie man mit sieben ist, so ist man mit siebzig. Auf Twitter lese ich: You don’t have to set yourself on fire to keep others warm. Ich stelle mir vor, wie mich im Alter alles einholt, was ich jetzt nicht zurechtrücke. Muss zurechtrücken. Wahrscheinlich werden es Ängste sein und eine lähmende Entscheidungsunfähigkeit. Und Kinderlosigkeit, ein ganz praktisches Problem. Ich zähle meine Zähne und kann nicht glauben, dass sie wahrscheinlich alle ausfallen werden, wenn ich nur lang genug dabeibleibe.

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